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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Stadt benennt zehn neue Straßen nach Frauen
Zwischenüberschrift:
Durchbruch nach jahrzehntelanger Vorgeschichte und vielen verpassten Chancen
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Nur ein winziger Bruchteil der Osnabrücker Straßen ist nach Frauen benannt. Trotz eines Grundsatzbeschlusses des Rates von 2006 rutschten immer wieder Männer dazwischen zuletzt etwa Nelson Mandela. Doch jetzt ist es so weit: Gleich zehn historisch bedeutsame Frauen kommen zum Zug.

Das Thema Straßennamen ist von jeher vor allem eines: emotional. Schließlich drückt die Namensgebung immer auch den Zeitgeist aus. Und der war in der Vergangenheit in Osnabrück vor allem eines: männlich. Zuletzt war es der Vorstoß von CDU-Fraktionschef Fritz Brickwedde, den Berliner Platz in Helmut-Kohl-Platz umzubenennen, der für hitzige Diskussionen sorgte. Etwa 400 Straßen sind nach Männern benannt und nur rund 40 nach Frauen. Jetzt wird der Abstand etwas geringer: Das ehemalige Kasernengelände am Limberg wird ein reines Frauenviertel. Dort, wo ein moderner Park Platz für Gewerbe, Freizeit und Sport entsteht, sind es Frauen, die auf den künftigen Adressen den Ton angeben. Und auch im Neubaugebiet am Eversburger Friedhof werden zwei Straßen nach Frauen benannt.

Der einstimmige Beschluss des Osnabrücker Rats von Dienstagabend hat eine lange Vorgeschichte. Es gibt bei der Stadt eine Vorschlagsliste für Straßennamen, über die der Kulturausschuss sich einmal im Jahr austauscht. Auch Vorschläge von Bürger werden dann diskutiert.

Bevor ein Vorschlag auf die Liste kommt, prüft die Stadt, ob er auch ja nicht historisch vorbelastet ist. Eine Umbenennung, weil eine NS-Vergangenheit zum Vorschein kommt, will die Stadt so bald nicht noch einmal erleben. Vor zwei Jahren erst wurden drei Straßen umgetauft: Die Carl-Diem- und die Giesbert-Bergerhoff-Straße sowie der Heinrich-Röper-Weg erhielten neue Namen. Seit 1999 stehen die ehemalige Landtagsabgeordnete und Ratsfrau Alwine Wellmann (1891–1966) und die deutsche Pädagogin Anna Siemsen (1882–1951) auf der Vorschlagsliste. Seitdem sind viele Straßen neu gebaut worden doch keine wurde nach ihnen benannt. Im Landwehrviertel etwa, dem größten Neubaugebiet seit dem Zweiten Weltkrieg, wird keine Straße einen weiblichen Namen tragen stattdessen heißen sie, thematisch passend zur Vorgeschichte der ehemaligen Soldatenkaserne, etwa Quebecallee″ oder auch Günther-Kittelmann″-Straße. Letztere wurde nach dem Wachmann Günther Kittelmann benannt, der 1989 einen Bombenanschlag auf die Quebec Barracks verhinderte.

Dabei hatte der Rat im Jahr 2006 beschlossen, Frauen bevorzugt zu berücksichtigen, wenn Straßen benannt werden. Einer, den die Straßennamenfrage seit Jahren umtreibt, ist Sebastian Bracke. Der Ratsherr der Grünen leitet den Kulturausschuss. 2011 machte der Rat einen weiteren kleinen Schritt in Richtung von mehr Gleichbehandlung, erinnert er sich: Seitdem werden grundsätzlich Vor- und Nachname bei den Straßennamen angeführt egal ob Mann oder Frau. Vorher hatten immer nur Straßen, die nach Frauen benannt wurden, den Vornamen als Zusatz.

Und voriges Jahr nahm der Rat die weiblichen Vertreterinnen des Parlamentarischen Rates kurz: die Mütter des Grundgesetzes mit auf die Vorschlagsliste: Friederike Nadig (1897–1970), Helene Weber (1891–1962) und Elisabeth Selbert (1896–1986). Sie alle und noch dazu Anna Siemsen, Alwine Wellmann und drei weitere kommen nun auf dem Gelände der Limbergkaserne zum Zuge: Anna Thalheim, Gründerin des deutschen Frauenrings, die Unternehmerin und langjährige Vorsitzende des Frauenrings Lisa Hein und die erste Chefärztin im Marienhospital, Dr. Ursula Brandenburg (1921–2004).

In Eversburg kommen im Neubaugebiet am Friedhof Wilhelmine Hunike (1934–2000), Ratsmitglied von 1968 bis 1996, sowie die als tollkühnste Frau Deutschlands″ berühmt gewordene Motorradartistin Martha Frickenschmidt (1911–2007) zum Zuge. Auch wenn der Rat sich dieses Mal einig war, gibt Sebastian Bracke zu bedenken: Das gleicht die Unterrepräsentanz von Frauen in Straßennamen nicht mal im Ansatz aus.″ Dafür bräuchte es eine erneute Gebietsreform wie in den 1970er-Jahren, als durch die Eingemeindungen viele Straßen neu benannt werden mussten.

Kommentar
Das Zeitalter der Emanzipation

Straßennamen sind immer Ausdruck des Zeitgeistes. Und in Osnabrück ist jetzt das Zeitalter der Emanzipation angebrochen, werden Historiker wohl einst schlussfolgern. Reichlich spät, aber immerhin.

Es gibt Vogel- und Blumensiedlungen, etwa rund um den Amselweg und die Veilchenstraße beide im Stadtteil Sonnenhügel. Es gibt das Komponistenviertel mit Mozart, Beethoven und Schubert auf dem Westerberg und es gibt Viertel, die vom Nationalstolz der Zwischenkriegsjahre erzählen: Der Vaterlands-, Heimat- und Kameradschaftsweg im Stadtteil Widukindland sind Beispiele dafür. Und nun kommt tatsächlich ein Frauenviertel am Limberg. Das war überfällig.

Es geht dabei nicht um die leidige Debatte um Frauenquoten, sondern darum, dass das Straßenbild suggeriert, fast ausschließlich Männer hätten es verdient, auf Straßenschildern gewürdigt zu werden. Dabei ist es Fakt, dass Frauen in der Geschichte eine ebenso große Rolle gespielt haben sofern man sie ließ. Sei es nun für die Demokratie, um die sich etwa die Mütter des Grundgesetzes um Elisabeth Selbert verdient gemacht haben, oder für die Stadt Osnabrück wie Ursula Brandenburg, die erste Chefärztin im Marienhospital.

Viele Gelegenheiten zur Benennung von Straßen gibt es nicht mehr, denn das Stadtgebiet ist größtenteils bebaut. Daher wurde es höchste Zeit, dass der Rat seinem Grundsatzbeschluss von 2006 jetzt endlich Taten folgen ließ.

s.dorn@ noz.de
Autor:
Sandra Dorn


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