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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Ein Stuhl für das Wirtschaftswunderland
Zwischenüberschrift:
Eddie Harlis – der vergessene Design-Star aus Osnabrück
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Seine Möbel sind bekannt, sein Name weniger und dass er aus Osnabrück stammt, weiß eigentlich nur, wer sich mit Design auseinandergesetzt hat. Wer also war dieser Eddie Harlis, der einst mit Günter Grass zusammen in der Kneipe saß?

Eigentlich wollte Gerhard Meyering nur seine Wohnung neu einrichten und machte sich daher auf die Suche nach Möbeln. Im Internet entdeckte der Osnabrücker dann die roten Stühle der Firma Thonet aus den 1950er-Jahren. Der immer noch futuristisch anmutende Stil sprach ihn an und machte ihn gleichzeitig neugierig. Ich wollte mehr über die Stühle und ihren Designer wissen und war ganz überrascht, als ich bei meiner Recherche dann erfuhr, dass ebendieser aus Osnabrück stammt.″

Designt wurden die Stühle mit dem Namen S 664 von Eddie Harlis, der am 12. Juli 1928 in der Hasestadt geboren und auf den Namen Edelhard Heinrich Otto getauft wurde, wie ein Eintrag im Melderegister der Stadt verrät, den Meyering im Laufe seiner Recherche aufstöbern konnte.

Im Zweiten Weltkrieg kämpfte Eddie Harlis in Tschechien, sagt Barbara Harlis im Gespräch mit unserer Redaktion. Von 1961 bis 1981 war die heute 87-Jährige mit Eddie Harlis verheiratet und spricht immer noch mit viel Sympathie über ihn. Selbst sprechen kann der Designer nicht mehr: Er starb im Juli 1985 in Düsseldorf.

Sein Einsatz muss traumatisch gewesen sein: Er geriet in Gefangenschaft, flüchtete danach wochenlang zu Fuß und per Pferdekarren nach Deutschland zurück, litt unter Hunger und hat sich damals wohl nachhaltig seine Gesundheit ruiniert″, sagt Barbara Harlis.″ Allerdings ist wenig über Harlis′ Kriegszeit herauszufinden: Wehrstammbuch, Soldbuch und sein Wehrpass sind nicht mehr auffindbar. Vermutlich, so der Mitarbeiter des zuständigen Bundesarchivs, sind diese durch Kriegsereignisse verloren gegangen″.

Eddie Harlis′ Eltern trennten sich im Laufe des Krieges und verließen 1946 Osnabrück: Seine Mutter zog nach Düsseldorf, er blieb beim Vater August, der nach Hildesheim zog und beim Landesgestüt Celle arbeitete.″ Eine Nachfrage dort bleibt jedoch ergebnislos: Unterlagen über einen August Harlis finden sich nicht. Eddies Vater hat schon in Osnabrück beim Gestüt gearbeitet″, ist sich jedoch Barbara Harlis sicher. Tatsächlich wurde 1925 ein Landesgestüt in Osnabrück-Eversburg gegründet, das 1961 wieder aufgelöst wurde.

In Hildesheim absolvierte Harlis eine Schreinerlehre und studierte danach an der damaligen Werkkunstschule Hildesheim. 1952 machte er sich in Düsseldorf als Designer und Innenarchitekt selbstständig und änderte seinen Vornamen: Eddie hasste seinen germanisch anmutenden Vornamen und kürzte ihn einfach ab″, sagt Barbara Harlis. Fortan entwarf er von Düsseldorf aus unter den Namen Eddie oder Ed Harlis Möbel.

Der S 664 gehörte in den 1950er-Jahren zu den Prestigemodellen von Thonet: In der runden Sitzschale des S 664 spiegelt sich die Dynamik des Wirtschaftswunders wider″, heißt es in einer Broschüre der Firma. Aktuell befindet sich ein Modell des S 664 in der Thonet-Ausstellung im Münchner Museum Pinakothek der Moderne.

Uns ist der Stuhl aufgefallen, da er zu den interessantesten Entwürfen der Thonet-Nachkriegsproduktion zählt″, so Ausstellungskurator Josef Straßer. Der S 664 ist optimal entworfen: Die gebogene Sitzschale, die zwei Löcher, das leichte Gestell: All dies vermittelt immer noch Eleganz und Modernität.″

Bis zum Jahr 2010 wurde das Modell immer wieder neu aufgelegt wie viele Stühle im Laufe der Jahre entstanden sind, kann jedoch nicht gesagt werden: Die Firma will keine genauen Verkaufszahlen herausgegeben″, so eine Pressesprecherin von Thonet.

Aufgrund eines Umzugs der Fertigung am Produktionsstandort Frankenberg musste das Modell eingestellt werden: Die Maschine, in der die Sitzschale gefertigt wurde, war schlichtweg zu groß und passte nicht in die neuen Produktionshallen″, so die Sprecherin weiter. Wer heute einen S 664 kaufen will, muss im Internet suchen und teilweise stolze Preise in Kauf nehmen.

Von Harlis stammt auch das Sofa California″, das er 1958 für die damals in Bielefeld existierende Firma Kaufeld entwarf. Unter heutigen Gesichtspunkten sieht es aus wie ein normales Sofa, damals war es aber hochmodern und gilt als Vorläufer für viele Wohnzimmersofas mit losen Kissen. Sein Debüt feierte es auf der Weltaustellung in Brüssel und wurde mehrfach ausgezeichnet.

Eines der Exemplare stand im Showroom des französischen Modedesigners Yves Saint Laurent, ein weiteres bei der Sängerin Françoise Hardy″, sagt Meyering.

In Düsseldorf gehörte Eddie Harlis zur Künstlerkolonie Einbrunger Mühle und wurde von den Malern Franz Witte und Germán Becerra in dem 1957/ 1958 entstandenen Blechtrommelbild″ verewigt. Das Bild zeigt ihn und weitere Düsseldorfer Künstler unter ihnen auch Günter Grass –, die sich damals in der Szenekneipe Zum Csikó″ trafen. Mit dem Schriftsteller sei Eddie Harlis damals gut bekannt gewesen, erzählt Barbara Harlis.

Wenn Eddie Harlis […] kam, herrschte am Tresen große Freude. Eddie verdiente klotzig Geld mit dem Entwerfen erfolgreicher Sitzmöbel und war immer für ein paar Lokalrunden gut″, wird ein Freund von Harlis in der Beschreibung zu dem Bild zitiert, das heute im Düsseldorfer Stadtmuseum hängt.

Ein Osnabrücker, der Möbel entwarf, die zu Designklassikern wurden, aber dessen Namen heute nur noch wenige kennen wie kann das sein? Mein Ex-Mann suchte nie das Rampenlicht.″ Doch die Geschichten, die Barbara Harlis über ihn erzählt, klingen spannend: So war das Paar mit dem Künstler Günther Uecker eng befreundet zur Hochzeit schenkte dieser beiden ein Bild und tanzte auf der Feier. Eine Anfrage unserer Redaktion an Uecker ob seiner Freundschaft zu den Harlis′ blieb jedoch unbeantwortet.

Eddie entwarf in den 1960-er Jahren die Einrichtung für eine Disco mit Bistro auf Sylt. Er arbeitete dafür zusammen mit Gerhard Richter, der Bilder für die Wände der Bar malte″, sagt sie. Tatsächlich malte Richter damals Bilder auf und von Sylt, doch an Eddie Harlis kann er sich nicht erinnern, wie eine Anfrage an das Gerhard-Richter-Archiv ergibt.

Viele der Firmen, mit denen Eddie später zusammenarbeitete, befanden sich im Umkreis von Osnabrück. Ich denke nicht, dass das ein Zufall war″, sagt Barbara Harlis. Doch gesprochen über seine Jugend in Osnabrück habe ihr Mann mit ihr nie wirklich: Wir waren damals sowieso eher an der Zukunft interessiert und nicht an der Vergangenheit.″

Einige Dinge scheinen ihn jedoch geprägt zu haben: Eddies Vater war ein Freund der Fliegerei″, erzählt Barbara Harlis. Passend dazu, sagte Eddie Harlis in einem Gespräch für das Buch Moderne Klassiker Möbel, die Geschichte machen″ aus dem Jahr 1982, dass er während seiner Schulzeit viel mit Segelflugzeugen zu tun hatte und damals sein Interesse an Konstruktionen und Formen erwachte. Der Gedanke liegt nahe, dass Vater und Sohn den Flugplatz auf der Atterheide regelmäßig besuchten.

Eddie hatte viele Freunde, aber im Laufe der Zeit sind auch viele verloren gegangen″, sagt Barbara Harlis, die selbst als Innenarchitektin arbeitete. Das Paar zog 1972 nach Mallorca, nach der Trennung ging Barbara Harlis mit Sohn Philippe zurück nach Deutschland. Die beiden blieben jedoch Freunde: Nach dem Scheidungstermin sind wir zusammen Champagner trinken gegangen und haben auf uns angestoßen.″ Anfang der 1980er-Jahre zog es auch Eddie Harlis zurück nach Düsseldorf: Schwer erkrankt, wohnte er bis zu seinem Tod durch ein Magengeschwür bei seiner Mutter.

Doch was bleibt von ihm? Anscheinend gehört Eddie Harlis zu den , vergessenen′ Gestalten der deutschen Designgeschichte. Vielleicht auch durch seine lange Abwesenheit von Deutschland begründet″, sagt Design-Experte Josef Straßer. Zudem entwarf er seine Klassiker zu einer Zeit, als es nur sehr wenige Designer gab, die einen Star-Status erhielten. Bei Thonet stand der Firmenname im Vordergrund, nicht die Designer″, so Straßer.

Gerhard Meyering, der im Presseamt der Stadt Osnabrück arbeitet, bedauert das. Bis ich ihn selbst verfasst habe, gab es über Eddie Harlis nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag.″ Ginge es nach Meyering, würde sich die Wissenschaft mit dem Osnabrücker Designer auseinandersetzen, damit Eddie Harlis das Rampenlicht bekommt, in dem einige seiner Entwürfe schon seit Längerem stehen: Als Laie habe ich schon sehr viel recherchiert, aber für eine wirklich tiefgründige Arbeit fehlt mir die Zeit.″

Barbara Harlis würde sich darüber freuen: Mein Ex-Mann hat nicht an seinem Denkmal gebaut. Aber er hätte sich sehr über die Anerkennung gefreut.″

Bildtext:
Der S 664 und sein in Osnabrück geborener Designer Eddie Harlis.
Fotos:
Gert Wstdörp, Barbara Harlis
Autor:
Corinna Berghahn


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