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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
„Osnabrück spielt seine Trümpfe zu bescheiden aus″
Zwischenüberschrift:
Warum der scheidende Universitätspräsident Wolfgang Lücke der Stadt zu mehr Mut und Selbstbewusstsein rät
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Nach sechs Jahren als Präsident der Universität Osnabrück geht Wolfgang Lücke Ende September in Ruhestand. Im Interview verrät der 63-Jährige, wie er trotz Krebserkrankung der Uni ein neues Gesicht gab, mit welchen Ideen er scheiterte und warum die Stadt viel mehr ist als die kleine Schwester von Münster″.

Herr Lücke, wie würden Sie Ihre Amtszeit in wenigen Worten zusammenfassen?
Vielleicht in fünf Adjektiven: aufregend, inspirierend, frustrierend, herausfordernd und motivierend.

Verbinden Sie mit diesen Begriffen spezielle Ereignisse?
Ja, klar! Ich bin ja 2013 von der Universität Göttingen hierhergekommen eine Uni, die wesentlich größer ist, sehr viel traditioneller und ganz anders aufgestellt. Insofern war ich bei meinem Wechsel nach Osnabrück schon aufgeregt. Als inspirierend habe ich es dann empfunden, auf Menschen zu treffen, die teilweise ein ganz anderes Verständnis davon haben, wie Universität geht. Frustrierend ist natürlich, wenn manches nicht so schnell klappt, wie man sich das vorstellt: Beispiel Studierendenzentrum. Herausfordernd war Osnabrück für mich, weil es ein junger Wissenschaftsstandort ohne außeruniversitäre Forschungseinrichtungen ist, der im Grunde genommen aus sich selbst lebt.

Schon Ihr Start in Osnabrück war ja nicht leicht…
Richtig. Ich war kaum acht Wochen hier, da erreichte mich die Diagnose Krebs. Dann der Universität sagen zu müssen, Leute, ich kann gerade nicht so, wie ich will, war extrem bitter. Was mich allerdings wieder sehr motiviert hat, ist, dass meine Kollegen im Präsidium mich damals zum Glück nicht haben hängen lassen im Gegenteil. Sie haben alle gesagt, wir schaffen das, sie haben mich nach Kräften unterstützt, und dann war ich ja auch alsbald wieder hier. Zwar kam noch mal ein kleiner Rückschlag, aber danach lief es.

Sie haben dann recht schnell den Strategieprozess angeschoben und versucht, der Uni ein neues, unverwechselbares Gesicht zu geben.
Ich glaube, dass das wirklich das prägende Element meiner Präsidentschaft hier gewesen ist. Die zentrale Frage war für mich: Wofür steht diese Universität eigentlich? Was kennzeichnet sie? Zweifellos gab es schon 2013 in einzelnen Bereichen respektable Forschungsleistungen. Ich wollte aber wissen, was kann man daraus noch machen? Denn aus meiner Sicht war klar, wenn diese Universität bestehen will, muss sie ihren eigenen Weg finden.
So habe ich mich entschlossen, Anfang 2014 diesen Strategieprozess aufzusetzen, in dem wir gemeinsam und damit meine ich ausdrücklich alle die Universität neu erfunden haben. Was sich heute vor allem in unseren sechs Profillinien zeigt. Hier werden die Kräfte von teils völlig verschiedenen Disziplinen gebündelt, von Fächern, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Und diese Querverbindungen machen unsere Universität stark, stärker als andere.

Nennen Sie doch mal ein paar Beispiele. Auf welchen Gebieten ist die Universität Osnabrück besonders gut?
Dazu gehört sicherlich nach wie vor die Lehrerbildung, die Frühkindliche Bildung, außerdem Migrationsforschung, Islamische Theologie, Rechtswissenschaften. Wir haben auch eine sehr gute Psychologie. Dann natürlich alles, was mit Informatik und künstlicher Intelligenz zu tun hat. Das wird das Gesicht der Universität werden, da bin ich mir sicher, wie es auch die ganze Region nachhaltig prägen wird. Nicht zu vergessen unsere Stärke in den Naturwissenschaften, in der Biologie etwa dokumentiert durch den neuen Forschungsbau Cellnanos.
Was ich grundsätzlich sagen muss: Osnabrück ist ein toller Standort, mit einer sensationell guten mittelständischen Wirtschaft und einer grandios aufgestellten Zivilgesellschaft. Allein die ganzen Stiftungen! Das alles haben andere Hochschulstädte gar nicht. Aber diese Schätze werden hier viel zu wenig gesehen. Und Osnabrück spielt seine Trümpfe noch viel zu bescheiden aus. Die Stadt ist immer noch die kleine Schwester von Münster. Das muss man alles ein bisschen mutiger und selbstbewusster angehen.

Wenn wir über Erfolge reden, dann auch über Niederlagen. Was ist Ihnen als Präsident nicht gelungen?
Ich glaube, ich bin mit keinem Projekt richtig gescheitert. Aber natürlich habe ich auch nicht alles erreicht, was ich mir vorgenommen habe. In meiner Rede zur Amtseinführung hatte ich zum Beispiel versprochen, in Osnabrück ein Wissenschaftskolleg aufzubauen. Einen Ort zu schaffen, an dem Forscher aus aller Welt für eine begrenzte Zeit bleiben, um hier das wissenschaftliche Denken zu befruchten und zu beflügeln. Diesen Plan habe ich irgendwann über den Haufen geworfen, weil es in Deutschland inzwischen so viele Wissenschaftskollegs gibt, dass man damit kaum mehr glänzen kann.
Leider ist es bislang auch nicht geglückt, den Ledenhof in den City-Campus zu integrieren. Wenn ich mir das tägliche Verkehrschaos hier anschaue, dann muss ich sagen: Es gehört keine so große Straße vor das Schloss. Sie trennt die Stadt von der Universität, außerdem wird sie als Rennstrecke missbraucht. Das belästigt meine Mitarbeiter, und das ist auch für meine Studierenden schlecht. Tempo 30 wäre hier das Richtige. Ich fand es grandios, als die Studis bei einer Veranstaltung, als es um die Kommunalwahl ging, den Ratsvertretern aus den verschiedenen Fraktionen gesagt haben, also wenigstens in der Mitte der Straße müsse mal ein Durchbruch kommen. Und ein paar Tage später gab es den dann wirklich. Das Ding ist jetzt bekannt als Lücke-Lücke.

Von diesem Hindernis am Ledenhof einmal abgesehen: Teilen Sie nicht den Eindruck, dass Stadt und Universität sich in den vergangenen Jahren aufeinander zubewegt haben?
Doch! Gedanklich ist es gut gelungen, die Uni mit der Gesellschaft hier zu verbinden, das erfahre ich immer wieder in vielen Gesprächen und Briefen. Die Uni wird heute von der Öffentlichkeit definitiv anders wahrgenommen als zu Beginn meiner Präsidentschaft. Das hat nicht nur was mit meiner Person zu tun, sondern es ist ja eine generelle Tendenz in der Wissenschaft, sich der Welt zuzuwenden. Und das beste Beispiel dafür, wie sehr das hier in Osnabrück nötig war, ist die in meinem Gedächtnis immer noch sehr lebhafte Campusnacht von Universität und Hochschule im Sommer 2017. Diese Öffnung in die Gesellschaft hinein ist für uns extrem wichtig. Wir müssen mit den Menschen sprechen, damit wir wissen, wo der Schuh drückt, und daraus die richtigen Fragen für unsere Forschungsprojekte ableiten.
Ich werte es jedenfalls als großen Erfolg, dass die Menschen in Osnabrück verstanden haben, wie sehr die beiden Hochschulen, die es hier gibt, die Stadt prägen. Subtrahieren Sie mal die 25 000 Studierenden aus Osnabrück weg! Stellen Sie sich mal die Osterberger Reihe ohne Studierende vor!

Stellen Sie sich mal den Campus Westerberg ohne AVZ vor…
Ach, ja, das AVZ. Das alte Hochhaus steht immer noch da, obwohl es wegen Brandschutzmängeln schon lange nicht mehr genutzt werden darf. Bestimmt wird es eines Tages abgerissen und Platz machen für etwas prächtiges Neues. Schauen Sie doch mal, was allein am Campus Westerberg seit 2013 alles entstanden ist: Cellnanos, Rechenzentrum, Universitätsbibliothek, dazu das Hörsaalzentrum der Hochschule, das wir als Uni mitnutzen. Die Mensa ist fertig geworden. Jetzt kommt am Schloss das Studierendenzentrum hinzu. Ich glaube, während meiner Zeit als Präsident wurde so viel gebaut wie noch nie.

Dann könnten wir Ihnen ja auch noch den Spitznamen Bau-Lücke geben?
Im positiven Sinne wäre das sogar richtig. Aber es ist schon ein Glücksfall. Gucken Sie sich mal in Niedersachsen um, wo das Militär weggegangen ist: Wo haben Sie so eine gelungene Konversion von ehemaligem Kasernengelände wie in Osnabrück? Oder von früheren Industrieanlagen Stichwort Ringlokschuppen als künftiger Sitz eines Forschungszentrums für künstliche Intelligenz.

Was würden Sie als Präsident anders machen, wenn Sie noch mal die Gelegenheit hätten?
Mehr für unsere Ehemaligen tun. Wir haben ja sehr prominente Alumni und Alumnae, der ehemalige Bundespräsident Wulff gehört zum Beispiel dazu. Gerne hätte ich auch die leistungsorientierte Mittelvergabe noch stringenter durchgesetzt, als es der Fall ist. Dahinter steckt die Idee, dass, wer mehr schafft als andere, auch mehr Geld erhält. So geht moderne Universität. Auch wenn manche da von einer Ökonomisierung des Wissenschaftsbetriebes sprechen.
Was ich zudem vernachlässigt habe, ist das Thema Studienfinanzierung. Da schneiden wir im Vergleich schlecht ab. Nur 0, 2 Prozent unserer Studierenden erhalten finanzielle Förderung durch ein Stipendienwerk. Das sind keine 30 von 14 000. Heidelberg dagegen hat einen Stipendiaten-Anteil von 2 Prozent und mehr. Mit der Hälfte wäre ich schon zufrieden.

Inwiefern können Sie da Einfluss nehmen?
Indem wir unsere Studierenden stärker motivieren, überhaupt mal einen Antrag zu stellen. Unsere Studis sind ja nicht blöder als andere.

Würden Sie die Kunstgeschichte ein zweites Mal schließen?
Gewiss. Denn ein Präsident hat das Wohl der gesamten Uni im Auge zu behalten und nicht das Wohl einzelner Fachbereiche. Ich will gar nicht leugnen, dass die Schließung der Kunstgeschichte eine ganz schwere Entscheidung war, und mir war klar, dass sie auf Widerstand stoßen würde. Für die Entwicklung der Universität, glaube ich, war es aber eine sehr gute Entscheidung. Auch wenn es mir leidtut für die Betroffenen.
Aber dafür wird man Präsident. Wenn Sie Everybody′s Darling werden wollen, dürfen Sie so ein Amt nicht annehmen.

Was bleibt für Ihre Nachfolgerin Susanne Menzel zu tun?
Frau Menzel hat dem Senat im November 2018 klar gesagt, was sie sich vorstellt, mit welchem Präsidium sie weiterarbeiten will. Sie übernimmt die Universität in voller Fahrt. Und man muss auch einmal deutlich sagen: Ich habe der Universität hier eine Menge zugemutet in den vergangenen fünf, sechs Jahren. Jetzt muss konsolidiert werden, was wir angeschoben haben. Aber so, wie ich Frau Menzel kenne, wird ihr auch das eine oder andere Neue noch einfallen, was ich jetzt gar nicht auf dem Schirm habe.

Bildtext:
Sechs Jahre lang hat Wolfgang Lücke die Universität Osnabrück geleitet. Zum Ende seiner Amtszeit zieht der Präsident im NOZ-Interview Bilanz.
Foto:
Michael Gründel
Autor:
Sebastian Stricker


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