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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Osnabrück sagt Centerinvestor den Kampf an
 
„Wir lassen uns nicht erpressen″
Zwischenüberschrift:
Ratsfraktionen bieten Centerinvestor gemeinsam die Stirn
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Der Osnabrücker Stadtrat hat auf ungewöhnliche Weise auf den Immobilienpoker am Neumarkt reagiert. In einer gemeinsamen Erklärung sagen die Ratsfraktionen dem Investor den Kampf an: Wir werden uns nicht erpressen lassen″, heißt es darin. Es kommt selten vor, dass sich alle Ratsfraktionen hinter einer gemeinsamen Erklärung versammeln. Sie werfen dem Centerinvestor Unibail Rodamco Westfield (URW) vor, ein Pokerspiel am Neumarkt zu betreiben, um den Preis in die Höhe zu treiben. URW-Chef Hohlmann hatte in einem NOZ-Gespräch den Verkauf der Immobilien zum Buchwert angeboten. Der Preis läge nach Expertenmeinung bei 40 Millionen Euro. Der Marktwert soll bei unter 20 Millionen Euro liegen. URW liege ein erstes Kaufangebot der Stadt vor, heißt es in der Erklärung.

Osnabrück Dem Centerinvestor liegt ein konkretes Kaufangebot der Stadt für die Immobilien am Neumarkt vor. Das bestätigen die Ratsfraktionen in einer gemeinsamen Erklärung. Die Preisvorstellungen gehen offenbar weit auseinander.

Der Deutschland-Chef von Centerentwickler Unibail Rodamaco Westfield (URWQ), Andreas Hohlmann, hatte vorige Woche in einem Gespräch mit unserer Zeitung angeboten, die Immobilien am Neumarkt an die Stadt zu verkaufen. Es sei nur eine Frage des Preises. Die Stadt habe es damit selbst in der Hand, die Entwicklung am Neumarkt voranzutreiben. Andernfalls könnte ein langer Stillstand von vielleicht zehn Jahren drohen. Nach Hohlmanns Angaben lag URW zu dem Zeitpunkt keine konkrete Kaufanfrage der Stadt vor.

Dem widerspricht die Stadt in einer gemeinsamen Erklärung aller Ratsfraktionen. Oberbürgermeister Wolfgang Griesert habe für die Stadt Kaufinteresse signalisiert und URW ein erstes Angebot gemacht, heißt es darin.

URW will erklärtermaßen nicht unter Buchwert verkaufen, der bei 40 Millionen Euro liegen soll. Beim Buchwert werden auch alle bisherigen Planungskosten und Vorleistungen einkalkuliert. Der Marktwert der 1, 7 Hektar tendiert nach Einschätzung von Experten auf eine Zahl unter 20 Millionen Euro. Der Centerinvestor soll nach unbestätigten Angaben insgesamt etwa 30 Millionen Euro für die Liegenschaften bezahlt haben.

Harscher Ton

Die Reaktion der Stadt auf die Aussagen Hohlmanns ist in der Form ungewöhnlich. Es kommt selten vor, dass sich alle Ratsfraktionen hinter einer gemeinsamen Erklärung versammeln, die auch im Ton scharf gehalten ist. Oberbürgermeister Wolfgang Griesert (CDU), der die Verhandlungen mit dem Centerinvestor führt, überlässt den Fraktionen das Feld. Er wird in der Stellungnahme nicht zitiert und will sich öffentlich zum Stand der Gespräche nicht äußern.

Die Fraktionen äußern sich verärgert″, dass die Projektgesellschaft noch Geld in die Baugenehmigung für ein Center stecken will, von dem inzwischen jeder wisse, dass es niemand fristgerecht eröffnen könne. Statt auf Zeit zu spielen und zu pokern, müsse der auf spekulativen Grundstückspreisen aufbauende Buchwert massiv nach unten berichtigt werden″, heißt es in der Stellungnahme. Nur dann werde das selbst von URW ins Spiel gebrachte Immobilienkonzept mit gemischter Nutzung verwirklicht werden können.

URW hatte im Juni den Verzicht auf das Einkaufszentrum erklärt, hält aber weiterhin den Bauantrag aufrecht. Sollte die Stadt die Baugenehmigung erteilen, müsste URW laut Durchführungsvertrag das Center binnen drei Jahren fertigstellen. URW hat aber angesichts der derzeit hohen Baupreise nicht die Absicht zu bauen und ließe es auf einen Konflikt mit der Stadt ankommen. Der Durchführungsvertrag sieht keine Konsequenzen vor, sollten Fristen nicht eingehalten werden.

Mit Wohnungen

URW und Immobilienkaufmann Theodor Bergmann sind Gesellschafter der Neumarkt 14 Projekt GmbH, die das Center bauen wollte. Die Ratsfraktionen begrüßen in ihrer gemeinsamen Erklärung, dass UWR und Bergmann sich eine Alternative zum Shoppingcenter vorstellen können. Handels- und Dienstleistungsflächen, Raum für Universität oder soziale Einrichtungen wären eine gute Lösung, so die Fraktionen. Dazu gehöre auch ein attraktives Quartier mit bezahlbaren Wohnungen für die Große Rosenstraße.

Alle Ratsfraktionen machen in der Mitteilung ihrem Ärger Luft. Auch wenn man glaube, dass URW jeden Euro für die schwierige Entwicklung im Überseequartier der Hafen-City an der Elbe brauchen könne, sei es nicht hinnehmbar, sich auf Kosten der Stadt schadlos zu halten. Alle Fraktionsvorsitzenden lassen sich in der Mitteilung mit dem Satz zitieren: Wir werden uns nicht erpressen lassen und alles unternehmen, um die hohen Preisvorstellungen von Andreas Hohlmann zu stoppen.″

Nach Ansicht von Fritz Brickwedde (CDU) und Frank Henning (SPD) verhindern überteuerte Grundstücke die von URW versprochene Aufwertung, die Anlieger und Besucher der Innenstadt zu Recht seit Langem für Neumarkt und Johannisstraße fordern. Hochhäuser und Bürotürme können wir uns in der Nachbarschaft zum Landgericht und in der Sichtachse zum Schloss nicht vorstellen. Wir wollen durch einen neuen B-Plan nicht die Bausünden der Vergangenheit wiederholen″, so Frank Henning, der hier auch das Baudezernat und den Oberbürgermeister unterstützen will: Wir wollen keine zehn Jahre warten, aber wir wollen nachhaltige Qualität vor kurzfristigen Erfolgen.″

Die CDU-Fraktion erwartet, dass Unibail Rodamco und Bergmann sich schnell abstimmen und der Stadtverwaltung endlich einen annehmbaren Preis nennen. Die Neumarkt 14 Projektgesellschaft muss jetzt zeigen, dass sie keine verbrannte Erde hinterlassen will, sonst wird auch der Neubau vor H& M ein Rohrkrepierer″, so Fraktionschef Fritz Brickwedde.

Für Volker Bajus (Grüne) ist klar: Das besonders betroffene Areal an der Johannisstraße hat eine zweite Chance mit einem neuen Nutzungskonzept verdient. Die Investoren der Projektgesellschaft laufen Gefahr, sich zu verzocken und weiter an Reputation zu verlieren.″ Der gesamte Stadtrat habe mit der Aufhebung des Bebauungsplanes, der vor fünf Jahren für das Einkaufszentrum aufgestellt wurde, ein klares Signal gesendet.

Raubtierkapitalismus

Mit neuem Planungsrecht wollen die Fraktionen eine Brücke zur Nachnutzung der im Eigentum der URW-Projektgesellschaft befindlichen Flächen bauen. Thomas Thiele (FDP) erklärte: Wir haben lange den Versprechungen von Unibail geglaubt, lassen uns aber nicht für dumm verkaufen. Solidarität ist keine Einbahnstraße. Die Zentrale von URW in Paris müsse jetzt den Weg frei machen, damit die von Deutschland-Chef Andreas Hohlmann ins Spiel gebrachte Nutzungsmischung durch einen anderen Investor umgesetzt werden kann.″

Auch die Vorsitzende der Links-Fraktion, Giesela Brandes-Steggewentz, zeigt sich enttäuscht: Die Linke fühlt sich in der Skepsis gegenüber privaten Investoren bestätigt. Wir sagen noch nicht, dass der CEO der Unibail-Rodamco Germany GmbH die Analysten und Aktionäre täuscht, aber Herr Hohlmann täuscht zumindest die Osnabrücker Bürgerinnen und Bürger.″

Der Bund Osnabrücker Bürger (BOB) ist nicht bereit, den vom Investor geforderten Buchwert zu akzeptieren. Zu sehr klingt hier ein Raubtierkapitalismus″ durch, der der sozialen Verantwortung großer zahlungskräftiger Unternehmen nicht gerecht wird″, so Ralph Lübbe, Fraktionsvorsitzender der BOB-Ratsfraktion.

Bildtext:
1, 7 Hektar umfasst die Fläche, die für das Einkaufszentrum vorgesehen war.
Grafik:
Neue OZ/ Langer,
Foto:
Google Maps, GeoBasis-DE/ BKG

Kommentar
Pokern mit hohem Einsatz

Machen wir uns nichts vor: Unibail Rodamco Westfield ist ein börsennotiertes Unternehmen, dessen Manager den Aktionären Rendite liefern müssen. Klar, dass sie im Neumarkt-Poker den Preis diktieren wollen und Appellen an das Gewissen wenig zugänglich sind. Was der Konzern da mit Osnabrück mache, sei Erpressung, ruft der Rat empört und hat recht.

URW ist fraglos in der besseren Verhandlungsposition, weil er damit drohen kann, die Schrottimmobilien ruhen zu lassen, sollten die Preisverhandlungen zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis führen. Aber URW riskiert damit auch einiges: seinen Ruf. Wenn der Konzern in Zukunft bei anderen Kommunen anklopft, werden diese sich fragen, ob URW auch bei ihnen im Krisenfall verbrannte Erde hinterlassen würde.

Gut, dass URW den Kurs nicht allein bestimmen kann, denn mit Theodor Bergmann sitzt ein Minderheitsgesellschafter bei der Neumarkt 14 mit am Tisch. Im Gegensatz zu Unibail hat Bergmann ein hohes Interesse, dass am Neumarkt schnell etwas passiert. Egal, auch der Plan B mit gemischter Nutzung, sagt er. Hauptsache: schnell.

Die Stadt muss jetzt abwarten, ob die beiden Neumarkt-14-Gesellschafter zu einer gemeinsamen Strategie finden. Ausgerechnet Bergmann, der schon manchen Strauß mit der Stadt ausgefochten hat, könnte der stärkste Verbündete im Ringen mit URW werden.

w.hinrichs@ noz.de
Autor:
Wilfried Hinrichs


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