User Online: 1 | Timeout: 21:54Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Als die SA den „Volkszorn″ mimte
Zwischenüberschrift:
Brand der Osnabrücker Synagoge: Wie milde die Drahtzieher bestraft wurden
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück In der Nacht zum 10. November 1938 stand auch in Osnabrück die Synagoge der jüdischen Gemeinde in Flammen. Die von der SA angezettelte Brandstiftung vor 81 Jahren markierte auch in Osnabrück den Übergang von der Diskriminierung zur offenen Verfolgung. Die Justiz der jungen Bundesrepublik tat sich 1949 sichtlich schwer mit der juristischen Aufarbeitung des Verbrechens.

Die Reichspogromnacht″, der in Deutschland rund 1400 Synagogen und zahllose jüdische Wohnungen und Geschäfte zum Opfer fielen, wurde von der NS-Propaganda als spontaner Ausbruch des Volkszorns″ dargestellt, der damit auf die Ermordung des deutschen Diplomaten Ernst Eduard vom Rath durch einen Juden reagiere. In Wahrheit war es eine reichsweit inszenierte Gewaltaktion, die die Arisierung″, also die Zwangsenteignung jüdischen Besitzes, beschleunigen sollte, um damit letztlich die deutsche Aufrüstung zu finanzieren. Historiker sehen in den Übergriffen auch eine Art Testlauf des Regimes, inwieweit die Mehrheitsbevölkerung die nächste Stufe der antijüdischen Maßnahmen tolerieren oder gar unterstützen würde.

Zentral gesteuert

Auch wenn eine aktive Täterschaft in den späteren Prozessen stets geleugnet wurde: Die Osnabrücker Synagoge geriet natürlich nicht von alleine in Brand. Wer also griff zum Streichholz? Jedem Denkenden wurde schnell klar, dass es nicht irgendwelche anonymen Volksgenossen aus einem spontanen Zornesausbruch heraus waren, sondern dass eine zentral aus Berlin gesteuerte Aktion dahinter- steckte. Nach dem Krieg veröffentlichte Akten belegen den Befehlsweg aus dem Reichspropagandaministerium an untergeordnete Behörden, Gauleiter und Gestapostellen.

Männer in Uniform wurden in Osnabrück wohl bei der Plünderung jüdischer Geschäfte gesehen, nicht aber an der brennenden Synagoge, die von der Feuerwehr nicht gerettet werden durfte. Das ist erklärlich, denn die gesamte SA hatte Befehl, in Zivil anzutreten, um Volkszorn zu spielen″, wie es in Gerichtsakten von 1949 heißt.

In Verdacht geriet der Uhrmacher Erwin Kolkmeyer (1899–1961). Der Leiter der NSDAP-Ortsgruppe Osnabrück-Altstadt galt in vielen Zeugenaussagen als der vehementeste und aktivste Judenhasser Osnabrücks″. So ließ er etwa Osnabrückerinnen fotografieren, die in jüdischen Geschäften einkauften, und stellte die Fotos anschließend, nach Art eines Prangers, in einem Schaukasten neben seinem Uhrengeschäft an der Georgstraße aus.

Kolkmeyer war SA- und zeitweise auch SS-Mitglied. Er konnte sich 1945 noch vor dem Einmarsch der Briten absetzen und tauchte als landwirtschaftlicher Hilfsarbeiter unter. 1947 griff man ihn in einem Dorf bei Heilbronn auf. In der Internierungshaft unternahm er einen erfolglosen Selbstmordversuch. Im Mai 1948 verurteilte ihn das Schwurgericht Recklinghausen zu zwei Jahren Gefängnis. Das aber nicht wegen des Synagogenbrandes in Osnabrück, sondern weil er ein Mitglied des als verbrecherisch eingestuften Führungskorps von NS-Organisationen gewesen war.

Der eigentliche Synagogenbrandprozess begann im Dezember 1949. Verhandlungsort war die Kantine des städtischen Fuhrparks an der Jahnstraße, weil der Schwurgerichtssaal im Justizgebäude am Neumarkt noch nicht wiederhergestellt war. Wegen des Synagogenbrandes, der Verhaftung und Misshandlung jüdischer Bürger, der Plünderung jüdischer Geschäfte und der Deportation jüdischer Männer ins KZ Buchenwald waren neben Kolkmeyer auch der NSDAP-Kreisleiter Wilhelm Münzer, Polizeidezernent Rudolf Arnoldi und sechs weitere Funktionsträger angeklagt.

Sie bestritten jedwede aktive Beteiligung. Kolkmeyer sagte, er sei lediglich zur Rolandstraße gegangen, um zuzusehen, was dort geschah wie viele andere neugierige Osnabrücker auch. Ich war erschüttert von dieser Tat″, meinte er mit zitternder Stimme, schließlich war es doch eine Kirche″. Seine durch Zeugen bewiesene Anwesenheit im Innern der Synagoge erklärte er so: Er habe die auf einer goldenen Tafel an einer Wand angebrachten Zehn Gebote betrachten wollen.

Zeugen bedroht

Willi Münzer behauptete, an ihn sei weder ein Befehl zur Brandlegung ergangen noch habe er einen solchen erteilt. Von der ganzen Sache will er erst am nächsten Morgen von seiner Haushälterin gehört haben.

Der Berichterstatter der Nordwestdeutschen Rundschau″ resümierte nach Schluss der Beweisaufnahme sarkastisch: Nach den bisherigen Aussagen der Angeklagten und vieler geladener Zeugen muß der Schluß gezogen werden, die Synagoge sei durch Selbstentzündung oder am Ende gar durch die Juden selbst in Brand gesetzt worden.″

Viele Prozessbeobachter bemerkten, dass sich die Zeugen großer Zurückhaltung befleißigten und reihenweise einknickten. Die Vermutung einer Beeinflussung durch noch aktive Nazi-Kreise stand im Raum. Der Vorsitzende sagte während der Verhandlung: Ich erkläre hier in aller Öffentlichkeit, daß die Zeugen mit ihren Aussagen bewußt zurückhalten.″

Die Hausangestellte, die jüdische Kultgegenstände in Kolkmeyers Luftschutzkeller gesehen haben wollte, verstrickte sich bezüglich der Datierung in Widersprüche. Fotograf Koltzenburg, der im Ermittlungsverfahren noch angegeben hatte, von Kolkmeyer den Auftrag erhalten zu haben, die brennende Synagoge zu filmen, wollte sich nun nicht mehr festlegen.

So konnte das Gericht Kolkmeyer die aktive Brandstiftung schließlich nicht zur Last legen. Die Verurteilung basierte stattdessen auf der Feststellung, dass die planmäßige Brandlegung von ihm als solche erkannt worden sei. Er sei nicht eingeschritten, als das Gotteshaus brannte, sondern habe die Tat durch seine Anwesenheit als politische Person sanktioniert.

Geringe Strafen

Wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit, Landfriedensbruchs, Freiheitsberaubung und gefährlicher Körperverletzung″ ergingen am 16. Dezember 1949 folgende Urteile: Kolkmeyer, SA-Truppenführer Knopf und SS-Untersturmführer Wachsmann je zehn Monate Gefängnis, Arnoldi neun Monate, SD-Außenstellen-Leiter Meyer sieben Monate, SA-Scharführer Kelterborn vier Monate, SA-Männer C. und F. Schröder je drei Monate. Münzer wurde freigesprochen.

Kolkmeyer stand noch in weiteren Verfahren vor Gericht, so wegen der Misshandlung des Journalisten Burgdorf und der Besetzung des Gewerkschaftshauses 1933. In Widerspruchsverfahren wurden die zunächst ausgeurteilten Strafen teils ermäßigt oder aufgehoben. Seine Prozesse hatte Kolkmeyer mit insgesamt knapp drei Jahren Haft verhältnismäßig glimpflich überstanden. Das Entnazifizierungsverfahren verließ er schließlich in der Kategorie III als Minderbelasteter″. Damit war ihm eine leitende Funktion in der Wirtschaft verwehrt. Man behalf sich damit, dass die Ehefrau das zerstörte Geschäft im Herbst 1950 in einem Behelfsbau neu eröffnete und offiziell führte. Erwin Kolkmeyer arbeitete darin bis zu seinem Tod im Jahr 1961 als angestellte Hilfskraft.

Nachgewiesene Brandstiftung ist ein Verbrechen, auf das bis zu zehn Jahre Freiheitsstrafe stehen. Der Historiker Sebastian Weitkamp kommt zu dem Schluss, dass der Osnabrücker Synagogenbrandprozess aus heutiger Sicht nur als Farce bezeichnet werden kann. Schuld daran habe zu großen Teilen das gesellschaftliche Klima jener Zeit gehabt. Das Gericht habe den Entlastungstendenzen der Zeugen aufgrund von Bedrohungen nichts entgegenzusetzen gehabt.

Bildtexte:
Die ausgebrannte Synagoge in der Rolandstraße am Morgen des 10. November 1938. Vor dem Eingang halten SA-Leute ein Schild hoch mit der Aufschrift: Rache für Mordsache vom Rath! Tod dem internationalen Judentum!″.
Erwin Kolkmeyer, Ortsgruppenleiter, schreitet 1935 die Front angetretener SA-Männer ab.
Willi Münzer war im Jahr des Synagogenbrands NSDAP-Kreisleiter für den Bereich Osnabrück-Stadt.
Fotos:
Karl Ordelheide/ Archiv Museumsquartier Osnabrück, Emil Harms/ Archiv Osnabrück, Koltzenburg/ Archiv NOZ
Autor:
Joachim Dierks


Anfang der Liste Ende der Liste