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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Bis zur Unkenntlichkeit entstellt
Zwischenüberschrift:
Der Bauhaus-Stil hat in Osnabrück einen schweren Stand / Buchveröffentlichung führt 1984 zu einem Eklat
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Vor 100 Jahren wurde das Bauhaus in Weimar gegründet. Spuren hat die Bauhaus-Bewegung auch in Osnabrück hinterlassen, wenn auch mit fünf bis zehn Jahren Verspätung und nicht sehr zahlreich. Einige dieser Gebäude im Stil der neuen Sachlichkeit″, die den Bombenkrieg überstanden hatten, wurden auch noch in den 70er- und 80er-Jahren abgerissen oder bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Prominentes Beispiel dafür ist das Haus Bartlitz in der Krahnstraße. Der 1928 fertiggestellte Eckbau zur Dielingerstraße wurde beschrieben als einfach und schlicht, ohne irgendwelche Künstelei und unnützes Zierwerk, eine in sich abgewogene Baumasse, klar den Zweck der einzelnen Bauteile erkennen lassend, in allen seinen Teilen nur Sachlichkeit widerspiegelnd″.

Architekt war Justus Haarmann, der Sohn des Hüttendirektors und Stifters des Haarmannsbrunnens, August Haarmann. Justus Haarmann (1884–1968) gilt als konsequentester Verfechter des neusachlichen Baustils in Osnabrück. Sein Vorzeige-Bauwerk wurde 1977 abgerissen, weil es der autogerechten Stadt″ im Wege war. Die Stadt hatte im Rahmen der Altstadt-Sanierung beschlossen, Dielinger- und Lortzingstraße zu einer vierspurigen Stadtautobahn″ auszubauen. Dafür mussten im östlichen Teil der Dielingerstraße die nördliche Gebäudezeile und weiter zum Wall hin die südliche Gebäudezeile weichen. Bekanntlich wurde es nichts mit der vierspurigen Magistrale, aber die abgerissenen Gebäude, darunter auch das Haus Schöningh am Domhof, waren unwiederbringlich verloren.

Zu den Vertretern des Neuen Bauens in Osnabrück gehörte neben Haarmann, Paul Thor, Otto Schneider, Wilhelm Nietmann und Stadtbaurat Friedrich Lehmann auch Fritz Komossa. In seinem Atelier in der Bismarckstraße 60 entwarf er unter anderem das Wohnhaus für den Hammersen-Spinnereidirektor A. Schweizer am Lieneschweg 15. In der Beschreibung des damaligen städtischen Denkmalpflegers Bruno Switala gelang Komossa mit dem Haus Schweizer im Jahr 1933 eine konsequente Umsetzung der formästhetischen Forderungen der Architekten des , Neuen Bauens′″. Wichtige Elemente sind das Flachdach, die klare kubische Gliederung, Verzicht auf eine Fassade″ und jegliche Ornamentik, der rhythmische Wechsel von Fenster- und Wandflächen″ und die ansteigende Staffelung der Gebäudeteile, mit der Komossa die Hanglage am Westerberg aufgriff. Obwohl für einen wohlhabenden Bauherrn gebaut, geht es nicht um Repräsentation, sondern in seiner strengen Sachlichkeit um einen Ausdruck des Lebensgefühls im modernen Industriezeitalter, um Zweckrationalität, der die äußere Form zu folgen hat.

Das Haus stand 1982 nicht unter Denkmalschutz. Das wäre heute sicherlich anders″, sagt Switala rückblickend. Damals waren wir gerade froh, unsere umfangreiche Schutzliste in Hannover durchgesetzt bekommen zu haben, wir wollten nicht zu viel draufsatteln. Die Häuser der Weimarer Zeit standen noch nicht im Fokus. Deshalb fiel das Haus Schweizer leider durch das Raster.″

So kam es 1983/ 84 zur durchgreifenden Überformung, wie Architekten es höflich ausdrücken. Man kann auch sagen: Verhunzung. Alle Maßnahmen, die dem Wohnkomfort dienten, etwa die Terrassen, die durch das Versetzen der Kuben entstanden, und die großen Fenster, die sich nicht an einer symmetrischen Ordnung, sondern an den spezifischen Helligkeitsanforderungen der einzelnen Räume orientierten, wurden der Gewinnung zusätzlicher Wohnfläche geopfert. Es entstand ein Komplex mit acht Eigentumswohnungen in austauschbarer Optik, ohne Einfühlung in die umgebende Architektur.

Inge Frankmöller, später Inge Jaehner (1956–2016), war 1984 Kuratorin einer Ausstellung in der Dominikanerkirche mit dem Titel Neues Bauen in Osnabrück während der Weimarer Republik″. Im gleichnamigen Begleitbuch zur Ausstellung gehen sie und ihr wissenschaftlicher Mentor Karl-Georg Kaster recht scharf mit der Ignoranz der städtischen Bauverwaltung, die so etwas zulasse, ins Gericht. Auf dem Rückumschlag des Buches heißt es: Was von den Bomben des 2. Weltkriegs nicht zerstört wurde, ist heute von einer dritten Zerstörung durch die Stadtsanierung betroffen.″ Das wiederum gefiel der dermaßen angegriffenen Stadtverwaltung überhaupt nicht. Wenige Stunden vor der Ausstellungseröffnung untersagte sie die Auslieferung des Begleitbandes. Dazu sah sie sich berechtigt, da das Kulturgeschichtliche Museum der Stadt als Herausgeber fungierte.

Davon war Oberbürgermeister Carl Möller nicht informiert worden. Bei der Ausstellungseröffnung dankte er in wohlgesetzten Worten den Ausstellungsmachern und dem Rasch-Verlag für die gelungene Publikation. Das Peinliche dabei: Es war weit und breit keine Publikation zu sehen.

Die Verwaltung hatte in dem Satz eine ungerechtfertigte pauschale Verurteilung der Stadtsanierung gesehen. Sie forderte daher den Verlag auf, den Satz unkenntlich zu machen. Er wurde mit einem dicken roten Balken überdruckt. Als Kultusdezernent Siegfried Hummel dessen gewahr wurde, fürchtete er den Vorwurf der Zensur und stoppte die Auslieferung insgesamt.

Hummel sagte am nächsten Tag, dass Kritik an dem, was die Stadt tue, weder unterdrückt, noch übersehen, noch missachtet, sondern ermutigt werden″ solle. Eine derart pauschale Verurteilung der Stadtsanierung in einer Eigenpublikation der Stadt könne er allerdings nicht hinnehmen. OB Möller ließ erklären, er distanziere sich von dem Satz. Dass der Katalog aber nicht ausgeliefert werde, sei ohne sein Wissen angeordnet worden. Er halte diesen Schritt der Verwaltung für überzogen.

Und wie reagierte die Autorin Inge Frankmöller? Sie hat das ganze Theater eher belustigt aufgenommen″, erinnert sich ihr späterer Ehemann Jürgen Jähner, sie hat etwas an dem roten Balken mit dem Fingernagel geknibbelt und sich diebisch gefreut, als sie merkte, dass man ihn ganz leicht entfernen kann″. Tage später teilte die Stadtverwaltung dem Rasch-Verlag offiziell mit, dass sie keine rechtliche Handhabe gegen die Auslieferung des Buchs habe. Es könne, egal ob mit oder ohne Abdeckung des umstrittenen Satzes, in den Vertrieb gehen. So geschah es. Die städtischen Einrichtungen wie die Museen bekamen allerdings die Order, das Buch nicht auszulegen.

Denkmalpfleger Switala sieht in dem Buch der späteren Nussbaum-Haus-Direktorin und der Ausstellung einen wichtigen Impuls, der die Wertschätzung des Neuen Bauens als Teil des historischen Erbes der Stadt gefördert hat. Sein Credo: Historisch gesehen, hat jede Epoche gleichen Anspruch auf Beachtung und Erhaltung, fern aller Stilmoden und Vorlieben der Gegenwart, gleichgültig, ob sie uns heute besonders nahesteht, ob ihre Intentionen in die Ideologie unserer Gesellschaft passen oder nicht.″

Bildtexte:
Beispiel des Neuen Bauens″ in Osnabrück: Das Wohnhaus Schweizer am Lieneschweg 15 im Stadtteil Westerberg. Die Aufnahme entstand im Jahr 1983 kurz vor Umbaubeginn, daher der etwas abgetakelt wirkende, ungepflegte Eindruck des Gebäudes. Inge Frankmöller, veröffentlicht in: Inge Frankmöller, Neues Bauen″ in Osnabrück, Bramsche 1984
Das Haus Lieneschweg 15 heute: Soweit ja ganz nett anzuschauen, doch leider auf Kosten eines Hauses im Bauhaus-Stil entstanden.
Fleischerei im Bauhaus-Stil: Das Haus Bartlitz nahm von 1928 bis 1977 die Ecke von Krahn- und Dielingerstraße ein. Die Straßenbahnschienen markieren den Verlauf der Krahnstraße. Das Foto von Justus Haarmann aus dem Archiv Henning Haarmann wurde veröffentlicht in: Inge Frankmöller, Neues Bauen″ in Osnabrück, Bramsche 1984.
Fotos:
Inge Frankmöller, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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