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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Woran scheitert die Verkehrswende in Osnabrück?
Zwischenüberschrift:
Wissenschaftler und Ratsherr Michael Kopatz: „Solange der Bus nicht schneller ist, fahren die Leute Auto″
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Michael Kopatz schlägt ein Treffen in einem Bio-Café vor und kommt mit dem Rad. Dennoch ist es eine seiner zentralen Thesen, dass der bewusste Lebensstil Einzelner nicht ausreicht, um den Klimawandel zu stoppen. In seinem neuen Buch Schluss mit der Ökomoral! Wie wir die Welt retten, ohne ständig daran zu denken″ fordert der Umweltwissenschaftler, Autor und Ratsherr der Grünen in Osnabrück, dass sich die Strukturen ändern, damit öko″ zum Normalfall wird.

Herr Kopatz, in Ihrem Buch kritisieren Sie den unpolitischen Öko″. Wen meinen Sie damit?
Es gibt viele unpolitische Ökos. Viele Leute aus meinem Bekanntenkreis haben lange gedacht, das sei eine Form von Politik: im Bioladen einzukaufen oder ab und zu das Auto stehen zu lassen. Das ändert aber nichts. Wir dürfen unsere Konsumentscheidung nicht mit Politikgestaltung verwechseln. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat jüngst zur Grünen Woche eine Kampagne gestartet: Du entscheidest″ heißt sie und ist völlig aus der Zeit gefallen. Viel zu lange wurde die Verantwortung für Missstände in der Lebensmittelindustrie auf Konsumenten abgewälzt. Ich sage: Privater Konsumverzicht ist gar nicht so wichtig. Viel wichtiger ist, dass die Menschen politischer werden. Politischer Druck schafft Veränderung. Und wir müssen die Strukturen verändern.

Sie glauben, dass verantwortungsvoller Konsum und klimafreundliche Mobilität einfacher werden, wenn die Verhältnisse sich ändern. Erklären Sie mal!
In meinen beiden Büchern Ökoroutine″ und Schluss mit der Ökomoral! beschreibe ich, warum wir nicht tun, was wir für richtig halten. Und warum nicht geschieht, was geschehen muss. Schuld sind strukturelle und psychologische Faktoren. Man muss eine gute Bahnverbindung haben oder in Osnabrück die Busspur. Sonst steigt niemand auf öffentliche Verkehrsmittel um, das sind Strukturen. Psychologisch geht es um das Gefühl, dass es keinen Zweck hat, alleine das Richtige zu tun. Außerdem will man das haben, was die anderen haben. Man sieht sich immer im Vergleich. Davon bringe ich in der Ökomoral″ ganz viele Beispiele. Alltagsgeschichten, mit denen ich eine neue Zielgruppe erreichen will. Eine Art Klolektüre. Das haben schon einige gesagt, und ich nehme das als Kompliment. Es sollen Leute verstehen, die nicht regelmäßig Zeit″ oder Spiegel″ lesen.

Es klingt in der Tat alles sehr einfach, was Sie vorschlagen. Gleichzeitig kommt die Politik aber seit Jahren bei grundlegenden Fragen des Klimaschutzes nicht weiter.
Interessant ist doch erst mal die Erkenntnis, dass es an sich einfach wäre. Klimafreundliche Standards für Fahrzeuge sind unfassbar einfach. Man muss nur hingehen und den Standard immer weiter verschärfen. Oder ein anderes Beispiel: Es ist sehr einfach zu beschließen, dass Schweine einen halben Quadratmeter mehr Auslauf bekommen.

Aber das scheint politisch ja nicht gewollt zu sein. Haben wir es im Bereich Klimaschutz und Tierwohl mit einem Politikversagen zu tun? Wir wählen Volksvertreter, aber die lösen das Problem nicht?
Von der Mehrheit der Bevölkerung ist eine tierfreundlichere Haltung sehr wohl gewollt. An der Stelle finde ich die politische Debatte verlogen. Ich bin mir sicher: Wenn wir jetzt auf europäischer Ebene dafür sorgen, dass Schweine mehr Auslauf bekommen, dann wird es keine Proteste gegen diesen höheren Standard in Berlin geben.

Glauben Sie nicht, dass die Bauern Sturm laufen?
Warum sollten sie? Für sie ist die Wettbewerbskonformität wichtig. Das heißt, sie müssen wissen, dass die Spanier und Niederländer die gleichen Vorgaben haben, und dann gibt es zumindest innerhalb der Europäischen Union keinen Nachteil gegenüber Billigproduzenten.

Ein weiteres Beispiel in Ihrem Buch ist das Thema Verkehr. Sie machen auch da sehr einfache Vorschläge zum Klimaschutz. Man dürfe den Straßenausbau nicht vorantreiben, stattdessen müsse man den Rad- und Nahverkehr stärken. Gleichzeitig merken Sie als grüner Ratsherr in Osnabrück doch regelmäßig, wie schwierig selbst Minimalkompromisse sind. Wie gehen Vision und Wirklichkeit zusammen?
In den Städten ist es schwierig, das stimmt. Deutschland ist ein Autoland. Es gibt wahrscheinlich nur wenige Städte in Europa, wo es so schwerfällt, eine Politik auf den Weg zu bringen, die den Rad- und Nahverkehr systematisch fördert, sobald es zulasten des Autoverkehrs geht.

Woran liegt das?
Natürlich am Stellenwert der Automobilindustrie. Es liegt aber auch an Routinen. Osnabrück wurde 40 Jahre lang autogerecht gestaltet. Die Stadtbahn wurde abgeschafft, damit Autos mehr Platz haben und weil Busse angeblich billiger waren. Man hat Straßen verbreitert und jede Menge Parkplätze geschaffen, was man noch heute tut.

Was haben diese Strukturen mit dem Verhalten der Menschen zu tun?
Ganz einfach: Verhältnisse schaffen Verhalten. Ein Beispiel: Es ist zur Routine geworden, dass die Menschen von Melle oder Bramsche oder Ibbenbüren in die Osnabrücker Innenstadt fahren und da auch noch schnell und billig einen Parkplatz bekommen. Solange das so ist, wird keiner sein Auto zu Hause am Bahnhof abstellen und den Zug nehmen.

Es gibt vielleicht einen Unterschied im Vergleich zu früher: Manche Leute fühlen sich schlecht dabei.
Ja, immerhin das haben wir erreicht. Es gibt eine hohe Bereitschaft für Klimaschutz, insofern ist Moral wichtig. Aber was das tatsächliche Verhalten anbelangt, passiert wenig. Eigentlich hat sich nur verändert, dass wir jetzt mit schlechtem Gewissen fliegen und Auto fahren.

Was schlagen Sie vor?
Limits, steigende Standards und eine Änderung der Strukturen. Noch ein Beispiel: die Busspur für Osnabrück. Da kämpfe ich seit Jahren für. Gestern habe ich eine Freundin, die in den ländlichen Raum gefahren ist, überredet, den Bus zu nehmen. Das Ticket für die 20 Kilometer hat 7, 70 Euro gekostet. Ihr Bus hatte zwölf Minuten Verspätung, und sie hat im strömenden Regen gewartet ohne Bushäuschen. Woran lag das? Der Bus hat wie die anderen Autos im Stau gestanden. Darunter leidet der Osnabrücker Nahverkehr massiv: Er ist nicht verlässlich. Wenn Leute einmal so eine schlechte Erfahrung gemacht haben, steigen die nie wieder ein und das erzählen die noch 30-mal weiter. Heute sitzen im Bus überwiegend Alte, Arme, Arbeitslose und Schüler. Damit sich das ändert: Es muss sich cleverer anfühlen, das Richtige zu tun.

Was bedeutet das in dem Fall?
Wenn ich mit dem Bus schneller bin, als Sie mit dem Auto, dann fühlt es sich cleverer an, das Richtige zu tun. Park & Ride werden die Leute nur machen, wenn sie mit dem Bus nicht auf dem Weg in die Stadt im Stau stecken bleiben. Ein anderer Fall: Wenn ich einen breiten, ordentlichen Radweg habe, auf dem ich sicher andere Radfahrer überholen kann, dann fühlt es sich cleverer an, das Richtige zu tun. Wenn Parken schwerer und teurer wird, dann sind die Leute eher bereit, aufs Rad oder auf den Bus umzusteigen.

Sie schlagen für viele Bereiche Limits vor: für Flüge, für den Straßenbau, für die Flächenversiegelung, für Parkplätze. Das klingt arg nach grüner Verbotspolitik.
Es muss sich aber nicht unbedingt so anfühlen. Was wäre zum Beispiel mit einem Parkplatzlimit für Osnabrück? Das habe ich mal vorgeschlagen: einfach in bestimmten Innenstadtbezirken netto keine zusätzlichen Parkplätze zu schaffen. Das wurde von einigen im Rat als weltfremd abgetan. Weltfremd ist es aber, neue Parkplätze zu bauen. Wir wollen weniger Autos in der Stadt, bauen aber mehr Parkplätze. Da frage ich mich, welche Argumentation inkonsistent ist.

Wo brauchen wir noch Limits?
Zum Beispiel für Flughäfen: keine zusätzlichen Starts und Landungen mehr. Das Faszinierende dabei: Man müsste nichts dafür tun. Wenn die Bundesregierung einfach nicht handeln würde, wäre mein Limit automatisch umgesetzt. Ich wünsche mir nur Unterlassung. Wenn wir uns selbst ernst nehmen beim Klimaschutz, dann dürfen Flughäfen nicht mehr wachsen.

Selbst wenn wir deutschlandweit die Klimaziele erreichen, dann sind wir nur eine Nation von vielen. Und viele Länder tun wenig bis nichts. Macht unser Engagement dann überhaupt Sinn?
Der deutsche Anteil am weltweiten CO2-Austoß liegt bei zwei Prozent. Da kann man also fragen, was bringt das schon? So wie sich jeder Einzelne fragt, der sein Auto stehen lassen soll, was das bringt. Nun haben wir uns aber als Nation mit dem Pariser Abkommen dazu verpflichtet, den CO2-Ausstoß pro Bundesbürger auf zwei Tonnen zu reduzieren. Momentan liegen wir bei zehn Tonnen pro Bundesbürger, die Chinesen liegen im Mittel bei sieben Tonnen. Wir emittieren pro Einwohner mehr als die vermeintlich schmutzigen Chinesen. Und auch die müssen auf zwei Tonnen runterkommen.

Was bringt es, wenn die Deutschen vorangehen?
Es gibt ja viele andere Länder, die mitmachen. Irgendwer muss anfangen. Beim Thema Energiewende kann man das sehen. Alle reden von der deutschen Energiewende. Peking investiert in einem unfassbaren Ausmaß in Windkraft und Solar. Das ist ein riesiges Geschäftsmodell geworden und zwar, weil wir es zum Geschäftsmodell gemacht haben.

Ihre Forderung an Bürger lautet: Arsch hoch″ engagiert euch und protestiert! Sie empfehlen auch, notfalls mal einen Bagger zu besetzen. Für manche ist das eine Straftat. Wo setzen Sie die Grenze?
Das muss jeder selber entscheiden, aber im Zweifelsfall ist ziviler Ungehorsam notwendig. Ich würde aber keine Empfehlung aussprechen. Vor allem ist es wichtig, sich überhaupt zu engagieren. Das kann bei einer Demo sein, beim Fahrradprotest der Critical Mass″, mit einer Petition, durch das Mitwirken in einer Partei oder durch die Unterstützung einer Initiative. Jede Form des Sich-Einmischens ist besser, als zu Hause vorm Fernseher zu sitzen und die Zustände zu beklagen.

Bildtext:
Mit dem Bus in den Innenstadt-Stau: Solange der Nahverkehr in Osnabrück nicht verlässlich ist, werden ihn zu wenig Leute nutzen, sagt Michael Kopatz im Interview.
Foto:
Jörn Martens

Zur Person

Michael Kopatz ist Soziologe, Umweltwissenschaftler und Projektleiter am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Seine Hauptarbeitsfelder sind kommunaler Klimaschutz, Arbeit und Nachhaltigkeit sowie nachhaltiger Wohlstand. Sein Buch Ökoroutine″ fand in der Debatte um die Herausforderungen des Klimawandels große Beachtung. Der 48-jährige Autor lebt in Osnabrück. Bei den niedersächsischen Kommunalwahlen 2016 wurde er für die Partei Bündnis 90/ Die Grünen in den Rat der Stadt Osnabrück gewählt.


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