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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Inklusion macht immer mehr Lehrer krank
Zwischenüberschrift:
Lehrergewerkschaft GEW Osnabrück schlägt wegen mangelnder Förderschullehrer Alarm
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Die Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW Osnabrück, Astrid Müller, warnt, dass Förderschullehrer an allen Ecken und Enden fehlen″. Als Konsequenz würden Lehrer zunehmend auf dem Zahnfleisch gehen, und die Krankenzahlen gehen hoch″. Die Landesschulbehörde räumt auf Anfrage unserer Redaktion eine Unterversorgung ein. In Osnabrücker Haupt-, Real- und Gesamtschulen werde im Schnitt nur ein Drittel des Bedarfs an sonderpädagogischen Stunden durch Förderschullehrer unterrichtet.

Immer weniger Förderschullehrer an der IGS Osnabrück: Der Leiter der Integrierten Gesamtschule (IGS) Osnabrück, Stefan Knoll, sagte unserer Redaktion, dass der Anteil der Stunden, der durch Förderschullehrer abgedeckt wird, in den vergangenen Jahren stetig gesunken ist: Im letzten Jahr hatten wir noch eine Abdeckung der entsprechenden Stunden durch Förderschullehrkräfte von über 30 Prozent und in den ersten Jahren nach Einführung der inklusiven Schule von über 60 Prozent.″

Warum Regelschullehrer die Inklusion zum großen Teil alleine stemmen müssen: GEW-Kreischefin Müller, die auch Vorsitzende der Fachgruppe Sonderpädagogik der GEW im Bezirk Weser-Ems ist, konstatiert, dass viele Lehrkräfte aufgrund der Unterversorgung an Sonderpädagogen nicht mehr allen Schülern gerecht werden können: von Förderschülern bis zu den Schülern mit Gymnasialempfehlung. Das führe zu einer Überforderung der Regelschullehrer in Grund- und weiterführenden Schulen, die keinerlei sonderpädagogische Ausbildung haben, die inklusive Beschulung zum großen Teil aber alleine stemmen müssten.
Aber auch Förderschullehrkräfte seien oft frustriert, weil sie mit den wenigen Stunden nicht allen gerecht werden können. Müller betont: Das kann nicht funktionieren.″
Ein weiteres Indiz für die zunehmende Überforderung durch die aktuelle, schlechte Umsetzung der Inklusion seien zunehmende Beschwerden über Lehrer. Oft begründeten Eltern diese damit, dass Schüler mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf nicht entsprechend gefördert werden. Sie bemerke das daran, dass infolge dieser Beschwerden die Nachfragen nach Rechtsschutz bei der Lehrergewerkschaft zunehmen.

Wie Inklusionshelfer zunehmend zum Förderschullehrer-Ersatz werden: Ein weiterer Aspekt ist laut Müller, dass die Schulen in der Region aufgrund der Personalnot immer öfter versuchten, an Inklusionshelfer auch I-Helfer genannt zu kommen. Diese würden so zunehmend zum Ersatz von Förderschullehrern. Das Problem ist ihren Angaben zufolge jedoch, dass die I-Helfer meistens keine pädagogische Ausbildung haben und Förderschullehrer daher fachlich nicht ersetzen könnten. Eine Sprecherin der Landesschulbehörde sagt jedoch, der Behörde sei nicht bekannt, dass Schüler mit I-Helfern ganz aus der Förderung herausfallen″. Schulbegleiter hätten keinen pädagogisch-unterrichtlichen Auftrag.
Der Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt (Awo) für die Region Osnabrück ist eine der Einrichtungen, die die I-Helfer in Stadt und Landkreis vermittelt. Die Leiterin der Awo-Schulassistenz, Sylvia Kühne, erläutert, dass sich die Zahl der bei der Awo in der Region beantragten I-Helfer seit Sommer 2016 in drei Jahren von 61 auf 140 erhöht habe. Dadurch, dass zunehmend Förderschüler in einer Regelschule sind, besteht erhöhter Betreuungsbedarf″, erklärt sie. Um I-Helfer zu werden, ist ein Berufsabschluss erforderlich, der aber nicht zwingend aus dem pädagogischen Bereich kommen muss. Teilbereiche der Betreuung der Schüler mit Unterstützungsbedarf dürfen Kühne zufolge unter Anleitung der Lehrer auch vom I-Helfer übernommen werden. Der Förderschullehrer sei der pädagogisch-didaktische Experte, der durch das Pendeln an die verschiedenen Schulen, an denen er ohnehin schon mit nur wenigen Stunden eingesetzt werde, aber viel Zeit verliere.
Astrid Müller von der GEW fordert, anstelle von I-Helfern zumindest pädagogisch ausgebildetes Personal wie etwa Sozialpädagogen oder Erzieher einzustellen. Darüber hinaus konstatiert sie, dass selbst die eigentlich vorgesehenen zwei Förderschullehrerstunden pro Woche und Klasse an den Grundschulen immer noch zu wenig seien: Der Förder- und Unterstützungsbedarf ist deutlich größer.″

Wie die Politik die Inklusion jetzt übers Knie bricht: Sie bemerkt, dass die Politik zu spät auf die Inklusion reagiert habe und sie jetzt übers Knie bricht″. Es gebe aber viele Schüler, die in dem aktuellen Regelschulsystem nicht zurechtkommen. Der Unterschied zur Förderschule ist laut Müller nicht nur die intensivere individuelle Förderung, sondern auch die geringere Schülerzahl in den Klassen. Sie resümiert: Unter den aktuellen Voraussetzungen mehrt sich der Wunsch der Eltern, die Förderschulen ab Klasse 5 zu erhalten und sogar die Förderschule Lernen im Primarbereich wieder einzuführen.″
Aus pädagogischer Sicht wäre laut Müller eine weitgehende Doppelbesetzung von Lehrkräften zumindest erst einmal in den Kernfächern Deutsch und Mathe sinnvoll. Die Lehrerin erläutert: So wäre die Inklusion zu stemmen, so, wie es aktuell läuft, nicht.″
Einen Skandal sieht Müller darin, dass die Landesregierung in der aktuellen Situation die berufsbegleitende Weiterqualifizierung zur Förderschullehrkraft gestoppt habe, was genau das falsche Signal sei. Da habe man die Möglichkeit, Lehrkräfte weiterzuqualifizieren, die das sogar freiwillig machen wollen, und dann schaffe man die Weiterqualifizierung ab.

Bildtext:
Wegen der schlechten Umsetzung der Inklusion an den Grund- und weiterführenden Schulen in Stadt und Landkreis Osnabrück sind laut Lehrergewerkschaft GEW immer mehr Lehrer überfordert und werden krank.
Foto:
dpa/ Jonas Güttler

Kommentar
Das Land muss die Reißleine ziehen

Der Inklusion in der Schule liegt die Idee zugrunde, dass alle egal ob mit oder ohne Behinderung miteinander lernen können. Die UN-Behindertenrechtskonvention, die hierzulande 2009 ratifiziert wurde, sollte dazu führen, dass keiner mehr ausgegrenzt oder diskriminiert wird. Zehn Jahre später zeigt sich, dass die Politik gerade auf dem besten Weg ist, diese Idee zu zerstören.

Auch in zehn Jahren hat das Land es nicht geschafft, die Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Inklusion zu schaffen. Warum hat Niedersachsen sich nicht schon vor zehn Jahren um mehr Förderlehrer bemüht, damit diese zur Unterstützung der Förderschüler in den Regelschulen zur Verfügung stehen? Es ist ein Hohn, dass Grundschulen mit zwei Förderlehrerstunden pro Woche und Klasse auskommen sollen. Auch in den weiterführenden Schulen ist der festgelegte sonderpädagogische Unterstützungsbedarf deutlich zu gering, um differenziert auf das stark unterschiedliche Lerntempo eingehen zu können. Wenn nun sogar nur ein Drittel des Bedarfs an sonderpädagogischen Stunden in Osnabrück durch Förderlehrer unterrichtet werden kann, dann muss das Land endlich die Reißleine ziehen. So kann Inklusion nicht gelingen. Aktuell haben Förderschüler in der Regelschule kaum eine Chance. Solange das so bleibt, muss auch die Förderschule erhalten bleiben. j.fays@ noz.de
Autor:
Jean-Charles Fays


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