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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Wer rettet die Johannisstraße?
 
„Slum ist noch gelinde ausgedrückt″
Zwischenüberschrift:
Der nächste Laden schließt / Sofortprogramm der Stadt lässt auf sich warten
 
Kaufleute der Johannisstraße zwischen Resignation, Wut und leiser Hoffnung auf Besserung
Artikel:
Kleinbild
 
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Und ein weiteres Geschäft steht vor der Schließung. Im Januar macht der Quick-Schuh in der Osnabrücker Johannisstraße dicht. Hat die Stadt die Straße vergessen? Anfang September hatte der Osnabrücker Rat noch ein Sofortprogramm für die Einkaufsmeile beschlossen. Sichtbar verbessert hat sich seitdem allerdings nichts.

Notdürftig geflickte Schlaglöcher, Betrunkene, Müll und Uringestank vor allem im Bereich der leer stehenden Gebäude von Unibail Rodamco Westfield und dem ehemaligen Sinn Leffers. Es ist seit Jahren dasselbe Bild. Die ursprünglich geplante Sanierung des Straßenbelags verzögert sich weiter, weil die Stadt erst noch prüfen muss, ob der vorgesehene Beton dafür taugt. Die einzige Veränderung ist die Rückkehr der Busse, die umgeleitet werden mussten, als die Stadtwerke in der Johannisstraße bis Sommer dieses Jahres Kanäle und sonstige Leitungen erneuerten.

Vier Jahre ist es her, dass die Kaufleute der vorderen Johannisstraße einen öffentlichen Hilferuf abgesetzt hatten. Vor elf Wochen beschloss der Osnabrücker Rat dann, dass die Stadt als Sofortprogramm″ zehn Punkte für die Johannisstraße prüfen soll von der Benennung eines Quartiers- und Baustellenmanagers über eine Grundreinigung bis hin zu einer Zwischennutzung der leer stehenden Gebäude, etwa durch Künstler.

Doch Hotelier Stephan Meyer wird im Dezember seinen letzten Gast im Hotel neben dem Landgericht verabschieden. Und dass auch der Laden Quick-Schuh aufgibt, hat einen einfachen Grund: Wir haben so gut wie keine Laufkundschaft mehr″, sagt Geschäftsstellenleiterin Elke Schulte.

Was bedeutet bei der Stadt Sofortprogramm″? Laut Stadtsprecher Sven Jürgensen werde sich in den nächsten Wochen″ etwas tun. Die Stadt habe Kontakt mit den Eigentümern der leer stehenden Gebäude und auch mit Künstlern aufgenommen. An der einen oder anderen Immobilie wäre etwas möglich, so Jürgensen. Und das sage ich nicht nur, um überhaupt etwas sagen zu können.″ Die Einrichtung eines Quartiersmanagements werde bei den Haushaltsberatungen geprüft.

Fest steht, dass es auch in diesem Jahr keinen Weihnachtsmarkt vor der Johanniskirche geben wird aber womöglich nächstes Jahr, wie der Schaustellerverband kürzlich mitteilte. Zumindest Weihnachtsbäume soll es dieses Jahr als Deko geben, kündigt Stadtmarketingprokurist Alexander Illenseer an. Und bei dem neuen Beleuchtungskonzept für die Weihnachtszeit, das die Stadt bis 2020 erarbeiten soll, werde die Johannisstraße mit aufgenommen.

In diesem Jahr wird aus Kostengründen nichts daraus, sagt Olaf Richter, Inhaber der Gaststätte Treibhaus″ und Vorsitzender der Interessengemeinschaft südliche Innenstadt, aus der sich etliche Kaufleute allerdings längst zurückgezogen haben. Immerhin: Die alten und größtenteils schmutzigen Kugel-Straßenlaternen sollen demnächst Seilhängeleuchten weichen.

Im Frühjahr kehrt voraussichtlich der Hollandmarkt zurück, so Marketingchef Illenseer. Ebenfalls im Frühjahr will die Stadt laut Jürgensen Blumenkübel und Sitzgelegenheiten aufstellen. Bei den Kaufleuten ist das allerdings umstritten. Sie fürchten, dass sich dort genau die Leute hinsetzen und Alkohol konsumieren, die sie in ihrer Straße eigentlich nicht haben wollen.

Bildtext:
Die Kaufleute kämpfen ums Überleben, doch zum Schlendern lädt die Johannisstraße schon lange nicht mehr ein.
Foto:
Jörn Martens

Osnabrück Hat sich irgendjemand von der Stadt oder aus der Politik bei den Kaufleuten der Johannisstraße blicken lassen, seit der Rat Anfang September sein Sofortprogramm″ beschlossen hatte? Udo Exner, Inhaber von Brille Lünetta, und Ottmar Sorg, Filialleiter von Foto Erhardt, lachen. Natürlich nicht.″ Auch Elke Schulke, Inhaberin von Schuhhaus Bröcker, antwortet: Nö. Bei uns hat sich die ganzen Jahre niemand gemeldet.″

Wie Ironie erscheint es ihr, dass sie jährlich 1680 Euro an die Stadt zahlen muss dafür, dass sie vor den ebenfalls von ihr geführten Laden Quick-Schuh auf die notdürftig geflickte Straße Ständer stellen darf. Diesen Betrag habe die Stadt auch während der anderthalbjährigen Bauphase gefordert, als für die Ständer wegen Kanalarbeiten gar kein Platz war. 400 Euro Rabatt habe Schulte für 2018 aushandeln können. Man könnte ja mal auf die Idee kommen, das von sich aus zu erlassen″, sagt sie. Die Quick-Schuh-Filiale schließt im Januar. Nur mit ihrem Hauptgeschäft Schuhhaus Bröcker einige Meter weiter in Richtung St. Johann kämpft Schulte weiter ums Überleben. Wir sind Eigentümer, sonst wären wir schon lange weg″, sagt sie. Seit 2015 haben wir Umsatzeinbußen.″

Die haben sie alle in der Johannisstraße. Für 2018 hatte der Handelsmonitor einen Passantenrückgang um 25 Prozent registriert nach einem Minus um 20 Prozent im Jahr 2017. Bis vor Kurzem hing über dem Straßeneingang im Bereich Neumarkt ein Transparent, das ironisch anmutete: Sie betreten die einzigartige Fußgängerzone von Osnabrück. Erleben Sie unsere Johannisstraße in ihrer gesamten Vielfalt.″ Die Stadt hat es nun entfernt.

Die Stimmung der Kaufleute ist am Boden. Heute Morgen habe ich den Laden aufgemacht und erst mal den Dreck davor weggefegt″, sagt Optikermeister Exner. Er erwartet nichts mehr von der Stadt. Vor drei Jahren gab es mehrere Treffen mit der Verwaltung doch getan habe sich rein gar nichts, sagen Exner und Sorg. Die beiden tauschen sich mit einigen anderen weiter regelmäßig aus, doch an den Treffen der Interessengemeinschaft südliche Innenstadt nehmen sie schon lange nicht mehr teil.

Müll und Ratten

Die Stadt ist einfach beratungsresistent″, sagt Exner. Die setzen nichts von dem um, was wir seit drei Jahren vorgeschlagen haben.″ Seine Mitarbeiterin Barbara Huning berichtet von überquellenden Mülleimern, von Ratten, die über die Straße laufen, von Obdachlosen, die sich im Eingang des Hotels Meyer erleichtern. Die Ecke schreckt ab.″

Doch die Straße soll ansehnlicher werden. Wir haben den Impuls vom Rat aufgenommen″, betont Stadtsprecher Sven Jürgensen. Wir versuchen, was geht.″ Der Osnabrücker Servicebetrieb (OSB) reinige regulär. Gleichzeitig sind die Eigentümer verpflichtet, ihre Grundstücke selbst in Ordnung zu halten.″

Und das ist bei den Leerständen ein Problem: Zu den Eigentümern zählt im vorderen Bereich der Straße der Konzern Unibail Rodamco Westfield, der nun doch kein Neumarkt-Center mehr bauen will. Gastronom und Treibhaus″-Inhaber Olaf Richter, Vorsitzender der Interessengemeinschaft südliche Innenstadt, sagt: Dass es mit Unibail nicht weitergeht, bremst ja alle aus.″ Er und seine Mitstreiter hatten vorgeschlagen, die Arkaden im Bereich Kachelhaus und dem früheren Sinn Leffers mit Holz zu verkleiden und zu dekorieren. Doch ohne die Eigentümer kommen sie nicht weiter.

Das Leffers-Gebäude wird demnächst abgerissen. Projektentwickler List Develop Commercial plant dort zwei Hotels unter einem Dach, die rund um den Jahreswechsel 2020/ 21 eröffnen sollen.

Die Stadt will derweil im Frühjahr 2020 die Blumenkübel und Sitzgelegenheiten, die während der Landesgartenschau in Bad Iburg vor dem Bahnhof standen, in die Johannisstraße verfrachten. Den Sitzgelegenheiten können die Anlieger allerdings nichts abgewinnen, die habe es früher schon gegeben, erinnert sich Elke Schulte von Schuhaus Bröcker: Vor der Kirche rings um die Kastanien und vor Ihr Platz. Da saßen nur Leute zum Trinken.″

Optiker Exner sagt: Wenn die Sonne untergeht, dann geht auch die Johannisstraße unter.″ Seine Mitarbeiterinnen hätten Angst, abends durch die Straße zu ihren Autos zu gehen. Abends versammeln sich hier die Gruppen.″ Ottmar Sorg von Foto Erhardt findet: Slum ist noch gelinde ausgedrückt.″

Doch die Stadt sieht keine unmittelbare Gefahr. Im Mai antwortete die Verwaltung auf eine Anfrage der SPD: Hinweise auf ein aktuell bestehendes Aggressionspotenzial liegen nicht vor.″ Die Situation in der Straße habe sich beruhigt, der Ordnungsaußendienst sei mehrfach täglich vor Ort. Exner und Sorg nehmen es anders wahr. Wir wünschen uns nur, dass die Stadt endlich mal für Ruhe, Ordnung und Sicherheit sorgt″, sagt Exner.

Busse bringen Kunden

Nicht alle haben resigniert. Thomas Schulke, Betriebsleiter bei der Möwe, sieht eine Besserung für Jonathans Laden, in dem die Möwe unter anderem Antiquitäten und gebrauchte Kleidung verkauft. Wir haben wieder mehr Passanten dadurch, dass der Busverkehr zurück ist″, sagt er. Bei einer Befragung hatten sich 60 Prozent der Anlieger für Busverkehr ausgesprochen. Ich glaube, es ist bei Politik und Verwaltung angekommen, dass die Johannisstraße in den letzten Jahren abgehängt worden ist″, sagt Schulke. Er sei zuversichtlich, dass die Straße besser an den Rest der Innenstadt angebunden sein wird, wenn die schon lange geplante Sanierung des Straßenbelags endlich kommt.

Ursprünglich sollten die Bauarbeiten im Mai 2019 starten, dann hieß es im August und nun dürfte bis Mitte 2020 nichts geschehen. Schuld ist der Beton, der auf der Johannisstraße und dem Neumarkt verlegt werden soll. Nachdem am Rosenplatz-Beton Mängel zutage getreten sind, hat die Stadt das Material auf den Prüfstand gestellt.

Bildtext:
Wo sind die Künstler, die die Leerstände beleben sollen? Wo bleibt die Reinigung, die im Zehn-Punkte-Plan für die Johannisstraße stand? Zumindest die alten verschmutzten Kugel-Leuchten will die Stadt nun austauchen. Und die Busse bringen wieder mehr Passanten, aber auch Lärm und gefährliche Situationen da, wo es eng wird.
Fotos:
Jörn Martens

Kommentar
Sie müssen durchhalten

Schlendern durch die Johannisstraße? Nein, danke. Es sei denn, man möchte in Ruhe betrachten, wie eine Stadt eine Einkaufsstraße über viele Jahre verkommen lassen kann.

Im September kommentierte unsere Redaktion das vom Rat beschlossene Sofortprogramm so: Wenn die Stadt diejenigen Ladeninhaber halten will, die trotz dramatisch zurückgegangener Passantenzahlen und Umsatzeinbußen bis jetzt durchgehalten haben, dann muss schnellstens etwas geschehen. Sonst wird bald das nächste Geschäft schließen.″ Und was passiert? Das nächste Geschäft, nämlich Quick-Schuh, schließt.

Es ist nachvollziehbar, dass die meisten Kaufleute nach vier Jahren Stillstand nicht mal mehr zu den Treffen der Interessengemeinschaft südliche Innenstadt gehen.

Doch zumindest hier gibt es nun endlich einen Austausch mit der Stadt. Es könnte tatsächlich ein wenig aufwärtsgehen auch wenn die Stadt zunächst nur Kosmetik betreiben wird. Weg mit den hässlichen Kugel-Laternen, her mit ansprechenderen Hängeleuchten und mit etwas Begrünung. Wenigstens das, wenn die Grundsanierung schon weiter auf sich warten lässt. Und warum wird die Straße nicht häufiger gereinigt, jetzt, wo dort allein schon durch die Busse eine viel höhere Passantenfrequenz herrscht? Das Bild, das die Stadt dort abgibt, ist beschämend.

s.dorn@ noz.de
Autor:
Sandra Dorn


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