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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
„Diese Gesichter waren erschreckend″
Zwischenüberschrift:
Eine Osnabrückerin erinnert sich an Zwangsarbeiter am Augustaschacht
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Hasbergen Noch etwas mehr als einen Kilometer, dann haben es die 20 Männer geschafft vorbei am Kloster Ohrbeck, ein Stück geradeaus, eine scharfe Rechtskurve und wieder geradeaus. Sie kehrten zurück von ihrem Arbeitstag in Osnabrück zurück zum Augustaschacht. Ihre Füße steckten barfuß in Holzschuhen, auf ihrer Kleidung prangten die Buchstaben AZ″, sie gingen angetrieben von Wachmännern. In Osnabrück haben sie Blindgänger geräumt und die Straßen von Trümmern befreit. Kurz hinter dem Kloster lief ein elfjähriges Mädchen auf sie zu. Es ist die Zwillingsschwester von Mathilde Raddatz. Sie wollte den Gefangenen eine Möhre geben. Doch der Aufseher schlug dem Zwangsarbeiter die Möhre mit der Peitsche aus der Hand und sagte zu dem Mädchen: Mach das ja nicht wieder, dann kriegst du sie auch.″

Mathilde Raddatz ist mit ihren acht Geschwistern in Ohrbeck aufgewachsen. Neben dem Haus das Kloster. Dahinter ein großer Garten, dann kam der Wald. Vor dem Haus verlief die Straße, dann Felder, eine Bahnschiene. Überquerte ein Zug den unbeschrankten Bahnübergang, pfiff er. Manchmal liefen Raddatz und ihre Geschwister hinterher und sammelten heruntergefallene Kohlen auf.

Wenig deutete darauf hin, dass nur einige Hundert Meter weiter das Grauen herrschte und die Männer vor ihrem Elternhaus diesem Grauen entgegenliefen. Von Januar 1944 bis Ende März 1945 unterhielt die Osnabrücker Gestapo am Augustaschacht das Arbeitserziehungslager Ohrbeck. Insgesamt waren dort mehr als 2000 Jugendliche und Männer inhaftiert. Sie kamen aus 17 Ländern, viele stammten aus den Niederlanden, der ehemaligen Sowjetunion, Italien und Polen. Durchschnittlich blieben sie acht Wochen in dem Lager als Strafe, weil sie versucht hatten zu fliehen oder die geforderte Arbeitsleistung nicht erbrachten.

Es war die Hölle auf Erden″, sagt der Historiker Volker Issmer, der die Geschichte des Augustaschachts erforscht. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen waren unmenschlich. Täglich leisteten die Zwangsarbeiter beim Aufräumen in der Stadt oder in den Klöckner-Werken in Georgsmarienhütte Schwerstarbeit. Bei Bombenangriffen waren sie schutzlos, denn sie durften die sicheren Bunker nicht betreten. Ein Leben war wenig wert. In einem Zeitungsbericht nach einem Bombenangriff auf Osnabrück 1942 hieß es: Kirchen, Krankenhäuser, Kinderheim, Arbeitersiedlung und Wohnstätten der Zivilbevölkerung getroffen. 38 Tote. Außerdem 10 ausländische Zivilarbeiter getötet.″

Auch die Ernährung im Lager war nur unzureichend. Im Lager herrschte Hunger, und es gab viel Ungeziefer″, sagt Issmer. Zusätzlich waren sie der Willkür ihrer Bewacher ausgesetzt. Einmal soll ein Aufseher einen Häftling bei klirrender Kälte auf dem Appellplatz mit Wasser übergossen haben. Der Mann starb. Insgesamt kamen mehr als 100 Gefangene um.

Von alldem ahnte Mathilde Raddatz als elfjähriges Mädchen wenig. Wohl kannte sie die Schrecken des Krieges: Angst in den Bombennächten, Kälte, Hunger, Tod. Sie kannte das Schweigen, wenn es um Zwangsarbeiter ging, und sie kannte die Hilflosigkeit ihrer Eltern, die nicht erklären konnten, warum Menschen so behandelt werden. An den Bahngleisen lernte sie noch ein weiteres Gesicht des Krieges kennen. Ein Zug mit Arbeitern fuhr in Richtung Klöckner-Werke in Georgsmarienhütte. Raddatz spielte mit anderen Kindern im Wald, als der Zug in Ohrbeck hielt. Ein Waggon öffnete sich, und Raddatz sah die Menschen, die dicht gedrängt standen. Diese Gesichter waren für mich erschreckend, Die waren voller Resignation, voller Entsetzen″, sagt die 86-Jährige. Bis heute kann sie die Bilder nicht vergessen. Auch nicht, als sie bereits studiert und die Befreiung des Lagers lange zurückliegt. Raddatz wird Lehrerin, ihr Feld ist die Reformpädagogik.

Als Teil der 68er-Bewegung wollte sie über die Verbrechen reden und die Jugend aufklären. Statt etwas über KZs zu erzählen, bin ich mit meinen Schülern nach Bergen-Belsen gefahren. Da konnten sie es sehen″, sagt die 86-Jährige. Lange lebte sie in Göttingen, gründete eine Familie, bekam zwei Söhne. Als Seniorin kehrte sie in ihre Heimat zurück. Sie beobachtet heute das politische Geschehen genau: Wenn den Geflüchteten auf dem Mittelmeer nicht geholfen wird, erinnert mich das an die Zwangsarbeiter. Es darf kein Verbrechen sein, hilflosen Menschen zu helfen″, sagt sie. Gedenkstätten wie der Augustaschacht könnten das Bewusstsein stärken und an Menschlichkeit appellieren. Am Bahnübergang in Ohrbeck weist siebzig Jahre später nichts mehr auf die brutale Vergangenheit hin. Ein Schuljunge auf einem Mountainbike mit Ranzen auf dem Rücken schaut nach rechts und links, dann rast er über die Schienen. Mathilde Raddatz blickt den Gleisen hinterher. Das ist geblieben, auch siebzig Jahre später. Sie sagt: Wenn ich einen Zug pfeifen höre, habe ich die Gesichter der Gefangenen vor Augen.″

Bildtexte:
Die Züge, die über diese Schienen rollten, fuhren direkt in die Hölle.
Mathilde Raddatz wuchs in der Nähe des Arbeitserziehungslagers Augustaschacht auf.
Fotos:
Benjamin Beutler
Autor:
Marie Busse


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