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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Als sonntags keine Züge mehr fuhren
Zwischenüberschrift:
Oktober 1919: Knappe Kohlen, unbezahlbares Leder, heimatlose Glocken
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Ab dem 26. Oktober 1919 fahren sonn- und feiertags bis auf Weiteres″ keine Personenzüge mehr. Der Kohlenmangel zwinge zu dieser einschneidenden Maßnahme, teilt die Eisenbahndirektion Münster mit.

Das Osnabrücker Tageblatt″ kommentiert: Somit werden jene, die nicht zufällig glückliche Besitzer von Autos oder Gespannen sind, ihre Sonntagsausflüge auf Schusters Rappen machen müssen. Die gute alte Zeit mit den behäbigen Postkutschen scheint wiederkehren zu wollen.″

Aber auch mit Schusters Rappen″, also mit dem Schuhwerk, ist das so eine Sache. Seitdem im August die Zwangsbewirtschaftung von Leder aufgehoben wurde, sind die Preise ins Ungeheuerliche″ gestiegen, wie das Blatt schreibt. In einem Falle stellte man fest, dass die Haut eines Rindviehs mit 1200 Mark bezahlt wurde, während das ganze übrige Tier mit einigen Zentnern an Fleisch 1300 Mark kostete. Schuhmacher haben für ein Kilo Leder 70 bis 80 Mark hinzulegen. Nur noch der reiche Mann und Kriegsgewinnler″ könne sich neues Schuhwerk leisten.

Auf der Innungsversammlung der Schuhmacher wird heftig über den Verbleib der Riesengewinne″ debattiert, die bei diesen Preisen doch eigentlich irgendwo bleiben müssten. Bei den Großhändlern und Kreiswirtschaftsstellen werden sie vermutet, jedenfalls nicht beim Kleinhandel und den Handwerkern.

Ein Schuhmachermeister, der spezielles Schuhwerk für Krüppelfüße herstellt, beklagt, dass er seit Mai auf die zugesagte Lederlieferung warte. Der Krüppel drohe damit, die Scheiben seines Ladens einzuwerfen, wenn er nicht endlich seine Stiefel erhalte. Die Innung beschließt, mit mehreren Vertretern an der großen Protestkundgebung des niedersächsischen Schuhmacherhandwerks in Hannover teilzunehmen.

Wegen des großen Mangels an Kohlen können Konzert-, Vortrags- und Theatersäle allenfalls schwach beheizt werden. Es empfiehlt sich deshalb besonders den Damen, bei Besuch derartiger Veranstaltungen bei der Wahl der Kleidung auf diesen Umstand Rücksicht zu nehmen″, mahnt das Tageblatt″.

Was wird aus den heimatlosen″ Glocken? Im Krieg mussten die Kirchgemeinden schweren Herzens″ rund 45 000 Glocken abgeben, weil das Edelmetall Bronze für die Herstellung von Munition gebraucht wurde. Bei Kriegsende waren längst nicht alle Glocken eingeschmolzen. Den abliefernden Gemeinden bot man den Rückkauf zu dem Materialpreis an, den sie seinerzeit erstattet bekommen hatten. Die meisten Gemeinden machten davon auch Gebrauch. Doch nicht alle hatten ihre Glocken in dauerhafter Weise gekennzeichnet. Ein Rest von 400 Glocken ist übrig geblieben, der nicht zugeordnet werden kann. Gemeinden, die nachweisen können, dass sie Glocken passender Größe und gleichen Gewichts abgeliefert haben, sollen sich mit der Metallmobilmachungsstelle in Berlin in Verbindung setzen.

Vom Vierer-Geläut der Marienkirche waren drei Glocken, nämlich die mit den Namen Luther″, Bonnus″ und Maria″, im Juli 1917 abgeliefert worden. Nur die zweitgrößte namens Melanchthon″, 1710 Kilo schwer und cis-gestimmt, war der Kirche geblieben. Nun hat die Mariengemeinde von amtlicher Stelle erfahren, dass die drei abgelieferten Glocken noch kurz vor dem Waffenstillstand zerschlagen worden sind. Das Reichsschatzministerium hat jetzt erklärt, das Edelmetall nur zu dem aktuellen Preis zurückzuverkaufen. Und der ist mittlerweile um das Fünffache gestiegen. Der Kirchenvorstand ist empört, dass der Staat aus der misslichen Lage der Gemeinden Kapital schlagen wolle. Möglicherweise haben auch schon Schieber ihre schmutzigen Hände daraufgelegt″, mutmaßt der Zeitungsredakteur.

Die Wiederherstellung des Vierer-Geläuts in Bronze würde 60 000 Mark kosten. Der Betrag liegt außerhalb der Möglichkeiten der Mariengemeinde. Sie braucht ihre bescheidenen Rücklagen für den Bau der Filialkirche in Schinkel (die dann erst 1929 fertiggestellte Pauluskirche). So prüft der Kirchenvorstand nun aufmerksam das Angebot der Lauchhammer AG, die sich mit ihrem Stahlwerk in Torgau auf die Herstellung von Stahlglocken spezialisiert hat. Die hätten einen weichen, sich dem Klange der Bronzeglocken erheblich nähernden Ton″. Demnach können sie als Ersatz für Bronzeglocken sehr wohl infrage kommen. Zumal ihr Preis nur ein Viertel desjenigen der Bronzeglocken beträgt.

Mit Drohung garnierte Forderung: Die Osnabrücker Ortsgruppe des Einheitsverbands der Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen fordert eine Teuerungszulage von 200 Mark für Kriegerwitwen. In ziemlich drastischen Worten″ stellt sie fest, dass die Stadt Osnabrück im Gegensatz zu Städten wie Bielefeld, Münster und Braunschweig bisher nur Versprechungen gemacht, aber noch nichts getan habe. Innerhalb acht Tagen möge die Stadt den Anträgen Rechnung tragen, da man sonst die Leute nicht mehr in der Gewalt habe und für die öffentliche Ruhe nicht mehr garantieren könne.

Oberbürgermeister Rißmüller erhebt entschiedenen Einspruch gegen den Ton der Eingabe, den er als durchaus ungehörig″ bezeichnet. Durch Drohungen mit Terror würden sich die städtischen Kollegien nicht beeinflussen lassen. Dann zählt er auf, was die Stadt bislang freiwillig alles geleistet habe, angefangen von Mietzuschüssen und Unterstützungen für Arzneien und ärztliche Leistungen bis hin zu Hilfen bei der Kohlen-, Kartoffeln- und Kleiderbeschaffung. Im Übrigen sei die Unterstützung der Kriegshinterbliebenen Sache des Reiches. Gleichwohl verschließe man nicht die Augen vor der Notlage der Betroffenen. Die Kollegien bewilligen 120 000 Mark an weiteren Unterstützungen.

Angesehener Pädagoge und Varus-Forscher: Der Direktor des Ratsgymnasiums, Professor Friedrich Knoke, geht mit 75 Jahren in den Ruhestand. 27 Jahre stand er an der Spitze des Rats″. Er erfreue sich in der Gelehrtenwelt hohen Ansehens, schreibt das Tageblatt″, wenngleich es ihm als mitten im politischen und wissenschaftlichen Leben stehendem Mann auch an mancherlei Angriffen und Widerreden nicht fehlte″. Insbesondere blieben seine Thesen zum Ort der Varusschlacht umstritten. Erst verortete er sie im Habichtswald bei Leeden, später an der nördlichen Grenze Iburgs am Fuße des Dörenbergs. Dorthin unternahm er mit seinen Lateinklassen öfters Ausflüge und ließ die Schüler graben.

Der Nachwelt ist Knoke durch eine Anekdote in Erinnerung geblieben, der zufolge er bei einer Grabung auf eine lehmverkrustete Tonscherbe stieß, die zu einer römischen Amphore zu gehören schien. Er ließ die Schüler die Scherbe vorsichtig reinigen und entdeckte dann eine Signatur darauf: Te salutat, Cnoce, Quintilius Varus gratus tuus″ („ Es grüßt dich, Knoke, dein dankbarer Quintilius Varus″). Es war ein Streich seiner Schüler, denen die harten wissenschaftlichen Fehden um den Ort der Schlacht und Knokes Rolle darin natürlich nicht verborgen geblieben waren.

Bildtext:
Damit war es vorerst vorbei: Im Oktober 1919 mussten Personenzüge sonntags wegen Kohlenmangels stehen bleiben. Ausflügler waren auf Schusters Rappen″ angewiesen.
Foto aus der Sammlung von Lothar Hülsmann
Autor:
Joachim Dierks


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