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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Der Ururopa war hier interniert
Zwischenüberschrift:
„Brückenbauer″ aus Ruma und Bersenbrück / Junge Serben besuchen Antikriegsbaracke 35
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück 34 Jugendliche aus der serbischen Stadt Ruma und ihre Betreuer halten sich derzeit auf Einladung des Bersenbrücker Vereins Brücken bauen″ im Osnabrücker Land auf. Zentraler Programmpunkt bei einem Besuch in der Stadt Osnabrück war die Besichtigung der Antikriegsbaracke 35″ auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne an der Landwehrstraße in Atter.

Zwei Initiativen fanden sich hier zusammen, die in der Person des serbischstämmigen Historikers Zeljko Dragic verknüpft sind. Dragic ist Vorsitzender des Vereins Brücken bauen″, der sich für bessere Kontakte zu Serbien einsetzt und eine baldige Aufnahme des Balkanstaates in die EU unterstützt. Ganz konkret hat der Verein bereits eine Brücke gebaut zwischen der Samtgemeinde Bersenbrück und der nordserbischen Stadt Ruma, die bis 1945 einen großen deutschstämmigen Bevölkerungsteil hatte. Seit 2017 besteht eine offizielle Städtepartnerschaft.

Zum anderen ist Dragic, der Alfhausener Dozent, promovierte Historiker und Pferdehofbetreiber mit jüdisch-serbisch-hannoverschen Wurzeln stellvertretender Vorsitzender des Vereins Antikriegsbaracke Atter-Osnabrück. Der Verein möchte die Baracke Nr. 35 auf dem Gelände des ehemaligen Wehrmachtslagers Eversheide als historischen Gedenkort erhalten und zu einer Begegnungsstätte ausbauen.

Grund ist ihre erstaunliche Vorgeschichte. Nach Hitlers Balkanfeldzug kamen 1941 etwa 5000 jugoslawische Offiziere, darunter der gesamte Generalstab der Königlichen Armee, in Kriegsgefangenschaft ins Oflag VI C, das Offizierslager Eversheide. Unter ihnen waren auch 400 Serben jüdischen Glaubens. Während sonst im ganzen Reich die Juden rechtlos waren, deportiert und später ermordet wurden, blieben die Juden im Osnabrücker Gefangenenlager zumindest bis 1944 unangetastet, durften ihren Glauben in einer Gebetsbaracke leben und ihre Toten nach jüdischem Ritus auf der jüdischen Sektion des Johannisfriedhofs bestatten. Ursache dieser wohl einmaligen Situation ist der deutsche Lagerkommandant, der sich an die Regeln der Genfer Konvention für Kriegsgefangene, anders als sonst im NS-Staat üblich, gebunden fühlte.

Auch den nichtjüdischen Serben war die Entfaltung kulturellen Lebens gestattet, es gab Theatergruppen, Chöre, Fußballturniere. Nach dem Krieg blieben viele Serben in Osnabrück, weil sie als Königstreue im nunmehr kommunistisch regierten Jugoslawien des Marschalls Tito nichts Gutes zu erwarten hatten.

116 ihrer Landsleute, die bei einem britischen Luftangriff auf das Lager 1944 ums Leben kamen, fanden ihre letzte Ruhestätte auf dem Eversburger Friedhof inmitten eines großen serbisch-orthodoxen Ehrenfeldes. Die wachsende serbische Community Osnabrücks schaffte es, ab 1964 die erste serbisch-orthodoxe Kirche in Nordeuropa zu bauen.

Der Tag für die Jugendlichen aus Ruma begann mit einem Besuch des Eversburger Friedhofs, wo sie einen Kranz am Gedenkkreuz für die 116 Märtyrer″ niederlegten. Einige Mädchen und Jungen waren in ihre traditionellen Volkstrachten geschlüpft, womit sie den toten Landsleuten eine besondere Ehre erwiesen. Danach sollten eigentlich noch die Synagoge in der Weststadt und die serbisch-orthodoxe Kirche an der Wersener Straße besucht werden, aber aufgrund von außerplanmäßigen Hindernissen mussten diese Programmpunkte entfallen. So blieb der Besuch der Baracke 35 die wichtigste Station des Wandelns auf den Spuren der serbischen und jüdischen Bürger.

Hier begrüßte Petar Miloradovic als Vorsitzender des Vereins Antikriegsbaracke die Delegation aus Ruma. In serbokroatischer Sprache informierten er und Zeljko Dragic über die wechselvolle Geschichte der Baracke und das Anliegen, hier eine Begegnungsstätte für Antikriegskultur und Friedenshandeln zu schaffen. Miloradovic erwähnte, dass sein Vater kriegsgefangener Lagerinsasse war. Da meldete sich die 18-jährige Jelena Janosevic aus der Gruppe und erzählte, dass ihr Ururgroßvater ebenfalls hier einsaß. Ihre Mutter sei ganz glücklich gewesen, als sie erfuhr, dass die Oflag-Gedenkstätte auf dem Programm stand und damit die Erinnerung an das Schicksal des Vorfahren lebendig gehalten würde. Es ergab sich danach, dass zwei weitere Delegationsmitglieder Vorväter hatten, die hier als Offiziere interniert waren. Miloradovic und Dragic unterstrichen ihren Wunsch, dass es vermehrt zu deutsch-serbischen Jugendbegegnungen kommen möge, und empfahlen die Baracke 35 als Anlaufpunkt.

Bildtext:
Blick in die Vergangenheit: Serbische Jugendliche besuchen das ehemalige Internierungslager in Eversburg.
Foto:
André Havergo
Autor:
Joachim Dierks


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