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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Osnabrückerin lebt aus Not auf Campingplatz
 
„Das ist alles so erbärmlich″
Zwischenüberschrift:
Chronisch kranke Frau findet keine Wohnung und lebt nun illegal auf einem Campingplatz
Artikel:
Kleinbild
 
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Originaltext:
Osnabrück Eine Frau aus Osnabrück musste aufgrund einer chronischen Erkrankung ihre Wohnung in der vierten Etage eines Mehrfamilienhauses in der Innenstadt kündigen. Die 41-Jährige ist wegen ihres Leidens nicht mehr arbeitsfähig und lebt derzeit von Grundsicherung. Auch nach monatelanger Suche hat sie in Osnabrück und Umgebung keine barrierefreie Wohnung gefunden, die sie sich leisten kann, sodass sie mittlerweile auf einem Campingplatz im Umland wohnt. Das sei zwar eigentlich nicht legal, werde jedoch von den Behörden geduldet, sagt sie. Mit ihrem Schicksal steht sie offenbar nicht alleine da: Hier hat sich eine regelrechte Parallelgesellschaft gebildet″, sagt die 41-Jährige und verweist auf weitere chronisch Erkrankte, die das Leben im Wohnwagen einer Notunterkunft vorziehen.

Osnabrück Es ist kalt. Auf dem Campingplatz wurde wie in jedem Winter das Wasser abgedreht. Ein Mann ein paar Parzellen weiter bringt Katharina S. regelmäßig einen Kanister voll Trinkwasser in den Wohnwagen. Im Gegenzug kocht sie Suppe oder Eintopf.

Katharina S. drückt ein Heizkissen gegen ihren Rücken. Seit drei Jahren hat sie starke Schmerzen, seit diesem Jahr weiß sie, warum. Sie hat Fibromyalgie, ein Syndrom, das mit Schmerzen im gesamten Körper, Schlafstörungen und Erschöpfung einhergeht. Hinzu kommt eine leichte Arthritis. S. beschreibt ihre Schmerzen so: Es ist wie beim Zahnarzt, der mit seinem Bohrer auf einen Nerv trifft. Diesen Schmerz habe ich in all meinen Sehnen, und das rund um die Uhr.″

Eine Heilung gibt es für diese seltene Krankheit nicht. Nur Schmerzmittel. Schaufelweise Opiate″, wie Katharina S. sagt. Schmerzmittel, auf die sie gerne verzichten würde: Man ist dann nicht mehr in der Lage zu interagieren, befindet sich nur noch in einem Halbwachzustand.″

In der Kochnische des Wohnwagens steht eine Schüssel voll Brennnesseln für einen Salat. Da ist viel Kalium drin″, sagt sie. Um die Symptome ihrer Krankheit zu mildern, hat Katharina S. ihre Ernährung radikal umgestellt. Kein Fleisch, keinen Alkohol, keinen Zucker, kein Glutamat. Dass sie nicht ihren vollen Namen nennen will, hat einen Grund: Ich habe eine zwölfjährige Tochter. Ich will nicht, dass sie in ihrer Schule Probleme wegen mir bekommt.″

Katharina S. ist 41 Jahre alt. Vor ihrer Erkrankung hat sie als Betriebsleiterin einer Kantine gearbeitet und im vierten Stock eines Mehrfamilienhauses in der Innenstadt gewohnt. Von dem Vater ihrer Tochter hat sie sich scheiden lassen, das Verhältnis ist jedoch gut, sagt sie. In den vergangenen Jahren habe die Tochter wechselweise eine Woche beim Vater, eine Woche bei der Mutter gewohnt. Doch das ist nun vorerst vorbei. Auf dem Campingplatz war die Zwölfjährige erst dreimal. Ich möchte ihr diesen Anblick nicht zumuten ihre Mutter mit Rollator an so einem Platz.″ Es ist ihr unangenehm, jemanden hierher zu bringen. Zu zeigen, wie sie wohnt: Das bin ja nicht ich. Das ist alles so erbärmlich.″

Dabei ist Katharina S. nicht die einzige chronisch Erkrankte, die auf dem Campingplatz wohnt, wie sie berichtet: Zwei Wege weiter wohnt eine Frau im Rollstuhl, die hat fast 40 Operationen hinter sich. Und dann ist hier noch ein Mann mit COPD und Sauerstoffgerät″, erzählt sie. Aber die wollen nicht darüber reden, dass sie hier leben.″

Im Februar kam S. acht Wochen ins Krankenhaus, sechs Wochen davon verbrachte sie im Rollstuhl. Mit dem Rollator schafft sie es, sich etwa eine halbe Stunde am Tag fortzubewegen. Dann verlassen sie die Kräfte.

Nach der Diagnose Fibromyalgie war für Katharina S. klar, dass sie nicht in ihre alte Wohnung zurückkehren kann. Noch während sie im Krankenhaus liegt, wird vom Sozialamt der Haushalt aufgelöst, die Möbel eingelagert. Katharina S. begibt sich auf Wohnungssuche.

Etwa 50 Quadratmeter sucht sie für sich und ihre Tochter, ebenerdig oder mit Aufzug. So weit barrierefrei, dass sie sich darin mit einem Rollstuhl um die eigene Achse drehen kann, und im besten Fall mit einer Badewanne für Rheumabäder.

Dass gerade kleinere barrierefreie Wohnungen schwer zu bekommen sind, weiß Kristina Lindner von der Wohnungsbaugenossenschaft WGO: Die sind total gefragt und noch dazu häufig teuer, da es in dem Bereich keinen Altbestand gibt. Die Wohnungen sind also alle sehr neu, und das Angebot ist rar.″

Sobald Katharina S. bei der Suche nach einer Wohnung angibt, von Grundsicherung zu leben denn auf ihre Frührente muss sie noch warten –, wird es besonders schwierig. Menschen mit einem geringen Einkommen werden mit einer bedenklichen Lebensführung verbunden″, sagt sie. Rauchen, Saufen, asoziales Verhalten. Aber ich bin eine ganz normale Frau.″

Katharina S. trinkt Mineralwasser, das Sprechen strengt sie an. Vor ihr ein angebissener Apfel, das Essen strengt sie an. Ein aufgeschlagenes Buch, Die Frau des Germanen″ von Gisa Pauly, ein historischer Roman über Thusnelda. Fernsehen strengt sie an. Die meiste Zeit des Tages muss sie liegen. Um sich zu beschäftigen, fertigt sie kleine Kunstwerke aus Ton an, Korallen als Dekoration.

Auch wenn man ihr ansieht, dass sie Schmerzen hat, will sie weiter erzählen. Von dem, was sie bei zahlreichen Wohnungsbesichtigungen erlebte. Sie berichtet von Maklern, die im Zehn-Minuten-Takt potenzielle Mieter durch die Wohnung führten. Wohnungen, die alles andere als renoviert gewesen seien. Schimmel, defekte Schlösser, abblätternde Farbe. Aber die Leute suchen so händeringend nach Wohnungen, dass sie kaum noch Ansprüche haben″, meint Katharina S. Am Ende der Führungen hieß es dann, dass man ganz oben auf die Liste komme, wenn man eine kleine unquittierte Extrakaution zahle. Aber für Bestechungsgelder fehlen mir natürlich die Mittel″, sagt die Osnabrückerin und schüttelt den Kopf.

In ihrer Not hat sie sich an verschiedene Sozialverbände gewandt („ werden alle überrannt″) und das Gespräch mit der Stadt gesucht. Nett seien die Sachbearbeiter gewesen. Nur helfen konnten sie ihr nicht. Fachbereichsleiterin Karin Heinrich will dennoch dazu ermutigen, sich bei Problemen an die Stadt zu wenden: Unsere soziale Wohnraumhilfe steht jedem offen″, sagt sie. Wer unfreiwillig obdachlos geworden sei, dem könne man eine Notunterkunft vermitteln.

In eine Obdachlosenunterkunft wollte Katharina S. nicht ziehen. Sie hat Angst vor den Menschen dort. Das Frauenhaus ist voll. Und ein Pflegeheim? Auch hier bestehe das Problem, dass die Osnabrückerin absolute Ruhe braucht, um die wenige Energie, die ich noch habe, nicht auch noch zu verlieren″.

Als Katharina S. nicht mehr weiterweiß, zieht sie auf einen Campingplatz im Osnabrücker Land. Erst in ein Zelt, später, in einer anderen Gemeinde, in einen Wohnwagen. Das eine Mal habe ich Glück gehabt″, sagt sie. Ein Paar hatte sich getrennt und wollte seinen Besitz schnell aufteilen und loswerden. Den Wohnwagen setzte es bei Ebay-Kleinanzeigen unter der Kategorie zu verschenken″ ins Netz. Katharina S. schlug zu, auch wenn in der Holzverkleidung des Wagens Mäuse hausen.

Seit drei Monaten wohnt S. nun auf dem Campingplatz. Erlaubt ist das nicht. Doch die Ämter wissen, wo und wie Katharina S. lebt. Mit Standheizung und ohne fließend Wasser. Ihre Wäsche wäscht sie mit einer Kurbelwaschmaschine. Eine Haushaltshilfe über die Krankenkasse erhält sie nicht. Für welchen Haushalt denn?″, fragt sie und blinzelt. Wer keine feste Adresse hat, der hat keinen Haushalt.

Ohne die Hilfe ihre Freunde käme Katharina S. vermutlich nicht zurecht. Sie kaufen für sie ein, übernehmen Fahrdienste. Katharina S. ist das unangenehm. Das sollte nicht die Aufgabe meiner Freunde sein″, findet sie und drückt das Heizkissen noch einmal fest gegen ihren Rücken. Wir leben doch in einem Sozialstaat.″

Bildtext:
Katharina S. wohnt illegal auf einem Campingplatz. In den Wänden ihres alten Wohnwagens leben Mäuse.
Foto:
Gründel
Autor:
Cornelia Achenbach


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