User Online: 2 | Timeout: 02:44Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Wenn der Wald ruft . . .
Zwischenüberschrift:
Vom Kindheitstraum eines Redakteurs, Förster zu werden
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
OSNABRÜCK. Wer jetzt, in der Zeckensaison, über seine Lieblingsstrecke im Wald joggt, statt auf die Asphalt-Alternative auszuweichen, ist ziemlich unvernünftig oder ein Wald-Fan. Oder beides.

Meine Dauerlauf-Hausstrecke führt über den Harderberg zwischen Osnabrück und Georgsmarienhütte. Über einsame, von Forstfahrzeugen zerfurchte Wege und von Gras und Brombeeren zugewucherte Trampelpfade. Morgens, kurz bevor man hier um die Ecke kommt, nimmt schon mal ein Reh Reißaus und zeigt gerade noch sein helles Hinterteil, bevor es im Dickicht verschwindet.
Neulich habe ich mir nach der Runde sieben Zecken vom Bein gezupft, kurz bevor sie zugebissen hatten. Momentan laufe ich also lieber wieder über die Straße, denn so gern habe ich die Tiere des Waldes nun auch wieder nicht. Aber der Wald ziehtmich trotzdem unwiderstehlich an.
Woran das liegt, weiß ich auch nicht genau. Ein Grund ist vielleicht, dass mir meine Eltern und Großeltern häufig Märchen vorgelesen haben. Und da spielt sich bekanntlich viel im Wald ab. Sicher, für Hänsel und Gretel lauert dort vor allem Gefahr zwischen den Bäumen. Aber Schneewittchen wäre ohne die sieben Zwerge im Wald ziemlich aufgeschmissen gewesen. Und der Jäger, der Rotkäppchen und die Großmutter aus dem Bauch des bösen Wolfs befreite, war für mich ein Vorbild an Entschlossenheit und Umsicht.

Viel zu romantisch

Dieses Ideal hatte ich wohl vor Augen, als ich in der vierten Klasse im Schulaufsatz zum Thema Was ich einmal werden möchte . . .″ – „ Förster″ schrieb. Der Aufsatz gelang ganz ordentlich. Aber bei meinem Vater, der mich wohl lieber in einer technischen Branche gesehen hätte, wurde der Berufsberater-Ehrgeiz geweckt. Ich stelle mir das alles viel zu romantisch vor, erklärte er mir.
Im Vorabendprogramm lief damals gerade die Serie Lautlose Jagd″, in der Förster Poelzig Waldfrevlern und anderen Spitzbuben erfolgreich auf die Finger klopfte. Aber mit dem Dackel an der Leine und dem Drilling über der Schulter im Wald mal nach dem Rechten sehen, so sei das alles gar nicht, meinte mein Vater.
Er machte einen Termin beim örtlichen Bezirksförster. Der desillusionierte mich absprachegemäß: 80 Prozent seiner Arbeit erledige er am Schreibtisch oder jedenfalls nicht im Wald. Prozentrechnung hatten wir damals noch nicht, aber 80 Prozent schien mir ganz schön viel, sodas sich versprach, meinen Berufswunsch noch einmal zu überdenken. Mal journalistisch nachzuhaken, zu fragen, warum er dann überhaupt Förster bleibe, was ihm trotzdem an seinem Beruf gefalle und ob alle Förster so wenig im Wald seien, auf die Idee kam ich damals nicht. Und auch nicht darauf, dass er doch immer hin 20 Prozent seiner Arbeitszeit im Wald zubrachte entschieden mehr als ich heute.

Von wegen Hexenhaus . . .

Aber die Waldspaziergänge mit meinen Eltern, für viele meiner Schulfreunde Symbol sonntagnachmittäglichen Familienterrors und Hassobjekt, habe ich weiter gerne mitgemacht. An eine Wegabzweigung bei diesen Spaziergängen kann ich mich noch gut erinnern. Wir gingen immer geradeaus, denn der abzweigende Weg war meist matschig und endete irgendwo im dunklen Gehölz. Da könnte wohl das Pfefferkuchenhaus der Hexe stehen, hatte ich als kleiner Junge immer gedacht. Mit 15 bin ich den Weg dann mal mit einem Mädchen aus der Parallelklasse entlanggeradelt, das ich zu einem Ausflug überredet hatte. Am Ende des geheimnisvollen Pfadesstand natürlich kein Hexenhaus, sondern nach einem Knick kam die nächste Kreisstraße. Und auch die Rad tourendete viel sachlicher, als ich gehofft hatte.
Aus dem Besuch beim Bezirksförster hat sich dann ein langer Prozess der Berufsorientierung entwickelt. Am Ende stand der Beruf Journalist, und ohne diese Entwicklungwäre dieser Artikel nie erschienen. Außerdem habe ich Kollegen kennengelernt, die auch nur verschwindend geringe Teile ihrer Arbeitszeit im Wald verbringen, aber dafür in der Freizeit umsomehr. Zweien habe ich schonmal geholfen, Kaminholz einzubringen. Ich sollte mit einem entsprechenden Stapel entlohnt werden, den ich dann abholen könnte, wenn ich den geplanten Ofen im Wohnzimmer aufgestellt hätte. Aus dem Kaminofen im Wohnzimmer ist bis hernichts geworden. Aber die Arbeit im Wald war mir schon fast Lohn genug.
Die Zeckensaison ist übrigens bald zu Ende, und dann geht′s wieder in den Harderberg.

Bildtext:
Morgens, wenn die Spechte klopfen und die Vögel zwitschern, läuft Redakteur Michael Schwager durch den Wald.
Foto:
Gert Westdörp
Autor:
Michael Schwager


Anfang der Liste Ende der Liste