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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Mit 90 Jahren ist Schluss
Zwischenüberschrift:
Osnabrücks dienstältester Schuhmacher geht in den Ruhestand
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück An diesem Freitag wird Werner Strob zum letzten Mal seinen kleinen Laden an der Meller Straße aufschließen, Schuhsohlen reparieren und Absätze erneuern. Am Ende des Tages wird er sich verabschieden von seinen Kunden und in einen Ruhestand, den man angesichts seines Alters als mehr als wohlverdient bezeichnen darf. Denn Werner Strob ist 90 Jahre alt. Sie müssen einen Moment warten, ich muss eben noch den Schuh fertig machen.″ Eine Maschine rattert los, es wird laut in dem schmalen Geschäft, in dem Werner Strob seit 1972 ansässig ist. Vorher war er 25 Jahre in der Straße An der Petersburg tätig. Die muss ich alle noch bis Freitag fertig machen″, sagt er mit Blick auf die Schuhe, die in den Regalen stehen.

Als die Kunden hörten, dass der Laden bald schließt, meinten viele, die Gelegenheit noch einmal schnell ergreifen und ihre Schuhe vorbeibringen zu müssen. Gearbeitet wird hier bis zum Schluss. Und dann? Große Feier? Kleiner Empfang? Nö, nichts″, sagt Werner Strob. Bloß kein großes Aufheben machen. Na, vielleicht stoßen wir noch mit einem Gläschen an″, meint seine Tochter Ulrike Meyer und lächelt. Ihr Vater wohnt mit ihr und ihrem Mann unter einem Dach in Georgsmarienhütte, im Laden war Werner Strob jedoch die meiste Zeit allein. Ich hatte mal einen Auszubildenden. Das ist aber schon 20 Jahre her″, sagt er. Doch er arbeitete gerne allein. Dann saß er hinten in der Werkstatt, hörte NDR 2 und werkelte vor sich hin. Ab und an ging die Tür, Kundschaft betrat den Laden, Kundschaft, die er meistens gut kannte, sodass man ins Plaudern kam und sich Werner Strob am Ende fast darüber ärgerte, vor lauter Gesprächen kaum zum Arbeiten zu kommen.

Warum er denn bis ins hohe Alter gearbeitet habe, wollen wir wissen. Damit er uns zu Hause nicht auf die Nerven geht″, sagt Ulrike Meyer und lacht, und ihr Vater lacht mit. Nein, finanzielle Gründe habe es nicht gegeben. Auch wenn heutzutage viele lieber ihre Schuhe wegwerfen und günstig neue kaufen, als die alten reparieren zu lassen, sei das Geschäft immer gut gelaufen. Er habe einfach Spaß an seiner Arbeit. Und vermutlich hätte er sogar noch weitergemacht, wenn er nicht vor einem halben Jahr gestürzt wäre. Seither ist es beschwerlich.

Was aus dem Ladenlokal werden wird, weiß Werner Strob nicht. Erst einmal muss er alles ausräumen. Die Lampe hier ist schon verkauft. Wollte ein Trödler haben″, sagt der Schuhmacher-Meister und zeigt auf die Strumpfhosen-Leuchtreklame mit der Aufschrift Hudson modisch wertvoll elegant″. Die Adler-Nähmaschine will er behalten. Was mit den alten Maschinen geschehen soll, ist noch nicht entschieden. Ich habe schon überlegt, ob die etwas für ein Museum wären″, sagt Ulrike Meyer.

Viele Schuhmacher gibt es nicht mehr in Osnabrück: Laut der Handwerkskammer sind in der Stadt noch acht gelistet, zwei davon sind Orthopädieschuhmacher. Acht Schuhmacher? Das kommt mir fast viel vor!″, sagt Erich Schulte, Obermeister der Schuhmacher-Innung Osnabrück-Emsland. Aber nicht jeder Schuhmacher ist auch bei der Innung gelistet. Also bei mir stehen hier drei″, sagt Schulte.

Auf die Nachricht, dass Werner Strob nun in den Ruhestand geht, reagiert Erich Schulte erstaunt: Wirklich? Das hat er ja schon oft gesagt, ich höre jetzt auf. Aber dann hat er doch immer weitergemacht.″ Mit 90 Jahren, da sei es dann aber auch wirklich einmal an der Zeit. Wie alt er selbst sei? 81! Erich Schulte lacht. Irgendetwas muss man ja zu tun haben. Ich arbeite auch nicht mehr jeden Tag, es ist schon mehr ein Hobby geworden. Aber wir Schuhmacher wir sind ja alle nur noch Rentner.″ Drei Schuhmacher habe er noch in der Innung, die jünger als 65 seien die Jungspunde! Auszubildende gibt es laut Erich Schulte derzeit praktisch keine.

Die Ausbildungsbedingungen seien auch recht unattraktiv, sagt der Osnabrücker Schuhmacher Gerhard Bucken. Vor gut drei Jahren hatte er noch eine junge Auszubildende. Eine derartige Kuriosität, dass unsere Redaktion darüber berichtete. Aber wer hier Schuhmacher werden will, der muss nach Gotha″, sagt Bucken. Bitte wohin? Ja, genau nach Thüringen. Dort befindet sich nämlich die nächste Berufsbildende Schule für Schuhmacher, dort müssen die Auszubildenden vier Unterrichtseinheiten absolvieren. Die Kosten für die Fahrten und die Unterkunft müssen die Schüler selbst tragen.

Und am Ende nehmen Schuhmacher vorwiegend Reparaturen vor, maßgefertigte Schuhe kauft fast niemand mehr. In größeren Städten vielleicht″, meint Werner Strob und zeigt ein Paar Damenschuhe, die er gefertigt hat. Alles von Hand genäht″, erläutert er. Und das hat seinen Preis: 800 bis 1000 Euro würden solche Schuhe kosten. Die halten dann aber auch ein Leben lang″, verspricht Werner Strob. Aber nur, wenn sie richtig gepflegt werden″, sagt er und lächelt.

Bildtext:
Der neunzigjährige Werner Strob schließt nach über 60 Jahren sein Schuhmachergeschäft an der Meller Straße.

Fotos:
Jörn Martens
Autor:
Cornelia Achenbach


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