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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Einkaufen statt Eislaufen
Zwischenüberschrift:
Einst der Garten des Osnabrücker Hotels „Drei Kronen″, heute Galeria Kaufhof
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Wer meint, der seit drei Jahren zur Weihnachtszeit angebotene Eiszauber″ auf dem Ledenhof sei in Osnabrück etwas bahnbrechend Neues, der irrt. Eislaufen in der Osnabrücker Innenstadt gab es auch schon 1898: im Drei-Kronen-Garten″ des gleichnamigen Hotels, das dort stand, wo jetzt Galeria Kaufhof ist. 1894 hatte Albert Drüge das Hotel Drei Kronen″ an der Ecke von Bahnhofstraße (heute Wittekindstraße) und Möserstraße übernommen. Er gestaltete die vorhandene Außenanlage, die bis zur Hase hinunterreichte, in einen Lustgarten um, der den Gästen alle denkbaren Annehmlichkeiten bot.

Dazu gehörten Sitzgelegenheiten in Veranden und auf Terrassen, überdachte Wandelgänge, ein Gehege mit possierlichen Eichhörnchen und eine große Vogelvoliere. In der Mitte sorgte ein Springbrunnen im Sommer für leicht gekühlte Luft, eine Konzertmuschel bot die Bühne für musikalische Unterhaltung aller Art. Selbstverständlich gab es auch einen Bootsanleger am Haseufer.

Eislaufen im Winter

Im Winter aber, und das war der Clou, pumpte Drüge Hasewasser in den Garten. Zuverlässiger als heutzutage spielte das Wetter mit und ließ das Wasser zu einer Eisbahn gefrieren. Sportliche Damen und Herren, auch wenn deren Bekleidung uns heute als reichlich unzweckmäßig erscheint, drehten auf der Eisfläche ihre Pirouetten, Kinder jagten dem Puck hinterher.

Die Lithografie Gruß von der Eisbahn im Drei-Kronen-Garten″ gibt den Garten lagerichtig wieder, auch wenn sie die Proportionen in idealisierender Weise gestreckt hat. Oben links in der Ecke ist das Haseufer angedeutet. Zwischen den beiden Pavillons mit den pyramidenförmigen Dächern befand sich der Bootsanleger. Das ausgesparte Rechteck darunter markiert das Grundstück der Villa Gosling. Am rechten Bildrand verläuft die Möserstraße.

Unterdessen eröffnete der gelernte Koch und ehrgeizige Gastronom Eduard Petersilie auf der gegenüberliegenden Straßenseite, also dort, wo heute die Sparkasse ihren Sitz hat, im Jahr 1897 sein erstes Hotel Germania″. Die Lage an der geschäftigen Kreuzung, die die Wege aus der Altstadt zum neuen Central-Bahnhof und zum Bankenviertel an der Wittekindstraße wies, schien ihm trotz der Konkurrenz eine gute Geschäftsgrundlage zu sein.

Diese Erwartungen erfüllten sich offensichtlich. Und zwar in einem Ausmaß, dass Petersilie Lust auf eine feindliche Übernahme″ seines Konkurrenten bekam. Er hatte wohl nicht zuletzt aufgrund des sehr viel größeren Kaffee- und Konzertgartens ein Auge auf die Immobilie vis-à-vis geworfen.

Kurz nach der Jahrhundertwende gab Albert Drüge auf und überließ das Terrain seinem Wettbewerber. Petersilie wechselte also die Straßenseite, ließ das eher biedere Drei-Kronen-Hotel abreißen und setzte an die gleiche Stelle einen auffälligen Neubau („ Germania II″), der mit seinen historisierenden Türmchen und Schaugiebeln so recht dem Repräsentationsbedürfnis des Parvenüs Petersilie entsprach. Germania I″ wurde dadurch frei. Petersilie verkaufte 1903 den Bau an die Handwerkskammer, die dort bis zur Zerstörung 1944 residierte.

Eduard Petersilie hatte Koch gelernt. Vor der Jahrhundertwende war er Geschäftsführer bei Heinrich Schorn gewesen, der unter anderem das Restaurant im Hauptbahnhof führte. Nun selbst Hotelier, erhielt Petersilie 1911 das ersehnte Prädikat Fürstlich Lippischer Hoflieferant und Hofrestaurateur″ verliehen. Er legte Wert darauf, dass sein Name stets nur mit dem Zusatz Hoflieferant″ genannt würde. Auch die Osnabrücker Tageszeitungen ließen sich darauf ein.

Das Hotel Germania″ galt bald als Erstes Haus am Platze″, oder, wie es in der Eigenwerbung hieß, eines der besuchtesten Häuser der Provinzialstädte Nordwestdeutschlands″, mit 56 Zimmern, gepflegtem Restaurant- und Saalbetrieb, Weinstuben, Kleinkunstbühne und besagtem großem Kaffee- und Konzertgarten.

Petersilie festigte den Geschäftserfolg seines Hauses in den 1930er-Jahren wohl auch durch gute Kontakte zu den Größen des NS-Regimes. Erich Maria Remarque nahm Petersilie in seinem Osnabrück-Roman Der schwarze Obelisk″ aufs Korn, in dem er ihm den Namen Eduard Knobloch verpasste, dessen dichterische Ambitionen karikierte und ihn auf kleine Schummeleien mit inzwischen wertlos gewordenen Essensmarken hereinfallen ließ.

Kino, Kaufhaus, Parkhaus

Das Hotel lag nach dem Bombenkrieg in Trümmern und wurde nicht wiederaufgebaut. Ein im Germania″-Garten errichteter Rundbunker erschwerte zunächst die neue Nutzung des Grundstücks. Als der Kinounternehmer Karl Conrady 1947 das Central-Kino″ entlang der Nordgrenze des Drei-Kronen- und späteren Germania-Gartens″ plante, schreckte er vor den Abrisskosten zurück und legte das Fundament für den aus Baracken-Fertigteilen bestehenden Kinosaal so, dass er direkt vor dem Bunker endete.

Auch beim Neubau des Merkur-Kaufhauses 1955 ließ man den Bunker noch unberührt. Erst als 1964 das Parkhaus und ein Erweiterungsbau an das Kaufhaus angefügt wurden, musste der Bunker weichen. Wer heute durch die Etagen von Galeria Kaufhof schlendert, ahnt sicherlich nichts davon, dass unter ihm vor 120 Jahren Schlittschuhläufer ihre Runden drehten.

Bildtexte:
Gruß von der Eisbahn im Drei-Kronen-Garten Osnabrück″ die Lithografie des Verlags H. Paal (1898) wurde veröffentlicht im Kalender Gruß aus Alt-Osnabrück 2020″ des Antiquariats Bojara-Kellinghaus. Das Hotel Germania″ (links unten) trat 1903 an die Stelle des Hotels Drei Kronen″. Nachdem das Germania″ im Krieg zerstört worden war, setzte das Kaufhaus Merkur″ (unten rechts) ab 1955 an der Wittekindstraße einen ersten städtebaulichen Akzent des neuen Bauens an Osnabrücks Ost-West-Achse.
Das Hotel Germania″ trat 1903 an die Stelle des Hotels Drei Kronen″. Oberhalb des künstlich eingefügten Kraftwagens erkennt man die östliche Eingrenzung des Drei-Kronen- und späteren Germania″-Gartens entlang der Möserstraße. Die Ansichtskarte entstammt der Sammlung Helmut Riecken.
Das Kaufhaus Merkur″ an der Wittekindstraße setzte einen ersten städtebaulichen Akzent des neuen Bauens nach dem Krieg an Osnabrücks Ost-West-Achse. Es entstand 1955 an Stelle des zerstörten Hotels Germania″. Das 1957 entstandene Foto von Georg Bosselmann entstammt dem Wochenkalender 2009 des Museums Industriekultur.
Das Hotel Germania″ um 1928. Die Straßenbahn kommt aus der Wittekindstraße und biegt in die Möserstraße Richtung Hauptbahnhof ein. Im Eckgebäude links war das erste Hotel Germania″ untergebracht, bis es 1903 von der Handwerkskammer übernommen wurde. Rechts die Hauptpost mit dem Telegraphenamt. Die Aufnahme zeigt die ganze Pracht des noch unzerstörten wilhelminischen Historismus an dieser bedeutenden Kreuzung.
Aus Merkur″ wurde Horten″, aus Horten″ wurde Galeria Kaufhof″. In zurückgesetzten Baufluchten beherrschen heute das Kaufhaus und die Sparkasse (links) die Kreuzung.

Fotos:
MB-Kalendervertrieb Manfred Buhmann/ Sammlung Helmut Riecken/ Georg Bosselmann, Privatarchiv Glüsenkamp, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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