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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Schülerstreik für Kaiser Wilhelm
Zwischenüberschrift:
September 1919: Kohlenmangel, Obstdiebstähle und Streik am Realgymnasium
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Vor 100 Jahren zeichnete sich ein gravierender Kohlenmangel für den bevorstehenden Winter ab. Die Fördermenge hatte erst 65 Prozent der Vorkriegsförderung erreicht, was unter anderem mit Arbeitszeitverkürzung und Streiks zusammenhing. Zudem beanspruchten die Siegermächte erhebliche Mengen des Energieträgers als Reparationsleistungen.

Der Kohlenmangel zieht in direkter Folge auch Einschränkungen bei Gas und Elektrizität nach sich. Die städtischen Kollegien bereiten sich darauf vor, Schulen zusammenzulegen und Luxusunternehmungen″ wie etwa Bälle und Varietés zeitweise zu verbieten.

Als Heizmaterial will die Stadt in großen Mengen Holz und Torf beschaffen und vorwiegend zu gestützten Preisen den minderbemittelten″ Schichten zur Verfügung stellen. Auch die Wiedereröffnung der 1898 stillgelegten Kohleförderung im Piesberg wird diskutiert.

Generaldirektor Haarmann vom Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein weist allerdings auf die Schwierigkeiten der Wasserhaltung hin. 46 Kubikmeter pro Minute müssten abgepumpt werden. Das sei aber noch nicht das Schlimmste, sondern vielmehr der Salzgehalt der Grubenwässer, deren Klärung nicht zufriedenstellend gelungen sei. Die Einleitung in den Stichkanal sei deshalb stets vom Ministerium abgelehnt worden.

Ungerechtigkeiten in der Kohlenversorgung beklagt Bürgervorsteher Walter Bubert (SPD). „ Gewisse Stadtteile″ seien voll beliefert worden, während andere überhaupt noch nichts bekommen hätten. Bubert benennt eine Reihe von Privathäusern, vor denen große Kohlenmengen abgeladen worden seien. Ungerechte Verteilung in Verbindung mit Schleichhandel rufe in den benachteiligten Kreisen eine große Verbitterung hervor, die leicht zu Ausschreitungen führen könne. Betriebsdirektor Schwers hält dagegen, dass das Kohlenamt sicherlich keine Schuld trage. Fälle von Schleichhandel würden selbstverständlich nachhaltig verfolgt, nur müssten sie nicht pauschal behauptet, sondern unter genauer Angabe aller Einzelheiten dem Kohlenamt angezeigt werden.

Kohlenmangel ist auch für stockende Margarinelieferungen verantwortlich. Die linksrheinischen Margarine- und Ölhärtungswerke können nicht genug produzieren, weil sie nicht genug Kohle zugewiesen bekamen. So müsse derzeit die Speisefettration von 150 Gramm pro Kopf und Woche, die die Preußische Landesfettstelle festgesetzt habe, auf 100 Gramm abgesenkt werden.

Ferien verlegen?

Zur Schonung des Kohlenverbrauchs sollen die Schulferien im Herbst entfallen und dafür die Weihnachtsferien entsprechend verlängert werden. Dagegen regt sich Widerspruch. In kleineren Städten und auf dem Lande dürften die Herbstferien nicht entfallen, weil die Kinder durchaus nötig seien zur Kartoffelernte. Außerdem könne es im Oktober schon genauso kalt werden wie im Januar. Man würde in der ersten und zweiten Oktoberwoche die Schulstuben heizen müssen, aber wenig oder gar keine Kinder darin haben. Der preußische Unterrichtsminister hat ein Einsehen und nimmt aufgrund der Eingaben verschiedener Provinzialschulkollegien Abstand von einer Verlegung der Herbstferien.

Am 11. September treten Primaner des Realgymnasiums an der Lotter Straße in einen Streik. Sie protestieren damit gegen die amtliche Entfernung der Kaiserbilder, die sie sich selbst angeschafft hatten, nachdem die Reichsregierung die Abhängung aller offiziellen Schulbilder mit dem Konterfei des Kaisers durchgesetzt hatte. An den Folgetagen weitet sich der Streik auf Unterprima, Ober- und Untersekunda und Obertertia aus.

Vier Wortführer aus der Oberprima schreiben dem Kultusminister: Auf Ihren Erlaß hin […] sind sämtliche Bilder der Hohenzollern aus den Schulen entfernt worden. Was die Hohenzollern dem ganzen deutschen Volke und damit auch Ihnen, Herr Kultusminister, gewesen sind, das wissen Sie mindestens ebenso gut wie wir. […] Fünfhundertjähriger Hohenzollernherrschaft haben wir es zu verdanken, daß das Deutsche Reich bis vor der Revolution erste Weltmacht war […]. Wie verträgt sich überhaupt Ihre Bilderstürmerei mit Ihrem Programm, das Freiheit und Gleichheit fordert? Wir hier in Osnabrück verstehen allerdings unter wahrer Freiheit zum mindesten, daß den Schülern zugebilligt wird, selbst darüber zu entscheiden, ob sie ein Kaiserbild in ihrer Klasse haben wollen oder nicht. […] Wir bitten um Drahtantwort.″

In den Leserbriefspalten des Osnabrücker Tageblatts″ kreuzen Befürworter und Gegner des Schülerstreiks heftig die Klingen. Absolventen des Katholischen Lehrerseminars schreiben etwa: Der angegebene Grund für die Wiederaufhängung des Kaiserbildes ist geradezu lächerlich. Können wirklich 17-jährige junge Leute schon beurteilen, ob ein Herrscherhaus uns glücklich gemacht hat oder nicht? Anscheinend haben sie am eigenen Leibe noch nicht erfahren, in welch glückliche Lage″ der morsche Staatskarren des monarchischen Regimes das deutsche Volk hineingefahren hat.″

Muss auch Moltke weg?

Auch in Minden und weiteren preußischen Städten kommt es zu Irritationen in der Auslegung des Kultusminister-Erlasses zur Entfernung von Wahrzeichen der alten Staatshoheit″. Vielfach sind auch Bilder Friedrichs des Großen, des Freiherrn vom Stein, Bismarcks, Moltkes und anderer preußischer Persönlichkeiten entfernt worden. Kultusminister Konrad Haenisch (SPD) präzisiert daraufhin: Zu entfernen sind nur Bildnisse des letzten deutschen Kaisers und des Kronprinzen, nicht auch solche von Persönlichkeiten, deren Wert und Bedeutung unabhängig von ihrer Beziehung zu der jeweiligen Staatsautorität geschichtlich feststeht.″ Auf dieser Basis geht der Schülerstreik am Realgymnasium zu Ende: In Anwesenheit eines Schulrats aus Hannover werden diverse Hohenzollernbilder wieder aufgehängt mit Ausnahme Wilhelms II. und des Kronprinzen.

Schüsse auf Obstdieb

Obstdiebstähle nehmen dramatisch zu. Besonders Alleebäume sind betroffen. In Nahne wird in einer der letzten hellen Nächte ein auf einem Baume sitzender ungebetener Obstpflücker″ von Mitgliedern der Einwohnerwehr überrascht. Der Dieb unternimmt einen Fluchtversuch. Einer der Wehrmänner sieht sich nach vergeblichem Haltruf veranlasst, Feuer zu geben. Der Flüchtige kommt mit ernster Schussverletzung ins Marienhospital. Der Vorfall mag zur Warnung dienen″, schreibt das Tageblatt″, das Obst an den Landstraßen steht begreiflicherweise gerade jetzt unter besonders scharfer Bewachung″.

Im Rathaus hat man sich mit dem Erstattungsanspruch eines Lehrers zu befassen, dem während der Einquartierung von Soldaten in der evangelischen Volksschule am Kronprinzenwall (heute: Natruper-Tor-Wall) seine wertvolle Geige gestohlen worden ist. Bürgervorsteher Dr. Böger spricht sein Befremden darüber aus, dass der betreffende Lehrer ein Musikinstrument im Wert von 1200 Mark in einer von Soldaten belegten Schule belassen habe. Senator Hermann klärt auf, dass der Lehrer zur fraglichen Zeit krank im Lazarett lag und von der Einquartierung nichts erfahren habe. Die Kollegien sprechen sich aus Billigkeitsgründen″ für die Erstattung aus, ein Rechtsanspruch werde damit aber nicht begründet genauso wenig, wie die Stadt von den Eltern für abhandengekommene Kleidungsstücke der Kinder haftbar gemacht werden könne.

Bildtext:
Das Realgymnasium an der Lotter Straße, das spätere EMA-Gymnasium, sorgt im September 1919 für Schlagzeilen: Primaner streiken für das Recht, weiterhin Bilder des letzten deutschen Kaisers im Klassenraum aufhängen zu dürfen. Die historische Ansichtskarte entstammt der Sammlung von Helmut Riecken.
Autor:
Joachim Dierks


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