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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Flüchtlingshelferin will hinschmeißen
Zwischenüberschrift:
Begleitung einer syrischen Familie wird zur Dauerbeschäftigung mit der deutschen Bürokratie
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Maria R. hat es satt. Seit dreieinhalb Jahren begleitet die Osnabrückerin ehrenamtlich eine Flüchtlingsfamilie aus Syrien: Vater, Mutter, drei Kinder und ein Neugeborenes.

Eigentlich wollte sie Kaffee trinken mit den Eltern, mit den Kindern in den Zoo gehen, ihnen beim Deutschlernen helfen, kurz: ihnen das Ankommen in Deutschland erleichtern. Und dann kam der ganze Papierkram dazu″, sagt die Rentnerin. Elf DIN-A4-Ordner voll mit Schriftverkehr zu Themen wie Jobcenter, Arbeit, Bildungs- und Teilhabepaket, Wohnung, Schule und Krankenkasse hat sie zum Termin mit unserer Redaktion mitgebracht, dünne und dicke.

Mehr als 20 Bescheide vom Jobcenter in drei Monaten!″, sagt Maria R. Ihr ist schleierhaft, wie die Familie das ohne ihre Hilfe meistern sollte, denn selbst sie blickt nur mit Mühe durch. Der Familienvater und seine Frau verstehen nicht, was in den Briefen steht, die sie ständig vom Jobcenter bekommen, obwohl er gut und sie sogar sehr gut Deutsch spricht.

Beide sind Mitte 30. Sie sind als Flüchtlinge voll anerkannt und werden voraussichtlich in Deutschland bleiben. Zusammen mit dem Bruder des Vaters leben sie zu siebt in einer gepflegten 82-Quadratmeter-Mietwohnung, die sie selbst renoviert haben.

Maria R., die eigentlich anders heißt, und die Familie möchten anonym bleiben. Die Syrer stammen aus dem Teil des Landes, in den die Türkei einmarschiert ist. Die Angst, selbst in Osnabrück ins Visier des türkischen Gemeindienstes zu geraten, ist groß. Hinzu kommen Befürchtungen, dass sie früher oder später fremdenfeindlichen Anfeindungen ausgesetzt sein könnten.

Anträge über Anträge

Wenn ein Brief von den deutschen Behörden im Briefkasten landet, läuft das so: Wir machen ein Foto und schicken es an Maria″, sagt das Ehepaar. Und die versucht, die Leistungen für die Familie zu erwirken, die ihr zustehen.

Um über das Bildungs- und Teilhabepaket Geld für Nachhilfe für die Kinder zu bekommen, habe sie allein in diesem Jahr 18 Anträge stellen und jedes Mal die aktuellen Bescheide des Jobcenters beifügen müssen, sagt sie. Sie ist sauer. Warum gibt es nicht alle Leistungen aus einer Hand?

Maria, kann ich einen Termin für die U3 machen?″, fragt die Mutter. Ende September kam ihre kleine Tochter zur Welt. Wir haben immer noch keine Geburtsurkunde″, sagt Maria R. und wiegt das schlummernde Baby im Arm. Dreimal seien sie mit dem Mädchen beim Standesamt gewesen, doch dort habe man ohne Heiratsurkunde der Eltern keine Geburtsurkunde ausstellen wollen, erzählt sie. Das Original der Heiratsurkunde ist verschwunden, die Eltern haben nur noch eine Kopie, und die reiche nicht. Bei der Krankenkasse konnte der Vater zwar erreichen, dass das Baby einen vorläufigen Behandlungsschein bekommt und bald wohl auch eine Versichertenkarte.

Als sie beim Jobcenter aber zusätzliche Leistungen für das weitere Kind beantragen wollten, habe es dort geheißen, dafür sei nicht nur die Geburtsurkunde oder ein anderer Nachweis über die Geburt nötig, sondern auch noch ein Aufenthaltstitel und den gibt es nur bei der Ausländerbehörde. Dass ein Aufenthaltstitel für ein neugeborenes Baby erforderlich ist, dessen Eltern und Geschwister als Flüchtlinge anerkannt sind, haut mich einfach um″, sagt Maria R., wird es sonst abgeschoben? Auf einen Termin bei der Ausländerbehörde wiederum müsse die Familie nun wochenlang warten.

Katharina Pötter, Sozialdezernentin bei der Stadt Osnabrück, bestätigt: Den Aufenthaltsstatus kann man nicht pauschal zuerkennen. Das Aufenthaltsrecht in Deutschland ist kompliziert.″ Normalerweise würden die Eltern eines ausländischen Kindes nach der Meldung beim Standesamt automatisch inklusive Terminvorschlag und Liste der erforderlichen Dokumente von der Ausländerbehörde angeschrieben.

Das Problem der Familie: Sie hat noch keine Geburtsurkunde, dabei wäre es laut Pötter auch möglich, sie zunächst nur im Namen der Mutter auszustellen. Die Familie dürfte das Dokument demnächst erhalten und Maria R. hofft, dass damit auch ein zügiger Termin bei der Ausländerbehörde einhergeht.

Wie eine Großmutter

Die Rentnerin kann sich ein Leben ohne die Familie kaum noch vorstellen und umgekehrt. Für die Kinder, zwölf, elf und acht Jahre alt, ist sie wie eine Großmutter. Jetzt habe ich sechs Enkelkinder″, sagt sie, zwei eigene und vier hier. Es ist eine tolle Familie.″ Gerade erst hat einer der beiden Söhne in Mathematik die Note 2+ mitgebracht. Maria R. ist stolz.

Doch sie will auch darauf aufmerksam machen, wie viel Zeit und Kraft sie der Kampf mit den Behörden kostet auch wenn dort alles rechtens sei, wie sie sagt. Sie kennt andere Ehrenamtliche, denen es geht wie ihr. Erschwerend kommt hinzu, dass Mitarbeiter bei den Behörden kaum telefonisch erreichbar seien. Umso größer war ihre Freude, als kürzlich eine Jobcentermitarbeiterin sogar zurückrief. Das war das erste Mal in all den Jahren!

Neuer Vollzeitjob

Der Vater hat seit Kurzem einen Job in Vollzeit bei einem kleinen Familienbetrieb in Osnabrück. Um über die Runden zu kommen, reichen die 2000 Euro Bruttoverdienst aber nicht, sagt Maria R. Sie weiß jetzt schon, was auf sie zukommt. Das Jobcenter werde die Zahlungen zunächst komplett einstellen, da der Familienvater ja nun arbeite. Maria R. wird in seinem Namen wieder einen neuen Antrag auf ergänzende Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhaltes stellen müssen, erklärt sie. Unsicher ist außerdem, was aus der Lernförderung für die Kinder wird. Das hatten wir alles schon mal, als er einen befristeten Job hatte″, sagt die Ehrenamtliche. Mache ich all das nicht, wird es keine Weiterbewilligung der Leistungen zum Lebensunterhalt für die Familie geben. Und was wird dann aus der Familie?

Bildtext:
Der Papierkram treibt eine Osnabrücker Ehrenamtliche in den Wahnsinn.
Foto:
Gert Westdörp
Autor:
Sandra Dorn


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