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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Ein Jahr nach der großen Flut
 
Bei jedem Hochwasser gibt′s eine neue Küche
Zwischenüberschrift:
Ist Osnabrück heute besser gegen Hochwasser gerüstet?
 
Familie Kameiers Haus stand 1998 und 2010 unter Wasser – Vor einer Woche die letzten Spuren beseitigt
Artikel:
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Originaltext:
OSNABRÜCK. Vielen Osnabrückern standen die Tränen in den Augen, als sie ihr durchnässtes Hab und Gutsahen. Innerhalb von wenigen Stunden hatte das Wasser alles zerstört, was ihm in die Quere kam. Geflutete Kellerräume und Wohnzimmer, Autos, in denen das Wasser stand, und über allem eine stinkende Brühe aus der Kanalisation. Einige Stadtteile hatten tagelang kein heißes Wasser. Zeitweise war sogar der Strom ausgefallen.

Oberbürgermeister Boris Pistorius löste am 27. August 2010 um 4 Uhr in der Früh den Katastrophenalarm für die Stadt Osnabrück aus. Tief Cathleen″ brachte heftigen Dauerregen, ließ Flüsse über die Ufer treten und flutete Straßen und Keller der Stadt. Vor einem Jahr herrschte in Osnabrück der Ausnahmezustand. Regen ist die Region gewohnt, aber diese Wassermassen überraschten alle.
Vor einem Jahr hatten wir 150 Liter Niederschlag in 40 Stunden. Das ist die doppelte Niederschlagsmenge eines Monats″, berichtet Detlef Gerdts, Leiter des Fachbereichs Umwelt heute. Nach Angaben des Wetterdienstes Meteomedia fiel in Osnabrück an einem Tag so viel Regen wie seit 100 Jahren nicht mehr. Schnell stiegen die Wasserstände von Düte und Hase. Die Fluten traten über die Ufer.
Der Stadtteil Hellern war ganz besonders von dem Hochwasser betroffen. Die Schäden gingen in die Millionen. Bei uns stand das Wasser 1, 50 Meter hoch im Keller, nichts war mehr zu gebrauchen, alles musste weg″, erinnert sich Silke Kuchemüller aus Hellern. Erst vor sechs Wochen konnten einige Keller in Hellern fertig renoviert werden. Die Räume waren immer noch nicht trocken.
Die Stadt Osnabrück hat aus dem Hochwasser Lehren gezogen. Zwar hat der Ablauf zwischen Bundeswehr, Feuerwehr, dem Technischen Hilfswerk und der Polizei optimal funktioniert″, sagt Jürgen Knabenschuh, Branddirektor der Stadt Osnabrück, trotzdem gebe es immer noch etwas zu verbessern.

Hochleistungspumpe

Wir hatten vor einem Jahr rund 500 Anrufe in der Stunde, das war organisatorisch schwer″, sagt der Branddirektor. Er und sein Team haben daraufhin ein Systementwickelt, um die Anrufe nach Wichtigkeit filtern zu können. Die Berufsfeuerwehr wurde mittlerweile auch mit einer Hochleistungspumpe ausgestattet. Vor einem Jahr musste die Feuerwehr aus Emden die Pumpe zum Katastropheneinsatz mitbringen.
Technisch sind wir für ein Hochwasser jetzt besser gerüstet″, sagt Knabenschuh. Die Stadt will vor allem die Bürger besser über Hochwasserschutz informieren. Die Vorsorge des Einzelnen ist das Wichtigste″, betont Gerdts. Unterstützung hat sich Osnabrück dabei von der Hansestadt Hamburg geholt, sie hat Erfahrung mit Hochwasser. In Hamburg gibt es eine Broschüre, die Hausbesitzer darüber informiert, wie sie ihr Haus vor Hochwasser schützen können.
Es ist sinnvoll, sein eigenes Haus zu sichern″, sagt Gerdts und nennt Möglichkeiten: Rückstauventile, damit das Wasser nicht durch die Kanalisation in den Keller gedrückt wird, technische Geräte wie Waschmaschinen aus dem Keller verbannen oder erhöht aufstellen und Öltanks in der Decke verankern. Die Broschüre aus Hamburg wird die Stadt Osnabrück an alle Bewohner, die in einem Überschwemmungsgebiet leben, versenden. Wir haben zudem einen neuen Service auf unserer Homepage, der seit dieser Woche aktiv ist″, sagt der Leiter des Fachbereichs Umwelt.
Hier können Bürger anhand einer Karte überprüfen, ob sie in einem Überschwemmungsgebiet wohnen und wie gefährdet ihr Haus ist. Es soll zukünftig auch ein Frühwarnsystem geben, das Bewohner in Überschwemmungsgebieten rechtzeitig per SMS warnt. Da müssen wir aber noch schauen, wie wir das technisch hinkriegen″, bemerkt Gerdts. Trotz aller Vorkehrungen und allem technischen Wissen: Natürlich sind wir nicht generell vor Hochwasser gefeit. Aber wir sind besser vorbereitet″, sagt Wolfgang Griesert, Vorstand für Städtebau, Umwelt, Feuerwehr und Ordnung.

Neues Frühwarnsystem

Viele Bewohner der Überschwemmungsgebiete mussten ihre Häuser aus eigener Tasche renovieren und das zerstörte Inventar ersetzen. Die Versicherung hat nichts gezahlt, man muss eine Extra-Elementarversicherung haben″, sagt Silke Kuchemüller. Diese deckt alle Überschwemmungsschäden ab. Es ist sinnvoll, sich versichern zu lassen″, empfiehlt Detlef Gerdts den Osnabrückern. Vergessen ist das Hochwasser noch langenicht: Wenn es einmal wieder besonders stark regnet in Osnabrück, kommen die Erinnerungen auch bei Silke Kuchemüller wieder. Dann sagt man sich: Wisst ihr noch, vor einem Jahr?
Informationen der Stadt Osnabrück zum Hochwasserschutz: www.osnabrueck.de/ gruenumwelt/ 72088.asp

Bildtexte:
Hellern vor einem Jahr: Die Lengericher Landstraße versank in den Fluten. Teilweise herrschte blankes Chaos. Der Regen überraschte damals viele Autofahrer und Hausbesitzer in der Region Osnabrück. Und der Schaden ging in die Millionen.
Ein Jahr danach: Die Lengericher Landstraße kann man heute trockenen Fußes überqueren und auch ohne Boot wieder befahren.
Wo ist der Anfang, und wo kommt das Ende? Ein großer See bildete sich auf der Mindener Straße. Sie war im letzten Jahr tagelang nicht passierbar, weil die Wassermassen nicht ablaufen konnten.
Gegenseitige Hilfe: Vor einem Jahr halfen Nachbarn, Freunde und Verwandte sich tatkräftig. Mit Sandsäcken und Pumpenverhinderten sie das Schlimmste im Keller von Magdalena Meyer (vorne).
Fotos:
Gert Westdörp

BISSENDORF. Es gibt Jahrestage, die man nie vergisst. Bei der Familie Kameier sind das der 28. Oktober und der 27. August. Am 28. Oktober 1998 wurde ihr Haus komplett überflutet und vor genau einem Jahr, am 27. August beim Jahrhunderthochwasser 2010, noch einmal. So etwas erleben wir wohl nicht mehr, aber man weiß ja nie″, meinen Gisela und Günther Kameier. Die Nähe zu Wierau und Hase sehen sie gelassen, beide sind eben echte Hasetaler.
Das schmucke Haus an der Kleinen Mühlenstraße in Wissingen strahlt in schönstem Weiß. Der Außenanstrich ist frisch, erst vor drei Wochen zogen die Maler ab, damit waren die letzten Spuren vom Hochwasser am 27. August beseitigt. An diesem Tag vor einem Jahr stand mittags das Wasser gut 60 Zentimeter hoch im gesamten Haus. Gisela und Günther Kameier und Tochter Marita Wurst samt Familie waren per Schlauchboot evakuiert worden.
Jetzt führt Gisela Kameier zuerst in ihre Küche: alles geschmackvoll, funktional, hell und großzügig eingerichtet. Bei jedem Hochwasser bekomme ich eine neue Küche, sagt Gisela Kameier und ergänzt: Diese ist meine letzte. Neue Möbel sind zuerst so fremd. Ich muss mich immer noch daran gewöhnen.″
Dann zeigen die Kameiers ihr neues Wohnzimmer: Möbel, Polstergarnitur, Gardinen und Tapeten harmonieren in Beige-Braun-Tönenund modernem Streifendesign, zeitlos und elegant. Dann geht der Hausherr in sein Reich: sein erstes Arbeitszimmer mit Schreibtisch und PC, gemütlicher Schlafcouch für Gäste, Flachbildfernseher und begehbarem Kleiderschrank.
Vor einem Jahr standen hier praktisch nur noch die Grundmauern, das aufgeweichte Inventar lag auf dem Sperrmüll. Die neue Einrichtung haben sie innerhalb von zwei Stunden ausgesucht, berichtet das Rentnerpaar. Daslag an der guten Vorarbeit ihres Einrichters. Er hatte vorher die Räumlichkeiten besichtigt und sofort die besten Ideen und Vorschläge parat.Voll Lob sprechen die Kameiers auch von Versicherung und Handwerkern: Alles hat gut geklappt. Wir fühlen uns wieder wohl.″
Natürlich hat das Hochwasser nicht nur im Haus Spuren hinterlassen. Meine Frau kann keinen Regen mehr sehen, und ich bin seitdem nicht wieder zur Wie raugegangen, sagt Günther Kameier. Von dort waren die Fluten ins Hasetal und das Kameier′sche Haus eingebrochen. Nach der Evakuierung lebten die Familien drei Tage liebevoll versorgt in einer Ferienwohnung, danach zog Ehepaar Kameier für drei Monate in die Wohnung der Tochter im Obergeschoss.
Unten arbeiteten sechs Wochen lang die Heizgeräte auf Hochtouren, dann waren die Wände trocken, die Handwerker konnten kommen. Eine Woche vor Weihnachten war die Erdgeschosswohnung wieder bewohnbar. Auch seinen 80.Geburtstag am 13. Februar feierte Günther wieder in seiner Wohnung. Die Gegenstände, die den 27. August überstanden haben, sind schnell aufgezählt: ein Teppich, die Wandbilder und das Kirchenbänkchen. Als ehemaliger Kirchenvorsteher hatte Günther Kameier zum 60. Geburtstag von seiner Gemeinde ein Stück″ Kirchenbank eschenkt bekommen. Unter der Sitzfläche ist die Inschrift zu lesen: Ein Ehrenplatz für Günther auf Lebenszeit″. Kirchenbank und Inschrift haben das Hochwasser ohne eine Spur überstanden.

Bildtext:
Inzwischen sind alle Spuren desHochwassers vom Vorjahr beseitigt.
Foto:
Recker-Preuin
Autor:
Kathrin Pohlmann, Bärbel Recker-Preuin


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