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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
„Jede Generation muss eigene Antworten finden″
 
„Plötzlich ganz nah″
Zwischenüberschrift:
NOZ-Agenda zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren – und welche Lehren aus der Tragödie zu ziehen sind
 
16-Jährige klärt Schicksal des 1944 vermissten Urgroßvaters / Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes konnte helfen
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Am Sonntag ist es so weit. Dann jährt sich zum 80. Mal der Überfall des Deutschen Reiches auf das Nachbarland Polen und damit der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. 60 bis 70 Millionen Menschen fanden in der Folge den Tod auf den Schlachtfeldern, in den bombardierten Städten, in den Vernichtungs- und Gefangenenlagern.

Verantwortung endet nicht, wenn Zeitzeugen nicht mehr leben″, mahnt Karl-Theodor zu Guttenberg. Der Ex-Verteidigungsminister ist am Donnerstagabend Gast bei der NOZ-Agenda 80 Jahre Zweiter Weltkrieg Geschichte, Gesellschaft, Gefahren″. Das tiefe Gedenken dürfe nicht abreißen.

Doch ist das Grauen acht Jahrzehnte später noch erfahrbar zu machen? Was hat die Tragödie des Zweiten Weltkriegs der heutigen Generation zu sagen? Zeitzeugen sterben zunehmend aus; das gilt für Täter, Opfer und Unbeteiligte. Umso wichtiger wird eine angemessene Erinnerungskultur. Wie ist der Stand der Forschung zum Zweiten Weltkrieg? Und wie steht es um die internationale Friedensordnung dieser Tage, sind neue Kriege wahrscheinlich?

Diesen Fragen gingen bei der gestrigen NOZ-Agenda-Veranstaltung im Medienzentrum neben Ex-Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg die Autorin Hilke Lorenz („ Kriegskinder″, Heimat aus dem Koffer″) sowie die Vorsitzende des Deutschen Historikerverbandes Eva Schlotheuber nach. Moderiert wurde die Veranstaltung von NOZ-Chefredakteur Ralf Geisenhanslüke.

In seiner Familie sei immer wieder über den Weltkrieg gesprochen worden, erzählte zu Guttenberg. Natürlich seien Männer aus der Familie in der Wehrmacht gewesen. Doch einer widersetzte sich der Erinnerung lange: Mein Großvater mütterlicherseits war dafür nicht zugänglich. Erst als ich mich als Verteidigungsminister mit den aus Afghanistan heimkehrenden Soldaten beschäftigte, kam er auf mich zu und warf mir vor, wie ich es denn wagen könne, öffentlich die Traumatisierung von Soldaten zu thematisieren.″

Dann aber habe sich der Großvater geöffnet – „ und grauenvolle Dinge erzählt und geweint″. Deutschland habe sich dem Kapitel des Weltkriegs sehr verantwortungsbewusst gestellt auch wenn es leider immer noch Menschen gebe, die zu Geschichtsklitterung neigten.

Man könne auch im Reden schweigen, sagte die Autorin Hilke Lorenz. Sie hat für ihre Bücher über die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen zahllose Gespräche geführt. Wenn immer die gleichen Schnurren erzählt werden, fragt man sich: Was wird vielleicht ausgespart? Über Todesangst spricht kaum jemand.″ So hat der Krieg traumatisierte Generationen hinterlassen bis hin zu den Enkeln. Emotionalisierung könne ein Antrieb sein, sich mit etwas zu beschäftigen. Davon könne auch die Forschung profitieren, sagte die Historikerin Eva Schlotheuber.

Jede Generation muss eine eigene Antwort finden, insofern hat sich die Forschung nie erledigt. Es gibt noch viele lohnende Forschungsansätze, konkret beispielsweise der Weltkrieg in der Provinz, wo er ganz spät angekommen ist und ganz andere Dimensionen hatte, etwa die Angst vor Rache der Sieger.″ Auch die Behördengeschichte sei ein neues Forschungsfeld. Über das Reichsinnenministerium sei beispielsweise kaum etwas bekannt, zahlreiche Praktiken auch anderer Behörden seien noch zu untersuchen.

Laut Schlotheuber beginnt gerade jetzt auch erst die Forschung zur Kontinuität von alten und neuen Rechten. Klar sei aber, dass die Situation gegenwärtig mit der vor dem Zweiten Weltkrieg nicht vergleichbar sei, ebenso wenig wie AfD und NSDAP es seien. Die Parteienlandschaft war nicht ausgereift und gefestigt, die Wirtschaftskrise kam hinzu, die Gesellschaft war ganz anders, die sozialen, menschlichen und politischen Prozesse und Überzeugungen wurzelten im Kaiserreich″, so Schlotheuber. All dies sei heute anders, und ohnehin gelte: Geschichte wiederholt sich nicht.″

Forschung, da waren sich die Podiumsgäste einig, sei sinnvoll, auch schon, um zu erkennen, wo sich neue Gefahren entwickeln. Und die gibt es durchaus.

In einer Straßenumfrage äußerten Osnabrücker Bürger die Sorge vor einem neuen Krieg. Das Video wurde auf der Agenda-Veranstaltung eingespielt. Mit den ganzen Krisenherden hat man das Gefühl, es wird nicht besser″, sagt eine junge Frau. Auch nationalistische Tendenzen machten Angst.

Ergänzt wurde die Podiumsdebatte durch ein Gespräch zwischen NOZ-Vize-Chefredakteur Burkhard Ewert und der Geschäftsführerin der Gedenkstätte für die Emslandlager in Esterwegen, Andrea Kaltofen. Insgesamt 15 Konzentrations-, Straf- und Kriegsgefangenenlager richteten die Nationalsozialisten und ihre Handlanger im Emsland ein. Die Insassen, meist politische Gegner, mussten Zwangsarbeit leisten. Es ist nicht wirklich glaubhaft, dass die Menschen nicht wussten, was das für Lager waren. Es gab in der Industrie, in der Landwirtschaft, es gab überall Häftlingseinsätze. Vielleicht wusste man aber nichts von den Exzessen in den Lagen″, sagte Kaltofen. Zehntausend Menschen fanden dort den Tod. Heute erinnert die Gedenkstätte Esterwegen daran.

Auch in der Gedenkstätte Augustaschacht″ im Landkreis Osnabrück wird heute an die NS-Herrschaft und deren Opfer erinnert.

Und wie geht es weiter? Wie ist es um Frieden schaffende internationale Institutionen bestellt? Wir haben ein romantisches, fast nostalgisches Bild auf die Institutionen entwickelt. Die Vereinten Nationen sind Schatten ihrer selbst, ein sklerotisches Gebilde″, stellte zu Guttenberg fest. Ähnliches gelte für multilaterale Konfliktlösungsmechanismen wie den Internationalen Gerichtshof, der von maßgeblichen Spielern systematisch ausgehebelt werde. Sie haben ein hohes Maß an Wirkungskraft eingebüßt. Es ist ein zwingender Auftrag, dies schonungslos zu sehen, und das muss zu Reformen führen.″

Autorin Hilke Lorenz scheint für die Zukunft nicht sonderlich optimistisch. Geschichte wiederholt sich nicht, aber man lernt offenbar auch nicht daraus. Auch heute gibt es weltweit Kriegskinder.″

Bildtext:
Wie steht es um die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. 80 Jahre nach seinem Beginn? Darüber dikudierten (von links) Bestseller-Autorin Hilke Lorenz, die Vorsitzende des Historikerverbandes Eva Schlotheuber und der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Gutenberg.
Fotos:
André Havergo

Berlin/ Dissen Beim Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes gehen noch immer Anfragen nach Vermissten des Zweiten Weltkrieges ein. Rund 9000 werden es voraussichtlich auch dieses Jahr sein. Ein Schicksal ist mithilfe des DRK geklärt: Die 16-jährige Lara Rading aus Dresden hat Gewissheit über das Schicksal ihres Urgroßvaters Heinrich Evers aus Dissen (Landkreis Osnabrück). Er galt jahrzehntelang als vermisst im Osten 1944″. So steht es auf der Rückseite eines Armband-Anhängers von Laras Großmutter. Als ich dies vor Jahren erstmals las, habe ich meine Großmutter gefragt, was dies denn heißt, ob man nie mehr etwas von meinem Urgroßvater gehört hat und was das für sie bedeutet″, berichtet die Schülerin.

Den Anstoß für eigene Nachforschungen bekam das Mädchen dann vor anderthalb Jahren. Ich habe zusammen mit einigen Familienangehörigen eine Dokumentation über den Zweiten Weltkrieg im Fernsehen gesehen. Bei den Bildern von Soldaten auf dem Rückzug im Osten kämpfte meine Großmutter mit den Tränen″, schildert Lara. Das kann ich nicht sehen, ich denke dann immer an meinen Vater″, habe Marita Landwehr herausgepresst und dann eilig den Raum verlassen.

66-seitige Schularbeit

Ein Schlüsselerlebnis für Lara. Plötzlich ist mir dieser Teil der deutschen Kriegs- und Nachkriegsgeschichte ganz nah gekommen″, sagt sie. Wer war mein Urgroßvater? Was mag mit ihm geschehen sein? Diese Fragen trieben sie um.

Die Schülerin machte Anfang 2019 die Suche nach Vermissten des Zweiten Weltkrieges und die Arbeit des DRK-Suchdienstes am Beispiel ihres Urgroßvaters zum Thema einer 66-seitigen Arbeit im Geschichtsunterricht. Und bekam eine 1 dafür. Natürlich hatte ich dieses Thema im Kopf, weil wir in der Familie immer wieder über meinen Urgroßvater gesprochen haben″, berichtet die Schülerin. Vor allem wurde darüber gesprochen, wenn sie bei ihrer Großmutter in Versmold war. Dort lebt die 79-Jährige heute.

Marita Landwehr war bei Kriegsende 1945 erst fünf Jahre alt und hat ihren Vater Heinrich nie bewusst kennengelernt. Dreimal war er als Soldat zu Hause in Dissen auf Fronturlaub″. Doch das weiß Marita Landwehr nur durch die wenigen Fotos und Erzählungen ihrer Mutter. Meine Großmutter hat keine bewussten Erinnerungen an ihren Vater und ist ohne ihn groß geworden″, sagt Enkelin Lara.

Zwar hatte die Großmutter bereits 1974 und 2013 Anfragen an den DRK-Suchdienst gestellt, doch die Erkenntnisse gingen dabei nie über die Tatsache hinaus, dass Heinrich Evers im Juni 1944 an der Ostfront in sowjetische Gefangenschaft geraten und vermutlich kurz darauf verstorben ist. Erst die dritten Nachforschungen im Frühjahr 2019 brachten den Durchbruch. Am 5. März 2019 erhielt Lara Rading vom DRK-Suchdienst eine Antwort. Darin heißt es, dass der Suchdienst in den vergangenen Jahren aus den Archivbeständen der Russischen Föderation Akten deutscher Kriegsgefangener erhalten habe: Darunter konnten wir nach umfassenden Recherchen nun auch Unterlagen aus dem Russischen Staatlichen Militärarchiv (RGWA) Kriegsgefangenenakte und Karteikarte für Ihren Angehörigen Heinrich Evers feststellen.″

Die Familie hat nun Gewissheit, muss aber mit aufwühlenden Nachrichten fertig werden. Aus dieser auf Russisch abgefassten Akte geht laut DRK hervor, dass Heinrich Evers im Juni 1944 im Gebiet Witebsk, Weißrussland, in sowjetische Gefangenschaft geriet und am 15.01.1945 im Lager Nr. 112 registriert wurde. Unserer Kenntnis nach befand sich das Lager Nr. 112 mit Standort der Hauptverwaltung damals in Berditschew, Gebiet Shitomir, Ukraine. Heinrich Evers ist schließlich am 24.03.1945 an Dystrophie 3. Grades verstorben und wurde auf dem zugehörigen Lagerfriedhof in Berditschew bestattet.″ Die Todesursache Dystrophie 3. Grades bedeutet: Heinrich Evers ist im Lager verhungert.

Ans Herz gewachsen″

Lara hat Briefe ihres Urgroßvaters an seine Familie gelesen. Er ist mir sehr nahe gekommen. Sehr beeindruckt hat mich, wie er seine Angehörigen aufgemuntert und gestärkt hat″, bekennt das Mädchen. Er ist mir sehr ans Herz gewachsen, im Laufe der Geschichtsarbeit für die Schule immer mehr. Darüber bin ich glücklich″, sagt Lara. Sie ist mit dem Ergebnis der neuen Nachforschungen mehr als zufrieden: Denn meine Familie und ich haben nach all den Jahrzehnten nun endlich einen Ort, an dem mein Urgroßvater bestattet wurde″, sagt Lara. Es ist gleichzeitig ein Stück deutscher Geschichte, denn wie meinem Urgroßvater, meiner Urgroßmutter und meiner Großmutter ging es Abertausenden von Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg″, fügt sie hinzu.

Der Anhänger am Armband ihrer Großmutter bekommt eine neue Gravur. Nicht mehr vermisst im Osten 1944″ soll dort zu lesen sein, sondern: gestorben am 24.3.1945″. Außerdem wollen Lara und ihre Eltern voraussichtlich die Grabstelle von Heinrich Evers in der Ukraine besuchen. Wir wollen den Namen meines Urgroßvaters in ein Trauerbuch eintragen, das auf dem Lagerfriedhof ausliegt″, sagt Lara. Ich finde es wichtig, dass wir nicht vergessen, was damals passiert ist.″

Bildtexte:
Heinrich Evers bei einem Heimaturlaub mit seiner kleinen Tochter Marita.
Endlich Gewissheit: Lara Rading konnte das Schicksal ihres Urgroßvaters Heinrich Evers klären.
Fotos:
privat
Autor:
Thomas Ludwig, Beate Tenfelde


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