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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Das Werbegesicht des Artensterbens
 
Immer weniger Wanderschäfer in Deutschland
Zwischenüberschrift:
Im Schatten der Honigbiene: Diese Tierarten sind in Deutschland stark bedroht
 
Branche klagt über finanzielle Probleme / Weidehaltung wichtig für Artenschutz
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Warum Grün wählen? Weil wir auch die parlamentarische Vertretung der Bienen sind″, schrieb Grünen-Politiker Cem Özdemir auf Twitter im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 und hoffte wohl mit seinem Verweis auf die fleißigen und vermeintlich vom Aussterben bedrohten Insekten bei den Wählern zu punkten. Ein Jahr später schloss sich eine Supermarktkette für eine Kampagne zum Insektenschutz mit dem Naturschutzbund (Nabu) zusammen. Das Werbegesicht des Projekts? Natürlich die süße Biene Maja.

Doch Werbeaktionen wie diese laufen am eigentlichen Thema vorbei, sagt Hilmar von Münchhausen, Leiter der Abteilung Natur- und Artenschutz bei der Deutschen Wildtierstiftung. Das tatsächliche Problem wird oft missverständlich kommuniziert″, stellt er fest. Dafür sei auch fehlendes Fachwissen vonseiten mancher Politiker verantwortlich. Bedroht seien nicht die Honigbienen, die im Zusammenhang mit dem Artensterben oft abgebildet werden, sondern die Wildbienen. Die Zahl der Honigbienen durch Imker zu verzehnfachen wäre ohne Probleme möglich. Für den Menschen ist sie das Mastschwein unter den Insekten″, sagt von Münchhausen. In der öffentlichen Wahrnehmung sei es jedoch oft genau diese Art, die im Aussterben begriffen ist.

Die Rote Liste der bedrohten Arten zeigt aber: Die Honigbiene ist nur eine von rund 560 Bienenarten in Deutschland. Dazu gehören zum Beispiel auch Hummeln, Holz-, Woll- oder Pelzbienen. Der prozentuale Anteil der gefährdeten Bienen auf der Roten Liste hat sich im Vergleich zur Erhebung von 1998 nicht geändert. Aber: Bei 233 Bienenarten hat sich in der aktuellen Liste von 2011 der Grad der Bedrohung verschärft. Und schon damals prognostizierten die Experten eine Fortsetzung des Trends.

Wir müssen weg von dieser Stellvertreterdebatte und die Vielfalt der Insektenwelt betonen″, fordert von Münchhausen. Nur so könne die öffentliche Wahrnehmung auf die tatsächlich gefährdeten Arten gelenkt werden. Die Honigbiene hat einen begreifbaren und unmittelbaren Nutzen für den Menschen″, ergänzt Holger Buschmann, Landesvorsitzender des Nabu in Niedersachsen. Laut dem Bundesamt für Naturschutz hat die Gesamtheit der Bienen immerhin einen volkswirtschaftlichen Wert von 1, 13 Milliarden Euro, der von ihrer Bestäubung abhängt. Durch ihr sympathisches Äußeres würden sich, Buschmann zufolge, vor allem die Honigbienen im Vergleich zu anderen Tieren besonders gut als Botschafter zur Rettung der Artenvielfalt anbieten. Das dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sowohl die gesamte Insektenwelt als auch Amphibien, Vögel, Fische und Säugetiere stark bedroht sind. Hier einige Beispiele:
Der Feldhamster: Wegen seines putzigen Äußeren wäre der Feldhamster ein idealer Kandidat, um die Biene als Botschafter des Artensterbens abzulösen. Schlecht nur, dass der bis zu 35 Zentimeter große Nager gerade unter Bauern als Schädling gilt, da er sich an deren Getreide bedient. Seit den 1970ern ist der Bestand des Feldhamsters drastisch zurückgegangen. Bei einer Zählung des Nabu im Jahr 2015 lebten zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen weniger als 100 Tiere. Sein Status auf der Roten Liste: vom Aussterben bedroht. Die Wildtierstiftung setzt sich für den Feldhamster ein, indem sie Landwirte dafür honoriert, Getreidestreifen als Lebensraum stehen zu lassen.
Die Gelbbauchunke: Diese Amphibienart gehört in Deutschland zu den sogenannten Verantwortungsarten. Das bedeutet, dass ein bedeutender Anteil der weltweiten Population nur hierzulande vorkommt. Deutschland ist damit in erster Linie für den Erhalt der Art zuständig. Der Lebensraum der Gelbbauchunke mit ihrer charakteristisch gelb-schwarz gefleckten Unterseite liegt in kleinen Tümpeln und Auen. Eben diese sind jedoch durch den Einfluss des Menschen in den vergangenen Jahren größtenteils verschwunden, weshalb die Art als vom Aussterben bedroht″ eingestuft wird. Durch die Schaffung neuer Lebensräume bemüht sich zum Beispiel der Nabu um die Erhaltung der Gelbbauchunke.
Die Mopsfledermaus: Auch diese Fledermausart gilt in Deutschland als Verantwortungsart. Zwischen 1950 und 1970 brach der Bestand der bis zu 5, 8 Zentimeter großen Mopsfledermaus dramatisch ein. Nach heutigen Erkenntnissen gelten ein verringertes Nahrungsangebot durch die Intensivierung der Landwirtschaft und der Einsatz von Pestiziden als Ursache. In den westlichen Bundesländern starb die Mopsfledermaus völlig aus. Generell gelten alle der 25 in Deutschland vorkommenden Fledermausarten als vom Aussterben bedroht.
Der Rotmilan: Dieser rostrote Greifvogel kommt ausschließlich in Europa vor. Nach Zählungen von Naturschützern brüten bis zu 14 000 der rund 25 000 existierenden Paare des Rotmilans in Deutschland. Seit den 1990er-Jahren ist seine Zahl jedoch um etwa ein Drittel zurückgegangen. Auf der Roten Liste wird der Jäger, auf dessen Speiseplan kleine Säugetiere, Amphibien und Aas stehen, deshalb als gefährdet eingestuft.

Seinen Nachwuchs zieht der Rotmilan gerne ungestört in hohen Bäumen, am Rande von Laub- und Mischwäldern groß. Diese Möglichkeiten werden in der heutigen Kulturlandschaft allerdings immer seltener. Naturschützer versuchen mit verschiedenen Programmen Störungen der Rotmilane an ihren Brutplätzen zu verringern.

Bildtext:
Kämpfen ums Überleben: Der Lebensraum von Rotmilan, Mopsfledermaus, Gelbbauchunke und Feldhamster ist in den vergangenen Jahrzehnten drastisch geschrumpft. Das wird jedoch oft nur als Randnotiz wahrgenommen.
Fotos:
dpa, Patrick Pleul, Stefan Thomas, Peter Steffen, Uwe Anspach

Osnabrück In Deutschland sind immer weniger Wanderschäfer mit ihren Herden unterwegs. Die Bundesregierung geht in einer Antwort auf Anfrage der Grünen davon aus, dass die Zahl seit 1999 um 70 Prozent zurückgegangen ist. Demnach gab es im Jahr 2016 vermutlich weniger als 100 Wanderschäfer, die dieser besonderen Form der Schafhaltung nachgingen: Sie ziehen mit ihren Tieren oft über große Strecken von Weide zu Weide. 1999 sind es mutmaßlich noch mehr als 300 Wanderschäfer gewesen. Exakte Zahlen hat das Bundesagrarministerium nach eigener Aussage nicht. Wanderschäfer würden nicht gesondert von anderen Schafhaltern erfasst. Der Bundesverband der Berufsschäfer teilt die Einschätzung der Regierung aber.

Verbandschef Günther Czerkus wies darauf hin, dass alle Schäfer wirtschaftliche Probleme hätten. Die Bundesregierung schreibt, dass das durchschnittliche Jahreseinkommen bei 24 900 Euro liegt. Eigentlich bräuchten wir schon lange ein Rettungspaket″, so Czerkus.

Er verwies auf die Bedeutung der Schafhaltung für den Artenschutz. Das Ministerium schreibt in der Antwort, dass etwa 500 Pflanzenarten auf den Flächen lebten, die von Schafen, Ziegen oder Rindern beweidet würden darunter einige, deren Bestand als gefährdet gilt. Das entspricht 15 Prozent unserer Flora″, so Staatssekretär Michael Stübgen. Czerkus forderte, dass diese Leistung der Schäfer entlohnt werden müsse.

Die Grünen im Bundestag unterstützen das. Steffi Lemke, naturschutzpolitische Sprecherin, betont: Schafe, Ziegen und Rinder leisten Unersetzliches für den Erhalt der Artenvielfalt in unserer Kulturlandschaft.″ Gemeinsam mit ihrem Fraktionskollegen Friedrich Ostendorff fordert sie daher eine bundesweite Weidetierprämie. 30 Euro pro Muttertier schlagen die Grünen vor. Ostendorff sagt, eine solche Prämie sei notwendig, weil die Schäferei nicht nur Tiere, Natur und Klima schützt, sondern auch eine wunderschöne Form der Landwirtschaft darstellt.″

Ob die Rückkehr des Wolfes indes in Zusammenhang steht mit der Abnahme der Wanderschäfer, weiß das Ministerium nicht. Vielmehr geht die Bundesregierung von vielfältigen gesamtwirtschaftlichen und sektoralen Ursachen aus″.

Eine davon ist laut Czerkus, dass mit dem Fleisch der Schafe und Lämmer kaum Geld zu verdienen ist. Der Markt in Deutschland wird von Importen bestimmt. Laut Regierung stammen zwei Drittel des verkauften Schaffleisches aus Neuseeland. Ein weiteres Problem speziell für Wanderschäfer ist die Veränderung der Landschaft. Straßen und Bahntrassen erschweren den Zugang zu Weiden.
Autor:
Bastian Rabeneck, Dirk Fisser


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