User Online: 5 | Timeout: 21:48Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
„Vermisst sein ist schlimmer als tot″
Zwischenüberschrift:
Wie ein Hundertjähriger die Biografie des verstorbenen Bruders vollendet / Denkwürdiges Treffen
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Hasbergen Walter kommt nicht mehr aus dem Zweiten Weltkrieg zurück. Wurde er verletzt? Geriet er in Gefangenschaft? Oder war er verstorben? Die verzweifelte Suche nach dem Verbleib des geliebten Bruders hat viele Jahre das Handeln und Denken von Max Brink (91) bestimmt. Ein Zeitungsbericht unserer Redaktion und ein ungewöhnliches Treffen brachten jetzt Klarheit nach über 75 Jahren.

Tagtäglich sitzt der Osnabrücker Max Brink (91) am Esszimmertisch und schlägt die Tageszeitung auf. So auch am 24. Dezember vergangenen Jahres. Mit Interesse begann er den Bericht unserer Redaktion zum 75-jährigen Kriegsende zu lesen. Plötzlich elektrisierte mich die Tatsache, dass ein 100-Jähriger Zeitzeuge aus Hasbergen in dem Gefangenenlager Tambow-Rada war.″

Max Brink sitzt heute, vier Wochen später, wieder am gleichen Tisch und beginnt zu erzählen: von seiner Kindheit und den Wirren des Zweiten Weltkrieges. Vor ihm auf der Tischplatte liegt ein altes Familienfoto, daneben das Tagebuch seines Bruders Walter. Die Zeilen in dem schwarzen Büchlein sind fein säuberlich mit spitzem Bleistift in Sütterlinschrift verfasst. Das Foto zeigt Max mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder Rolf und mit Walter.

Walter war sieben Jahre älter als ich und war mein großes Vorbild. Er war einfach spitze, in seinem Verhalten und in der Schule sowieso″, sagt Brink. Die drei Brüder hatten ein gutes Verhältnis, daran konnte auch der Krieg nichts ändern. Während Max die Kriegsjahre zunächst in Osnabrück erlebte, wurde Walter 1939 zur Panzerwaffe eingezogen, war zunächst in Polen, dann in Frankreich und später in der Sowjetunion. Obwohl die Brüder getrennt waren, erfolgte ein regelmäßiger und detaillierter Austausch über die Feldpost. Max selbst wurde von seinen Eltern mit der Kinderlandverschickung für ein Jahr ins Ostsudetenland nach Bad Karlsbrunn evakuiert. Sie wollten mich einfach sicher wissen und gewährleisten, dass ich vernünftig lernen konnte.″ 1943 kehrte er in das Elternhaus in der Beethovenstraße nach Osnabrück zurück. Es war der Sommer, der das Leben der Familie von heute auf morgen verändern sollte.

Am 4. August 1943 erreichte uns per Post die Nachricht des Kompanieführers: eine kleine Gruppe sei bei Belgorod-Charkower versprengt worden und gelte als vermisst″, erinnert sich Brink. Sein damals 21-jähriger Bruder war in dieser Gruppe, ab dem Tag verlor sich jede Spur von ihm. Max selbst war da 14 Jahre, kam gerade von der Schule nach Hause. Seine Mutter stand heulend und schluchzend im Waschkeller, den Brief presste sie mit zittrigen Händen an ihre Brust. Die Qual, nicht zu wissen was passiert war, ja, das war für uns alle in der folgenden Zeit das Schlimmste″, sagt er heute und fügt fast schon philosophisch hinzu: Vermisst sein ist schlimmer als tot, denn Hoffnung macht die Qual nicht endlich.″

Verwundet, gefangen genommen oder gar verstorben die Familie fand keine Antwort. Auch lange Jahre später nicht. Der materielle Wohlstand der dem Krieg folgenden Wirtschaftswunderjahre konnte über das seelische Leid nicht hinwegtrösten. Max und seine Eltern klammerten sich an jeden Strohhalm, schrieben in regelmäßigen Abständen an das Deutsche Rote Kreuz sowie den Russischen Roten Halbmond. Alles, was sie erhielten, waren unbefriedigende Nachrichten und hinhaltende Bescheide. Max′ jüngerer Bruder Rolf verstarb, ebenso seine Eltern. Auf sich allein gestellt, forschte Brink beim Deutschen Roten Kreuz in München unermüdlich nach dem Schicksal seines Bruders weiter.

Ende der Achtzigerjahre erklärte sich die Regierung in Moskau bereit, über Schicksale Auskunft zu geben. Brinks Blick schweift kurz ab zu dem Foto auf dem Tisch vor ihm, seine Augen bekommen einen feuchten Glanz, als er von den Tag berichtet, als die Ungewissheit ihr befreiendes Ende fand: Am 8. Oktober 1998 erhielt er die offizielle Nachricht, dass sein Bruder am 2. November 1943 im Alter von 22 Jahren im sowjetischen Gefangenenlager Tambow-Rada verstorben war.

Kurzfristig überlegte Brink, zu der Anlage zu reisen, die sich 400 Kilometer südöstlich von Moskau befindet. Letztendlich hielten ihn realistische Bedenken ab: Er würde kein einzelnes Grab vorfinden, sondern lange Reihen mit rund 24 000 toten Kriegsgefangenen aus 22 Nationen. Mit mittlerweile knapp 70 Jahren schaute er sich Fotos von dem Gefangenenfriedhof und dem 4, 5 Meter hohen zentralen Holzkreuz-Mahnmal im Internet an. Einen Groll gegen die Russen hegte er zu keiner Zeit. Stattdessen versuchte er weiter Zeitzeugen zu finden, die aus Rada zurückgekehrt waren. Zu gerne wollte er erfahren, wie es dort ausgesehen, unter welchen Bedingungen die Gefangenen gelebt, oder ob jemand seinen Bruder gekannt hatte. Mein Unterfangen blieb jahrelang erfolglos und jetzt plötzlich las ich in der NOZ, dass ein heute 100-Jähriger aus der Region mehrere Jahre in dem Lager war und überlebt hatte.″

Brink meldete sich direkt nach den Feiertagen in der Redaktion, bat darum, einen Kontakt herstellen zu dürfen. Nach einem kurzen Telefonat erklärte sich der 100-jährige Gerd Werner aus Hasbergen sofort mit einem gegenseitigen Besuch einverstanden. Werner selbst geriet zwar erst 1944 in Gefangenschaft und lernte Walter Brink nicht mehr persönlich kennen, konnte aber gleichwohl über die Unterbringung sowie die schweren Bedingungen vor Ort berichten. Genau das, was Herr Werner mir sehr ausführlich über jenes Gefangenenlager schilderte, wollte ich erfahren.″ Brink war angetan von der deutlichen und bildhaften Schilderung des munteren Hasbergeners und resümiert jetzt: Alles in allem war es für mich eine sehr schöne Stunde, für die ich sehr dankbar bin.″

Nach 55 Jahren Ungewissheit, nach jahrelangem Forschen, der Offenlegung der Listen sowie der Todesnachricht mit ihrer ganzen Tragik, die er als Bruder nie loswurde, hat Max Brink durch das Gespräch mit Gerd Werner den gewünschten bildhaften Abschluss gefunden. Ein trauriger Abschluss zwar, aber es ist ein zufriedenstellendes Gefühl, eine Vorstellung der letzten Monate meines Bruders erhalten zu haben.″

Bildtexte:
Jahrzehntelang versuchte Max Brink das Schicksal seines Bruders zu ergründen. Vergeblich. Als unsere Redaktion an Weihnachten den Artikel Trümmer, Tränen, Todesangst″ veröffentlichte, tauchte plötzlich das Stichwort Tambow-Rada″ auf. Brink konnte sein Glück kaum fassen.
Der 100-jährige Gerd Werner schilderte bildhaft seine Erlebnisse im sowjetischen Kriegsgefangenenlager.
Noch vereint (von links): Walter, Max und Rolf Brink.
Walter Brink führte Tagebuch. Sein Bruder Max transkribierte später die in Sütterlinschrift verfassten Einträge.
Fotos:
Monika Vollmer
Autor:
Monika Vollmer


Anfang der Liste Ende der Liste