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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Das neue Hipster-Viertel?
Zwischenüberschrift:
Alternativ mit Tradition: Die Hasestraße / Sorge wegen Gentrifizierung
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Die Geschäftsleute sowie Kneipen- und Cafébesitzer an der Hasestraße vermitteln ein Gefühl des familiären Zusammenhalts. Aber das Gespenst der Gentrifizierung spukt am Ende der Straße.

Ich habe hier alles, was ich zum Leben brauche″, sagt Carolin Schröder, Betreiberin des Whisky′s am Vitihof. Man könnte hinzufügen: Auch zum Sterben. Denn neben dem Bäcker, dem Supermarkt, dem Plattenladen, dem Tätowierer, dem Café und der Kneipe, die Schröder aufzählt, findet sich auch das Bestattungsinstitut Bergstermann-Schweer in der Hasestraße. Leben und leben lassen das scheint das Motto des Kiez in der Osnabrücker Altstadt zu sein.

Die Hasestraße hat sich gemausert. Seitdem die Umbauarbeiten vor drei Jahren abgeschlossen wurden, beleben Kunst, Kultur und Rock n′ Roll das Geschehen. Ähnlich wie in der Redlingerstraße vor einigen Jahren sind nun auch moderne und nachhaltige Geschäfte in die Hasestraße gezogen. Der Öko-Friseur Green ist dort ebenso ansässig wie der verpackungsfreie Supermarkt Tara oder das vegane italienische Restaurant Tony. Manche Osnabrücker bezeichnen die Hasestraße schon als das neue Hipster-Viertel.

Party- und Kauflaune

Neben den Neulingen sind in der Hasestraße auch alteingesessene Geschäfte wie Huneckes Puppenwelt, das Schuhgeschäft Sunderdiek oder traditionsreiche Gastronomie wie das Schmale Handtuch, der Holling und das Eiscafé Rialto zu finden.

Für viele Anwohner und Besucher macht ebendieser Mix den Reiz der Hasestraße aus. Und diese Mischung lässt sich noch erweitern: Tagsüber strömen vor allem am Samstag, wenn neben dem Dom der Markt die Osnabrücker anlockt, die Menschen zum Shopping in die Geschäfte in den vorderen Teil der Straße. Am anderen Ende, die Betreiber nennen es ironisch Hasestraße-Nord″, lässt es sich die alternative Szene, Punks und Metaller im Shock Café gut gehen.

Am vergangenen Samstag strömte Klaviermusik aus dem Gebäude der Gesellschaft für zeitgenössische Kunst Osnabrück e. V.″, kurz: Hase 29. In dem ehemaligen Supermarkt fand die Musik- und Tanzperformance moving but minimal″ des Osnabrücker Tanztheaters Stakkato statt. Sieben Tänzer bewegten sich sechs Stunden lang wie in Zeitlupe. Analog zu dem Zitat Man muss das Leben tanzen″, das Friedrich Nietzsche zugeschrieben wird, vollzieht sich das Leben an einem sonnigen Tag im Spätherbst ebenfalls in langsamen Bahnen. Hektik kommt eher nicht auf.

Einen besseren Standort gibt es für uns nicht″, sagt Elisabeth Lumme, Vorsitzende der Gesellschaft für zeitgenössische Kunst″. Viele Zufallspassanten″ kämen vom Altstadt-Bahnhof in die Hase 29, und junge Menschen auf dem Weg ins Heger-Tor-Viertel schauten rein. Viele sind in Partylaune, zeigen aber auch Interesse″, sagt Lumme. Die Räume des alten Schlecker-Markts habe der Verein dank einer günstigen Gelegenheit mieten können, sagt sie. Die Vermieterin wollte aber auch, dass hier etwas mit Kunst geschieht.″

Wenn Helga Bolte sagt, zu ihr komme viel Laufkundschaft, meint sie das nicht zweideutig oder ironisch. Ihr Sohn Thomas hat vor zehn Jahren das Schuhgeschäft Sunderdiek übernommen. Nach dem Umbau vor drei Jahren habe sich die Hasestraße gut entwickelt, sagt sie. Es gibt kaum Leerstände.″ Anderswo haben sich Ein-Euro-Läden angesiedelt und das Niveau der Einkaufsstraße gemindert, so Bolte. Sie freut sich darüber, dass neue, nachhaltige Geschäfte eröffnet wurden, wodurch auch viele junge Menschen in die Straße kämen.

Einer dieser neuen Läden ist Fundament. Dort werden hauptsächlich gebrauchte Schallplatten verkauft. Inhaber Mario Schoo betreibt es mit seinem Kompagnon Christoph Klick seit 2017. Er sagt, die Hasestraße habe Flair und die Geschäfte befruchteten sich gegenseitig. Er sagt aber auch, dass etwas passieren müsse. Durch die Schließung des Skatergeschäfts Montur sei eine Lücke entstanden. Als weiteres Beispiel für einen Leerstand führt er den Umzug des syrischen Bistros Die Laterne″ in die Krahnstraße an.

Steigende Mieten

Die Mieten sind zu teuer″, gibt Silvia Bergmann als Grund an, warum Läden in der Hasestraße schnell aufmachen und schnell schließen. Sie steht hinter der Theke des Shock Cafés, das von dem Verein Ars Vivendi betrieben wird. Er sieht es als primäres Ziel, Kunst und Kultur anzubieten. Im Shock Café finden regelmäßige Ausstellungen statt, in unregelmäßigen Abständen werden akustische Konzerte angeboten, und dort finden die Silent Reading Partys statt, wo die Teilnehmer in Stille Bücher lesen. Dadurch, dass der Plattenladen Shock Records im gleichen Raum beheimatet ist, ist eine in Deutschland selten zu findende Kombination entstanden, die sich gegenseitig befruchtet. Wer möchte, kann sich bei Hans-Dieter Bibi″ Herrmann Platten anhören und dazu einen Cappuccino schlürfen.

Gegenüber von Shock Records ist jetzt eine Dart-Kneipe. Seitdem das portugiesische Restaurant Do Neto im Februar 2014 den Betrieb eingestellt hat, geben sich dort neue Besitzer die Klinke in die Hand, erzählt Silvia Bergmann. Sie vergleicht die Entwicklung der Hasestraße mit der Redlingerstraße. Auch dort habe sich eine alternative Kultur angesiedelt, die immer hipper wurde. Gleichzeitig hätten sich die Mieten dort in einem nicht gesunden Verhältnis entwickelt. Da gibt es auch viele Wechsel in den Läden.″

Ähnlich sieht es auch Patrick Pyda. Wie Silvia Bergmann entstammt auch er der Punk-Szene. Pyda wohnt seit 19 Jahren in der Hasestraße in dem Haus, in dem bis Dezember 2014 die legendäre Bar Parisiana ihr Domizil hatte. Pyda schwärmt immer noch von der Zeit. In dem Haus haben sonst nur Tänzerinnen gelebt. Unten lief Schlager, und bei uns konnten wir Punkrock aufdrehen″, sagt er lachend mit einem Bier in der Hand.

Am Samstagabend ist er aus seiner Wohnung die Treppe runter und ein paar Schritte weiter ins Dirty + Dancing gegangen, um sich das Rockabilly-Trio The Silverettes anzusehen. Pyda erzählt von alten Zeiten, aber er wirft auch einen kritischen Blick in die Zukunft. Früher sei die Straße verrucht gewesen, jetzt ist sie beliebt, sagt er. Es könnte die Befürchtung entstehen, dass es sich hier zu einer Gentrifizierung entwickelt″, formuliert er vorsichtig seine Gedanken. Dabei schätzt er das kulturelle Miteinander.

Etwas abseits vom Trubel am Dirty + Dancing treffen sich Maike Hunecke und Manuela Marsetti in deren Eiscafé Rialto. Hunecke will am Samstagabend noch mal einkaufen gehen. Bringst du mir Zigaretten mit?″, fragt Marsetti. Aber die Frage wird gar nicht beantwortet. Das ist selbstverständlich.

Über das Café der Portugiesin gibt es sogar einen Roman: Frau Marsetti und der heilige Antonius: Ein Osnabrücker Abenteuer″ von Sabina Philippa Ortland. Darin geht es um die Ereignisse in dem kulturellen Schmelztiegel.

Marsetti betreibt ihr Eiscafé seit 32 Jahren in der Hasestraße. Sie kennt noch die Wirtin Bruni der Kneipe Atter Meyer, an der Ecke zum Vitihof. Bruni hat damals den Rock n′ Roll in die Straße gebracht. Heute kommen Punks und Metaller zur Königin der Hasestraße″, wie sich Marsetti gerne nennen lässt, um ein Eis zu schlecken.

Noch länger als das Rialto gibt es Huneckes Puppenklinik. Seit 1895″, präzisiert Meike Hunecke. Ihr Geschäft ist ein Sammelsurium alter Puppen, das zum Stöbern und Entdecken einlädt. Weiter hinten im Laden ist ein kleiner Friseursalon. Hunecke ist auch Friseurmeisterin und schneidet Haare. Seit 2005 betreibt sie die Kombination der beiden Geschäfte. Früher war hier tagsüber und abends was los″, sagt sie. Durch den Verkehr und die vielen Busse werden die Passanten aber abgehalten, auch am Tag in ihr Geschäft zu kommen. Hier kann man nicht mal mehr sein Fahrrad richtig abstellen″, sagt sie. Poller wären schön, fügt sie an.

Mehr Flanierer

Ein von der Stadt in Auftrag gegebenes Gutachten bei der Beratungsfirma Cima ergab, dass das Fußgänger-Aufkommen in der Hasestraße sich gegenüber den Jahren 2004, 2010 und 2012 um 66 Prozent gesteigert habe. Das ist eine positive Entwicklung im Gegensatz zu anderen Straßen, die in die Stadt führen″, sagt Stadtsprecher Sven Jürgensen. In den Jahren zuvor sei diese Entwicklung rückläufig gewesen, da die Hasestraße an Attraktivität eingebüßt habe, so Jürgensen weiter. Die Steigerung der Aufenthaltsqualität habe jedoch dazu geführt, dass sich neue Kneipen und Gaststätten dort angesiedelt hätten.

Perspektivisch sieht Jürgensen weiteres Entwicklungspotenzial, wenn die Hasestraße in Feste wie die Maiwoche weiter eingebunden werden könne. Die Hasestraße ist zu einem Zentrum in der Stadt geworden″, so der Stadtsprecher. Mit der Attraktivität der Lage steigen jedoch auch die Mieten, sagt Jürgensen. Das ist eine bedauerliche Entwicklung, die wir seitens der Stadt schlecht beeinflussen können.″

Durch diese unmittelbare Nachbarschaft ist die Hasestraße zum einen Feiermeile, wo Punkrock im Whisky′s und Ballermann in der Altstadt-Hütte eine friedliche Koexistenz führen. Aber es ist auch ein Kleinod, das vor allem durch die guten Beziehungen der Protagonisten lebt. Wir halten zusammen. Hier ist immer jemand für einen da″, sagt Carolin Schröder. Auf die Frage, ob die Hasestraße auch etwas Großstädtisches wie Kreuzberg in Berlin oder die Schanze in Hamburg habe, muss Silvia Bergmann lachen: Das ist doch Osnabrück hier.″

Bildtexte:
Seit 1895 gibt es Huneckes Puppenwelt in der Hasestraße. Meike Hunecke leitet das Geschäft in dritter Generation.
Gut gehen lassen es sich Silvia Bergmann, Patrick Pyda, Carolin Schröder, Hans-Dieter Bibi″ Hermann (von links) am Shock Café.
Fotos:
Thomas Wübker
Autor:
Thomas Wübker


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