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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Die Molkerei in der Innenstadt
Zwischenüberschrift:
Schevemann produzierte bis 1972 angelieferte Milch in Osnabrück
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Früher, als die Wirtschaft noch kleinteiliger war, gab es auch in der Stadt Osnabrück Molkereien. Eine davon, die Molkerei Schevemann, verarbeitete bis 1972 die angelieferte Milch in der Großen Rosenstraße 8–14. Dann fiel sie dem Konzentrationsprozess zum Opfer und ging im Milchhof Harderberg auf. 1907 begründet Hermann Schevemann den Molkereistandort in der Innenstadt. Er verfügt über gute Kontakte zu den Bauern im Umland und spielt daher schon bald eine gewichtige Rolle auf dem Beschaffungsmarkt. In mehreren Stufen erweitert er die zunächst sehr beengten Produktionsverhältnisse 1926 und 1936 und erwirbt Nachbarparzellen hinzu. Das Geschäft brummt. Die auf eine Stundenleistung von 3000 Litern ausgelegten Kapazitäten werden auf bis zu 6000 Liter ausgereizt.

1937 wird Schevemann von einigen seiner 15 Beschäftigten angezeigt, wegen ständigen Überschreitens der erlaubten Arbeitszeit. Die Gewerbeaufsicht greift hart″ durch und stellt ihm einen Strafbefehl über 50 Reichsmark aus. Er würde ja gern mehr Arbeiterinnen einstellen, aber er finde keine, verteidigt sich der damals schon 71 Jahre alte Betriebsführer″. Für die ortsnahe Erfassung der Milch im Kreis Bersenbrück baut er einen kleineren Zweigbetrieb in Rieste auf. In der Eigenwerbung bezeichnet sich Schevemann als aeltester Betrieb am Platze″, allerdings mit ganz neuzeitlichen Anlagen″ und sichert hygienische Herstellung der Produkte″ zu. Zu den Produkten gehören Markenbutter, Schichtkäse, Speisequarg″ und natürlich bakteriologisch einwandfreie Trinkmilch″.

Schornstein zu niedrig

Palmsonntag 1945 wird der Betrieb durch Spreng- und Brandbomben weitgehend zerstört. Der jetzt 79 Jahre alte Hermann Schevemann lässt sich nicht unterkriegen und treibt mit Hilfe seines Prokuristen Hans Bohnenkamp den Wiederaufbau voran. Der ist im Oktober 1946 fürs Erste abgeschlossen. 1949 gibt es Stress mit Anwohnern. Sie beklagen Rauchbelästigung und Auswurf″ von Rußpartikeln aus dem Schornstein. Der Kessel fahre permanent im Überlastbereich, heißt es. Schevemann verspricht, dass bald ein neuer, größerer Jumey-Kessel kommt, und lässt den Schornstein von 15 auf 30 Meter erhöhen.

Am 11. Dezember 1953 verstirbt Hermann Schevemann. Hans Bohnenkamp ist Alleinerbe und führt den Betrieb fort. Und das nicht ohne Erfolg: Wander- und Ehrenpreise des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums werden in Serie abgeräumt. Bei der Käseprüfung 1965 in Oldenburg erringt die Molkerei Schevemann zum zwölften Mal den ersten Preis unter allen Molkereien in Weser-Ems. Auch bei der Trinkmilch in verkaufsfertigen Verpackungen, die immer wichtiger werden, ist Schevemann 1965 die Nummer eins. Schulmilch und - kakao

Wer in den 1950er- und 1960er-Jahren in Osnabrück eine städtische Schule besuchte, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit in der großen Pause der Milchpause″ auch einmal Schevemann-Milch oder - Kakao genuckelt. Den Markt teilte sich Schevemann mit der zweiten Molkerei im Stadtgebiet, der 1930 gegründeten Zentral-Molkerei ZEMO in der Schlachthofstraße, die im Übrigen auch eine Milchbar am Nikolaiort betrieb. Die subventionierte Schulmilch war ein Relikt der amtlichen Schulspeisung der Nachkriegszeit, mit der die Mangelernährung vieler Kinder ausgeglichen werden sollte. Ein Viertelliter-Fläschchen kostete zunächst nur 10, später 20 Pfennig. In jeder Klasse gab es einen Milchbeauftragten, der das Milchgeld einsammelte und mit dem Hausmeister abrechnete. Dieser Mitschüler nahm dann auch in der Pause den Draht-Tragekorb mit den Flaschen für seine Klasse entgegen und sorgte dafür, dass das Leergut wieder vollzählig zurückkam.

Der europäische Agrarmarkt nimmt in den 1960er-Jahren Formen an und stellt die deutschen Landwirte vor neue Herausforderungen. Landvolkverband und Genossenschaftsverbände erkennen, dass kein Weg an Rationalisierung und Konzentration vorbeigeht. Sie leisten Geburtshilfe bei der Gründung der Milchhof Osnabrück eGmbH″ im Mai 1969. Viele genossenschaftlich organisierte Landmolkereien beschließen den Beitritt.

Und was machen die Privatmolkereien? Werden sie in einen unseligen Preiswettbewerb eintreten? Schevemann ist eine der größten und würde mit einer Produktionsmenge von 20 Millionen Kilogramm Milchprodukte im Jahr zu fast einem Viertel die geplante neue Produktionsstätte auslasten. Am 29. Januar 1970 unterschreibt Hans Bohnenkamp den Beitritt seiner Molkerei. Das macht er wohl etwas vorschnell, jedenfalls ohne sich vorher mit seinen 650 Milchlieferanten abgestimmt zu haben. Unruhe kommt auf. Bohnenkamp ruft alle seine Erzeuger, mit denen er Ablieferungsverträge geschlossen hat, zusammen.

Sie erscheinen fast vollzählig am 20. Februar 1970 in der Ludwigshalle Hehmann. Zunächst herrscht Proteststimmung. Verschiedene Verbandsvertreter versuchen, durch ruhige und sachliche Informationen die Wogen zu glätten. Jahrzehntelang hätten die Landwirte keine andere Sorge als den Milchauszahlungspreis gehabt. Mit Blick auf Europa käme jetzt aber die Sorge um den Absatz hinzu. Nur mit einem leistungsfähigen Zusammenschluss ließen sich Abnahmepreis und - menge garantieren und das Absatzgebiet Richtung Ruhrgebiet ausweiten. Auch Bohnenkamp verteidigt seinen Schritt: Ohne seine Beteiligung wäre eine Erfolg versprechende Rationalisierung des Osnabrücker Milchmarktes gescheitert. Zunächst bleibe sowieso alles beim Alten. Die Milchabholung von jedem Hof an jedem Tag auch bei kleinen Mengen bleibe gewährleistet. Die Molkerei Schevemann sei zwar verkauft, produziere aber über ein Pachtverhältnis weiter, bis der neue zentrale Milchhof die Produktion aufnehme. Am Ende der Versammlung stimmt die Mehrheit der Bauern für das Zusammengehen mit dem neuen Milchhof.

Für 25 Millionen DM entsteht in Georgsmarienhütte-Harderberg der neue Betrieb, in dem zunächst acht ehemals selbstständige Molkereien aufgehen. 3000 Milchlieferanten, darunter die 650 von Schevemann, sind seine Genossen geworden. Dass damit der Konzentrationsprozess noch lange nicht beendet ist, ist eine andere Geschichte. Über die Humana-Milchunion ist der Betrieb Harderberg mittlerweile Bestandteil der Deutsches Milchkontor GmbH (DMK) mit Hauptsitz in Bremen.

Für Schevemann in der Großen Rosenstraße endet die Produktion im Herbst 1972. Unklar ist, wie es mit dem Sanierungsgebiet weitergeht. Im Mai 1987 wird der 30 Meter hohe Schornstein gesprengt, werden auch alle anderen Schevemann-Gebäude eingeebnet.

Areal wird zum Parkplatz

Wöhrl baut 1996/ 97 das Parkhaus auf der nach Osten anschließenden Fläche. Eine neue Zweckbestimmung für das zwischenzeitlich als Parkplatz genutzte Schevemann-Areal zeichnet sich erst 2011 mit dem Plan des Einkaufszentrums am Neumarkt ab. Der Bebauungsplan Nr. 600 schließt die Schevemann-Fläche ein. Vor der Neubebauung bekommt die Stadt- und Kreisarchäologie 2016 die Gelegenheit zum Graben. Sie findet erwartungsgemäß zunächst den rot-weiß-gekachelten Fußboden der alten Molkerei, darunter aber auch ältere Hausgrundrisse und zahlreiche Keramikgegenstände aus dem späten Mittelalter bis zur frühen Neuzeit. Das Grabungsfeld ist noch eingezäunt, aber zugewuchert. Nach der Absage des Neumarkt-Centers ist nun wieder offen, was mit der Schevemann-Fläche wird.

Bildtexte:
Die Molkerei Schevemann in der Großen Rosenstraße war bis 1972 in Betrieb. Das Foto von Joachim Behrens von April 1987 zeigt die Betriebsgebäude einschließlich Kesselhaus und Schornstein (links) kurz vor dem Abriss im Mai 1987.
Schevemanns Milch und Milchkakao war beliebtes Pausengetränk, hier beim Ratsgymnasiums im Sommer 1966.
Der frühere Titgemeyer-Komplex wird heute von der Universität genutzt. Das davorliegende alte Schevemann-Gelände″ ist unbebaut. Es sollte Teil des vorerst geplatzten Neumarkt-Centers werden. Die Absperrzäune rechts umgrenzen das archäologische Grabungsfeld.
Fotos:
Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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