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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Tag für Tag wächst das Risiko
 
Selbstdetonation droht
Zwischenüberschrift:
Kampfmittelräumer erklärt, warum Blindgänger im Osnabrücker Erdreich gefährlicher werden
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Die Gefahr schlummert unter der Erde. Je länger Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg verborgen vor sich hinrotten, umso höher wird das Risiko einer Selbstzündung. Wie groß die Gefahr in der Region Osnabrück ist, weiß der Kampfmittelbeseitigungsdienst.

Osnabrück Für die Osnabrücker ist es Routine: Viele mussten schon wegen einer Bombenräumung ihre Wohnung verlassen. Weil bisher außer Sachschäden nichts passierte, fällt es manchen schwer, sich die Gefahr der Sprengkörper bewusst zu machen. Doch Weltkriegsbomben, die in der Erde liegen, werden von Jahr zu Jahr gefährlicher. Nur weil Blindgänger mehr als 70 Jahre lang im Boden lagen, ohne zu explodieren, werden sie nicht harmloser im Gegenteil: Kampfmittel sind Umwelteinflüssen ausgesetzt und unterliegen einem Korrosionsprozess″, erklärt Thomas Bleicher, Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Niedersachsen. Gerade die chemisch unterstützten Langzeitzünder sind dem Verrottungsprozess stark ausgesetzt. Sie können von selbst detonieren, ohne dass die Kampfmittel in ihrer Ruhe gestört wurden.″ Selbstdetonation nennen dies die Fachleute.

Explosion statt Erdbeben

Der jüngste bekannte Fall einer Selbstdetonation in Deutschland wurde am 24. Juni 2019 im Limburger Stadtteil Ahlbach registriert. Anwohner hörten nachts einen lauten Knall und spürten ein Beben. Der Erdbebendienst bestätigte eine Erschütterung um 3.52 Uhr mit einem Wert von 1, 7 auf der Richterskala. Erst am nächsten Tag wurde klar, was passiert war: Auf einem landwirtschaftlich genutzten Feld war ein Blindgänger hochgegangen. Die Explosion verursachte einen etwa vier Meter tiefen und zehn Meter breiten Krater. Verletzt wurde niemand.

In Niedersachsen seien Selbstdetonationen seines Wissens nach bisher dreimal vorgekommen, so Bleicher. Die meisten und bekanntesten habe es in Hessen gegeben. Das hat etwas mit der Konzentration der Kampfmittel zu tun vielleicht gibt es dort Blindgänger mit Säurezünder″, mutmaßt der Fachmann, der zudem bestätigt: Wenn man die Selbstdetonationen der vergangenen Jahre in Deutschland und Österreich zusammenrechnet, dann komme man statistisch gesehen im Schnitt wohl auf eine Selbstdetonation pro Jahr.

Wann der Blindgänger im Heger Holz, den Sprengmeister Michael Crölle am Donnerstag vor einer Woche kontrolliert sprengte, von selbst detoniert wäre, kann niemand sagen. Es steckt ja keiner drin und weiß, wie weit der Alterungsprozess fortgeschritten ist″, so Bleicher.

Was jedoch feststeht: Blindgänger mit Säurezündern sind tickende Zeitbomben. Deren Zündmechanismus funktioniert wie folgt: Zelluloidplättchen, die den Schlagbolzen zurückhalten, werden beim Aufschlag der Bombe durch freigesetztes Aceton aufgelöst. Der Sprengkörper explodiert. Tut er dies nicht sofort, kann es später immer noch passieren. So können die Zelluloidplättchen beispielsweise spröde werden und brechen auch wenn sie zuvor Jahrzehnte lang stabil waren. Dies kann durch physische oder mechanische Einwirkungen geschehen dazu zählen Vibrationen, Rütteln, Schlagen oder Bewegen aber auch durch Temperaturveränderungen oder ohne Einwirkung von außen.

Gefahr im Verzug

Auch der Blindgänger, der im Heger Holz kontrolliert gesprengt wurde, hatte einen Säurezünder. Bleicher hatte deshalb schon im Vorfeld erklärt: Bei einem chemischen Zündsystem ist das Restrisiko sehr hoch, sodass wir von einer manuellen und einer Fernentschärfung absehen werden.″ Und Sprengmeister Michael Crölle berichtete nach der Sprengung: Der Säurezünder sei federvorgespannt″ gewesen. Deshalb war Gefahr im Verzug″, so Crölle. Mit anderen Worten: Eine Entschärfung wäre zu gefährlich gewesen.

Der von Crölle unschädlich gemachte Blindgänger war, wie schon viele vor ihm, bei der gezielten Suche der Stadt Osnabrück nach Blindgängern gefunden worden. So konsequent wie wir versuchen, die ganze Fläche der Stadt durchzuarbeiten, macht das keiner. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal″, sagt Jürgen Wiethäuper, der zuständige Fachdienstleiter der Stadt Osnabrück. Andere Städte und Gemeinden in Niedersachsen, die ebenfalls aktiv nach Sprengkörpern aus dem Zweiten Weltkrieg suchen, sind Belm, Georgsmarienhütte, Braunschweig, Wolfsburg und Hannover. Auch kleinere Gemeinden machten immer anlassbezogen eine Kampfmittelräumabnahme″, sagt Bleicher. Sie könnten es allerdings finanziell gar nicht wuppen″, die ganze Gemeindefläche abzusuchen. Davon abgesehen waren die größeren Städte strategische Ziele und haben eine ganz andere Belastung an Kampfmitteln erfahren und somit einen ganz anderen Handlungsbedarf″, so der Leiter des niedersächsischen Kampfmittelräumdienstes.

Wenn Osnabrück seit Jahren nach Blindgängern sucht, wie viel Prozent der Fläche der Stadt sind schon abgehakt? Ich werde mich auf keine Prozentzahl einlassen″, erklärt Wiethäuper und weist darauf hin: Einzelne Bereiche nehmen wir uns jetzt zum zweiten Mal vor und finden Dinge, die wir früher dort nicht gefunden haben.″ Da die Technik heute viel genauer sei als noch vor ein paar Jahren, sei auch die Chance entsprechend größer, Blindgänger zu entdecken. Die Osnabrücker müssen sich also weiterhin darauf einstellen, auch künftig immer mal wieder wegen Bombenräumungen ihre Häuser verlassen zu müssen.

Ende nicht abzusehen

Rund 1, 4 bis 1, 5 Millionen Tonnen Bomben warfen die Alliierten im Zweiten Weltkrieg über Deutschland ab. Experten gehen davon aus, dass zwischen zehn und zwanzig Prozent als Blindgänger geendet sind. In der Antwort auf eine Kleine Anfrage von FDP-Abgeordneten zum Thema an das niedersächsische Ministerium für Inneres und Sport im August 2019 hieß es unter anderem: Eine Prognose, bis wann und wie alle Kampfmittel der kampfmittelbelasteten Flächen restlos und umweltfreundlich beseitigt sein sollen, ist [...] nicht möglich.″

Bildtext:
Warum Blindgänger mit den Jahren immer gefährlicher werden, auch wenn sie bereits mehr als 70 Jahre im Boden liegen, erklärt Thomas Bleicher, Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Niedersachsen.
Foto:
Jörn Martens

Die Statistik

Für Statistik-Fans: 2018 wurden im Landesgebiet Kampfmittel mit einem Gesamtgewicht von 145, 14 Tonnen (129, 12 Tonnen in 2017) geborgen und der Vernichtung zugeführt″, heißt es im Jahresbericht 2018 des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Niedersachsen (KBD). In Osnabrück waren es 2017 insgesamt 122 Tonnen, und 2018 waren es 124 Tonnen. Im gleichen Zeitraum waren es beispielsweise in Oldenburg 165 beziehungsweise 255 Tonnen. Kampfmittelfunde sind stark von der Baukonjunktur, Großbaustellen, Räummaßnahmen auf Rüstungsaltlastenstandorten und in den letzten Jahren auch vermehrt von Kabelverlegungen zur Erschließung der Offshore Windparks in der Nordsee und dem Ausbau des Breitbandnetzes abhängig.
Autor:
Claudia Sarrazin


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