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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
„Provinzposse″ um einen großen Judenretter?
Zwischenüberschrift:
Zankapfel Hans-Calmeyer-Haus: Remarque-Gesellschaft gegen ein „Haus Irgendwas″
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Soll Osnabrück seinem großen Sohn und Judenretter Hans Calmeyer (1903–1972) ein eigenes Museum bauen oder nicht? Während die Stadt hier trotz eindeutig bejahender Ratsbeschlüsse weiter Beratungsbedarf sieht, spricht sich die einflussreiche Remarque-Gesellschaft aus für ein Haus, wo Calmeyer draufsteht und drin ist″.

In einem unserer Redaktion vorliegenden Brief an den Oberbürgermeister und die Ratsfraktionen übt die Osnabrücker Erich-Maria-Remarque-Gesellschaft scharfe Kritik am Verhalten der Stadt sowie des von ihr eingesetzten wissenschaftlichen Beirats. Grund: Führende Köpfe in Kulturverwaltung und Expertengremium tun sich schwer mit einem (einstimmig gefassten) politischen Beschluss von Dezember 2017, der die Einrichtung eines sogenannten Hans-Calmeyer-Hauses in der Villa Schlikker vorsieht.Tausende Leben gerettet

Der Osnabrücker Rechtsanwalt Hans Calmeyer war im Zweiten Weltkrieg als NS-Rassereferent an die deutschen Besatzungsbehörden in den Niederlanden abkommandiert, um die Abstammung von Juden zu prüfen. Indem er ihre offensichtlich gefälschten Verwandtschaftsnachweise zum Großteil gelten ließ, rettete Calmeyer nach aktuellem Forschungsstand etwa 3000 Juden vor der Deportation in Konzentrations- und Vernichtungslager möglicherweise sogar fast doppelt so viele. Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem zählt den Osnabrücker deshalb seit 1992 zu den Gerechten unter den Völkern″. Und für den heutigen Osnabrücker CDU-Bundestagsabgeordneten Mathias Middelberg, der 2001/ 02 seine juristische Doktorarbeit über Hans Calmeyer verfasste, ist er gar der größte Judenretter in Deutschland″ neben Oskar Schindler und Berthold Beitz. Es gibt jedoch auch Wissenschaftler, für die Calmeyer wegen seiner angeblichen Ambivalenz″ nicht zum Vorbild taugt: Der im Sommer aus dem städtischen Calmeyer-Haus-Beirat zurückgetretene Historiker Christoph Rass (Uni Osnabrück) gehört beispielsweise dazu.

Der Remarque-Gesellschaft, so geht es aus ihrem Schreiben vom 1. Oktober 2019 hervor, grause es nun vor einer Provinzposse″. Sie missbilligt, dass die Stadt den Begriff Calmeyer-Haus inzwischen tunlichst vermeidet, wenn es um das geplante Museum für den Osnabrücker Holocaust-Saboteur geht, sondern stattdessen von einem Friedenslabor″ spricht. Die Verwaltung scheine damit auf eine Linie eingeschwenkt, wie sie insbesondere der Geschichtsdidaktiker Alfons Kenkmann (Uni Leipzig) als Beiratsvorsitzender vertritt. Wir haben uns dagegen ausgesprochen, das als Hans-Calmeyer-Haus zu bezeichnen″, soll dieser im September in einem Interview mit dem Deutschlandfunk gesagt haben. Ein Haus Irgendwas″, wie es die Remarque-Gesellschaft jetzt kommen sehe, stehe aber ganz im Gegensatz zum Ratsbeschluss″.

Die Politik habe dem Beirat damals eine sehr klare Aufgabe gegeben″, stellen der Vorsitzende der Remarque-Gesellschaft, Bernd Stegemann, und Vize Harald Klausing als Unterzeichner des Briefes fest. Diese Aufgabe bestehe darin, sich um die Gestaltung eines Hauses zu kümmern, wo Calmeyer dransteht und drin ist″ und eben nicht darin, die Person Calmeyer wissenschaftlich neu zu bewerten im Sinne der alten Frage , Schindler oder Schwindler′?″. Wenn das Gremium sich ohne erkennbare Legitimation darüber hinwegsetze, sei dies skandalös″ und ein ungeheuerlicher Vorgang″. In dieser Lage, schlussfolgert die Remarque-Gesellschaft, gibt es für den Rat nur noch eins, wenn er sich nicht am Nasenring vorführen lassen will: seinen eigenen Beschluss deutlich zu bekräftigen und seine eigene Linie für die Umsetzung auch dem Beirat gegenüber durchzusetzen″. Oder er fasste einen neuen, anderen Beschluss und ginge damit in der Heldentum-Debatte um Calmeyer zurück auf Start″, was die Remarque-Gesellschaft aber ausdrücklich nicht befürworte.Stadt verbittet sich Kritik

Auf Nachfrage unserer Redaktion bestätigt die Stadt Osnabrück den Eingang des Briefes der Remarque-Gesellschaft am 1. Oktober. Sie habe jedoch bisher gezögert, ihn zu beantworten, weil er Grundlagen des wissenschaftlichen Forschens und der freien Meinungsbildung infrage stellt″, erklärt Sprecher Sven Jürgensen. Ein Prinzipienstreit″ bringe die Realisierung des Calmeyer-Hauses aber nicht voran.

Auch eine Kritik an dem Beirat halte die Verwaltung für nicht angemessen″. Das aus Menschen mit ganz unterschiedlichen Kompetenzen″ bestehende Gremium führe eine an der Sache orientierte Diskussion, um sich des Weges und des Zieles zu versichern″, sagt Jürgensen. Und dafür habe es so viel Zeit, wie der (voraussichtlich 2023 vollendete) Umbau der Villa Schlikker brauche, und auch das Recht denn: Besser früher zu viel denken, um nicht später zu viel bedauern zu müssen.″

Schließlich würden, wenngleich nur sehr wenige und alte, Menschen unter uns leben, die nach der Entscheidung Calmeyers nicht mehr hätten leben dürfen, dennoch aber durch glückliche Umstände gerettet worden sind″, führt der Stadtsprecher aus. Auch ihnen müssen wir in einem zukünftigen Calmeyer-Haus in die Augen schauen können.″

Bildtexte:
Die Villa Schlikker, einst Hauptquartier der NSDAP, soll laut Ratsbeschluss nach Hans Calmeyer benannt und zu einem Museum für den als Oskar Schindler von Osnabrück″ bekannt gewordenen Judenretter umgebaut werden.
Hans Calmeyer in den 1950er-Jahren.
Fotos
Gert Westdörp, Filmkontor Castan
Autor:
Sebastian Stricker


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