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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
„Es hat immer schon Probleme gegeben″
Zwischenüberschrift:
Wie eine Schinkelanerin das gegenseitige Misstrauen im Problem-Viertel überwinden will
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Die Stadt Osnabrück und die Polizei haben auf die Zustände im sogenannten bulgarischen Viertel″ im Stadtteil Schinkel reagiert: Seit Anfang des Jahres ist dort ein Kontaktbereichsbeamter″ präsent. Es gibt aber auch inoffizielle Bemühungen: Die Schinkelanerin Sabine Steiwer sucht schon länger den Kontakt mit den bulgarischen Bewohnern.

Ein Montagnachmittag in einem Café an der Venloer Straße. Alle Tische sind besetzt. Auf einem Fernseher läuft auf einem ausländischen Sender der Film 12 Years a Slave″. Niemand beachtet ihn. Die Leute reden miteinander in einer Sprache, die nicht Deutsch ist.

An einem Tisch sitzt ein Mann in einer dicken Winterjacke. Sabine Steiwer fragt, ob noch ein Platz frei ist. Der Mann bejaht, sie setzt sich dazu. Der Kaffee in dem bulgarischen Café ist stark, der Kuchen süß. Die 59-Jährige bestellt nur ein Heißgetränk. Dann fragt sie den Mann, ob er schon Feierabend hat. Der lässt von seiner Suppe ab und antwortet mit einem knappen Nein″. Sabine Steiwer fragt freundlich, wo der Mann arbeitet. Er sagt: Nachtschicht″. Ihre weiteren Fragen beantwortet der Mann ebenfalls nur knapp. Dann hat er offensichtlich genug. Er löffelt seine Suppe nicht aus, steht auf. Sabine Steiwer sagt beschwichtigend, dass sie ihn nicht vertreiben wolle. Er meint, er wäre sowieso fertig.

Kontakt ist wichtig″, sagt Sabine Steiwer. Anscheinend wird das nicht immer geschätzt. Aber die Szene verdeutlicht, was im sogenannten bulgarischen Viertel rund um die Buersche Straße schiefläuft: Man beäugt sich misstrauisch. Sabine Steiwer gibt unumwunden zu, sie habe Angst gehabt, als sie mit dem Fahrrad auf die Männergruppen zugefahren sei, die an der Ecke Venloer Straße/ Buersche Straße gestanden hat. Aber ich habe mich informiert und weiß nun, dass sie nicht aus böser Absicht dort stehen, sondern weil sie Arbeit suchen.″ Sie sagt auch, dass sie sich vorstellen könne, dass die Leute einfach mal raus wollen, wenn sie mit mehreren Landsmännern in einem kleinen Zimmer leben.

Sicherheit verbessern

Sie hat beobachtet, dass sich der sogenannte Arbeiterstrich inzwischen gelichtet hat. Allerdings, so schränkt sie ein, könne es auch daran liegen, dass im Winter auf dem Bau weniger los ist. Die Polizei und der Zoll seien oft auf Streife in dem Viertel gewesen, hat sie beobachtet. Außerdem habe ich häufiger Sperrmüllhaufen an der Straße gesehen, was ja bedeutet, dass Leute ausgezogen sind.″

Auf Nachfrage sagt Polizeisprecher Frank Oevermann: In den vergangenen Monaten haben die Polizei und Stadt Osnabrück verstärkt Maßnahmen ergriffen, um die gefühlte Unsicherheit zu verbessern.″ Im Bereich zwischen der Buerschen Straße und Franz-Lenz-Straße sei in der Vergangenheit kein auffällig hohes Straftatenaufkommen festgestellt worden, so Oevermann. Diese objektive Betrachtung wurde jedoch in der Vergangenheit durch einige Anwohnerinnen und Anwohner anders wahrgenommen.″ Diese hätten in Diskussionen und Gesprächen mit der Polizei Verkehrsverstöße, schlechte hygienische Zustände oder Ansammlungen von Männergruppen moniert.

Der Zoll bestätigt auf Nachfrage, dass es Kontrollen an der Buerschen Straße gegeben hat. Ins Detail konnte Pressesprecher Christian Heyer aber aus Datenschutz- und ermittlungstechnischen Gründen nicht gehen. Auch die Frage, ob der Zoll die bulgarischen Leiharbeiter speziell im Visier habe, konnte er nicht beantworten.

Seit Anfang des Jahres versieht Markus Bienias von der Polizei Osnabrück als Kontaktbeamter Dienst im Schinkel. Der 30-jährige Polizeikommissar ist regelmäßig vor Ort präsent und Ansprechpartner für die Menschen im Viertel sowie auch für andere Behörden. Durch den vorrangig präventiven Einsatz von Bienias soll der Kontakt im Quartier gepflegt und die Bürgernähe sowie die polizeiliche Präsenz verbessert werden. Erreichbar ist Bienias unter der Nummer 0541 327-2615 oder per E-Mail an kob-schinkel@ pi-os.polizei.niedersachsen.de.

Sabine Steiwer lebt schon seit 35 Jahren im Schinkel erst an der Schinkelstraße, jetzt an der Buerschen Straße. Sie hat zahlreiche Menschen kommen und gehen sehen. Es hat immer schon Probleme gegeben mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen″, sagt sie. Sie hat den Wandel des Viertels hautnah miterlebt. Früher sei am Kopf der Schinkelstraße ein portugiesischer Club gewesen, es gab noch das Café Fuchs, eine Kneipe, einen Schuhmacher und einen Raumausstatter oder auch die Fleischerei Bedford, wo heute das bulgarische Café ist. Nachdem die Geschäfte ausgezogen sind, fingen die Probleme an″, erzählt sie. Nicht nur die Geschäftsleute seien aus der Ecke weggezogen. Als sich dort Türken angesiedelt hätten, seien die Deutschen weggegangen. Als die Russlanddeutschen kamen, seien die Türken weggezogen. Dann kamen Schwarzafrikaner. Nun sind die Bulgaren da.

Häuser verfallen

Ich habe das Gefühl, je heruntergekommener die Häuser hier sind, desto ärmer sind die Leute, die dort einziehen.″ Und im Laufe der Jahre seien die Immobilien immer mehr verkommen. Sabine Steiwer vermutet, dass die Eigentümer nur die Miete kassieren, sich aber ansonsten nicht um die Häuser kümmern. Früher seien die Bewohner der Buerschen Straße und der Schinkelstraße in festen Arbeitsverhältnissen gewesen, sagt sie, heute sei das oftmals anders.

Obwohl die Menschen arm sind, lässt sich Sabine Steiwer nicht abschrecken. Ich bin ja neugierig″, sagt sie und lacht. Also ist sie in das Café gegangen, wo es Tagesgerichte auch zum Mitnehmen gibt, und hat den Besitzer angesprochen. So ist man ins Gespräch gekommen.″ Nun ist sie häufiger hier, isst süßen Kuchen und trinkt starken Kaffee oder kauft eine lange Wurst. Bulgarische Lebensmittel sind dort ebenfalls erhältlich. Mittlerweile kennt die Schinkelanerin einige ihrer Nachbarn, die aus Bulgarien stammen. Sie kennt die Familien und die Kinder. Und sie wollte zum Treffen mit der Zeitung eigentlich zwei Bulgaren mitbringen. Die sind dann aber doch nicht gekommen.

Sabine Steiwer glaubt, dass viele Menschen in dem Viertel durch die Berichterstattung in den Medien stigmatisiert seien und die Angst, sich im Viertel zu bewegen, vergrößert worden ist. Sie sagt auch, dass die Äußerung von Carsten Friderici, dem Vorsitzenden des Bürgervereins Schinkel, der von einer No-go-Area″ gesprochen hatte, falsch verstanden wurde. Sabine Steiwer engagiert sich selbst seit einiger Zeit im Bürgerverein. Es ist offensichtlich, dass sie etwas verändern will im Stadtteil. Sie möchte, dass Deutsche und Bulgaren aufeinander zugehen. Sie findet es schlimm, dass die Bulgaren als EU-Migranten keine Sprachförderung erhalten. Dabei sei die Sprache doch so wichtig, damit die Leute die Chance auf eine feste Arbeit haben. Sie sind für vieles die Sündenböcke″, sagt Sabine Steiwer über die Bulgaren im Schinkel. Sie würden zum Beispiel für die Verwahrlosung der Häuser verantwortlich gemacht. Dabei sei das doch die Schuld der Vermieter.

Auf die Frage, ob sie angesichts der prekären Lage im Viertel wegziehen will, antwortet sie wie aus der Pistole geschossen: Auf keinen Fall.″ Die Frage, ob sie sich sicher fühlt, beantwortet sie etwas zögerlicher: Das war schon immer so hier.″

Bildtext:
Aus ihrem Viertel will die Schinkelanerin Sabine Steiwer nicht wegziehen trotz der Probleme, die es im Laufe der Jahre immer wieder gab.
Foto:
Thomas Wübker
Autor:
Thomas Wübker


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