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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Wenn Kinder die Todesangst nicht loswerden
Zwischenüberschrift:
Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge baut Hilfsangebote aus
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Traumatisierende Erfahrungen im Heimatland und auf der Flucht belasten viele Geflüchtete auch Kinder. Das Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Osnabrück hat ein Hilfetelefon für Pädagogen und Ehrenamtliche eingerichtet. Der Bedarf ist sehr, sehr hoch″, sagt die Kinder- und Jugendtherapeutin Anja Melissis.

Oft scheint es, als hätten die Kinder aus geflüchteten Familien es viel leichter als ihre Eltern: Sie gehen in Kindergarten und Schule, lernen Deutsch, haben automatisch die Chance, Anschluss zu finden. Doch dann zeigen sie in der Schule Wutausbrüche, können sich nicht konzentrieren oder kapseln sich ab. So beschreibt Melissis die Situation vieler traumatisierter Kinder. Sie sind oft doppelt belastet, da sie in der Familie viel Verantwortung übernehmen und dolmetschen müssen.″

In den Familien fehle oft der Blick dafür und das Wissen, dass es überhaupt Hilfsangebote und Psychotherapien gibt. Das Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge Niedersachsen (NTFN) bietet seit drei Jahren Beratung in Osnabrück. Das Angebot startete 2016 mit einer halben Mitarbeiterstelle, vor knapp zwei Jahren wurde dann die Beratungsstelle an der Lotter Straße 104 bezogen. Mittlerweile sind dort acht Psychologen, Therapeuten und Erziehungswissenschaftler in Teilzeit beschäftigt. Finanziert wird das Angebot vom Land Niedersachsen.

Wir bauen jetzt den Kinderschwerpunkt am Standort aus″, sagt die Osnabrücker Beratungsstellenleiterin Sandra Steinkühler. Die Kinder- und Jugendtherapeutin Anja Melissis erlebt dort die gesamte Bandbreite an Problemen, unter denen Kinder und Jugendliche leiden: Traumatisierende Erlebnisse in der Heimat und auf der Flucht, gerade bei Jungen, Aggressionen, auch bei Kleinen schon suizidale Gedanken, sexueller Missbrauch, häusliche Gewalt und die Angst vor Abschiebung.″

Die großen Zuzugzahlen gab es von 2015 bis 2017 – „ jetzt kommen die Nachwehen″, so Melissis. Die Geflüchteten glauben, sie müssten jetzt eigentlich zur Ruhe kommen und können nicht. Auf Beratungstermine beim NTFN müssen die Betroffenen, sowohl Kinder als auch Erwachsene, in der Regel mehrere Wochen warten, dringende Fälle werden vorgezogen. Die Mitarbeiter des Traumazentrums sind vor allem da, um zu ermitteln, wo die Probleme und Ursachen liegen, und vermitteln dann weiter in eine Regeltherapie, therapieren aber auch selbst, da die psychotherapeutischen Regelangebote meist mit Wartezeiten verbunden sind.

Meist sind es die Sozialarbeiter in den Flüchtlingshäusern, die Erwachsene zum Traumazentrum schicken. Viele sind erst skeptisch und haben Angst, sie seien verrückt″, berichtet Sandra Steinkühler. Sie und ihre Kollegen helfen den Betroffenen dann, ihre Symptome einzuordnen. Wenn sie unkonzentriert sind, vergesslich und sich in ihren Köpfen ständig dieselben Szenen abspielen, dann erklären die Therapeuten, wo diese Symptome herkommen und dass das Gehirn das Erlebte erst noch verarbeiten muss.

Inzwischen verzeichnet die Beratungsstelle aber auch eine Zunahme von Klienten, die von Abschiebung bedroht sind und mit dieser Situation nicht zurechtkommen. Die Menschen sind in einer Sackgasse und sehen keinen Ausweg mehr″, berichtet Sandra Steinkühler. Die Situation ist heute eine andere als vor ein paar Jahren, als die Geflüchteten noch hoffnungsvoller waren.″

Neben Einzelgesprächen bietet das Traumazentrum auch Gruppentherapien, etwa Entspannungs- und Handwerkergruppen. Für Kinder gibt es seit Kurzem ebenfalls eine Gruppe.

Mittwochs von 10 bis 12 Uhr bietet die Kinder- und Jugendtherapeutin Anja Melissis nach Termin eine Sprechstunde für Erstgespräche an und von 12 bis 13 Uhr sitzt sie am Beratungstelefon. Unter der Nummer 0541 66896615 oder per E-Mail unter fluechtlingskinder@ ntfn.de können sich Pädagogen und Ehrenamtliche melden, die Fragen zum Umgang mit geflüchteten Kindern und ihren Familien haben. Von Osnabrück aus ist Melissis Ansprechpartnerin für Ratsuchende aus ganz Niedersachsen.

Bildtexte:
Im Februar 2018 entstand dieses Bild in der zerbombten syrischen Region Ost-Ghuta. Die Folgen von Kriegstraumata zeigen sich oft erst, wenn Geflüchtete zur Ruhe gekommen sind das gilt für Erwachsene wie für Kinder.
Sie beraten: Sandra Steinkühler (links) und Anja Melissis.
Seit drei Jahren an der Lotter Straße.
Fotos:
Archiv/ Samer Bouidani/ dpa, Sandra Dorn, Thomas Osterfeld
Autor:
Sandra Dorn


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