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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Warum Osnabrück keine Bauhaus-Stadt ist
Zwischenüberschrift:
Architektin: Menschen haben Bauhaus nicht verstanden
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Warum konnte sich das Bauhaus in Osnabrück nicht wirklich durchsetzen, und warum existiert bis heute kaum Bewusstsein für den Baustil? Das erklärt Antje Busch-Sperveslage im Interview. Sie arbeitet als Architektin, Dozentin für Baugeschichte an der Universität Osnabrück und ist Vorstandsmitglied im neu gegründeten Verein für Baukultur Osnabrück.

In Osnabrück gibt es nicht besonders viel Bauhaus-Architektur. Ist die Stadt damit exemplarisch für die damalige Zeit, oder fällt sie im Vergleich zu ähnlich großen Städten auf?
Auch in anderen Städten ist von den Einflüssen des Bauhauses teilweise nur wenig zu spüren. Es hängt nicht in erster Linie von der Größe der Stadt ab. Celle beispielsweise, obwohl deutlich kleiner als Osnabrück, hat beeindruckende Siedlungen und öffentliche Bauten im Stil des Bauhauses vorzuweisen. Es hing immer davon ab, ob Architekten, Investoren oder Entscheidungsträger persönlichen Kontakt zum Bauhaus unterhielten oder sich persönlich stark von der neuen Architektursprache angezogen fühlten. In Osnabrück traf das nur auf wenige Personen zu. Der Architekt Paul Thor ist hier zu nennen, ebenso wie Bausenator Friedrich Lehmann. Beide hatten großes Interesse an den neuen Bauformen und waren sicherlich auch begeistert von den neuen Möglichkeiten, die sich damit boten. Ein wirklicher persönlicher Kontakt zu Architekten des Bauhauses ist beiden bisher nicht nachzuweisen, den gibt es regional tatsächlich nachweisbar nur zur Firma Rasch in Bramsche, die die Bauhaustapete fertigte.

Die Bauhaus-Bauten, die es gibt, hatten mit Ablehnung zu kämpfen. Baugenehmigungen ließen auf sich warten oder Bürger äußerten sich spöttisch. Woran lag das?
Obwohl Bausenator Lehmann sehr offen und interessiert auf den neuen Baustil reagierte, waren die meisten Entscheidungsträger in Osnabrück skeptisch bis ablehnend gegenüber den Ideen des Bauhauses beziehungsweise dem Stil des Neuen Bauens. Schon allein die Diskussion um das Flachdach zeigt, dass man innovativen Lösungen eher ablehnend gegenüberstand und sich in traditionelle Bauweisen flüchtete. In den 1920er-Jahren sind neben repräsentativen Einzelbauten auch zahlreiche Wohnsiedlungen in Osnabrück entstanden, die in ihrer Formensprache noch ganz dem Stil der Jahrhundertwende entsprachen, mit Fassadenverzierungen, Türmchen und Erker sowie aufwendige Giebelkonstruktionen. Die Bauhausarchitektur wurde von den meisten Menschen einfach nicht verstanden und als zu schlicht und einfallslos abgestempelt.

Gab es konkrete Versuche, die Bauten in der Kornstraße, in der Friedrichstraße oder in der Herderstraße zu verhindern?
Allein die Tatsache, dass immer wieder Änderungen und Nachbesserungen am Bauantrag für die Siedlung Kornstraße vom Bauamt eingefordert wurden, die den Baubeginn 1929 erheblich verzögerten und Paul Thor als Architekt und Investor in große Schwierigkeiten brachten, zeigt den Versuch, den Bau zu verhindern. Das erstaunt umso mehr, da in diesen Jahren besonders der Sozialwohnungsbau vorangetrieben werden sollte, um die akute Wohnungsnot zu lindern. Glücklicherweise besaß Paul Thor erhebliches Durchhaltevermögen und war von seiner Idee, hier eine Siedlung mit günstigen Wohnungen für Tuberkulosekranke und kinderreiche Familien zu errichten, überzeugt.

Gab es daneben noch andere Bauhaus-Architektur in Osnabrück, die heute nicht mehr sichtbar ist?
Ein sehr schönes Beispiel ist leider nicht mehr erhalten. Das vom renommierten Osnabrücker Architekten Justus Haarmann in der Dielingerstraße für die Familie Bartlitz errichtete Geschäftshaus hatte zwar die Bomben des Zweiten Weltkriegs überstanden, fiel aber in den 1970er-Jahren der Straßenverbreiterung zugunsten des Autoverkehrs zum Opfer. Das ist sehr schade, denn es handelte sich hierbei um ein außerordentlich interessantes Gebäude mit auffälliger Fassadengestaltung, die sehr an den dem Bauhaus nahestehenden Architekten Bruno Taut erinnert. Ähnlich wie bei Tauts Bauten in Berlin betonte Haarmann die verschiedenen Bauteile durch eine kräftige Farbgebung in Rot, Gelb und Blau. Das löste nicht nur in der Presse einen Aufschrei aus. Für Osnabrück war dieses Gebäude sicherlich revolutionär und einmalig.

Was weiß man über Paul Thor?
Leider viel zu wenig! Man weiß, dass er einer Osnabrücker Architekten- und Handwerkerfamilie entstammt. Er ist der 1901 geborene Sohn von Robert Thor, der ebenfalls als Architekt tätig war. Ob eine akademische Ausbildung vorausging, lässt sich bei beiden nicht mit Sicherheit sagen, für Paul Thor aber vermuten. Anfang der 1920er-Jahre hielt er sich in Stuttgart auf und hat dort sehr wahrscheinlich Architektur studiert und kam mit anderen Architekten in Kontakt. Paul Thor war verheiratet und hatte einen Sohn namens Walter. Zusammen mit seinem Vater hat Paul Thor einige Projekte in Osnabrück realisiert. Die Villen in der Friedrichstraße, die ab 1928 errichtet wurden, sind die frühesten Beispiele, die auf Entwürfe von Paul Thor zurückzuführen sind. Sie sind ganz erstaunlich und in ihrer Modernität und Qualität bis heute herausragend für Osnabrück.

Gibt es neben Paul Thor noch andere Architekten in Osnabrück, die sich dem Neuen Bauen verschrieben?
Neben dem eben schon erwähnten Justus Haarmann sollte man auch Otto Schneider und Friedrich Komossa nennen. Während das von Komossa im Lieneschweg 15 errichtete Gebäude nach grundlegenden Umbauten eigentlich nicht mehr zu erkennen ist, ist ein besonders interessanter Bau von Schneider noch vorhanden und in seinem Bauhaus-Charakter trotz baulicher Veränderungen noch gut nachvollziehbar: die Villa in der Herderstraße 22. Man kann nur hoffen, dass sie als eines der wenigen Zeugnisse dieser Stilrichtung erhalten bleibt. In der ursprünglichen Gestaltung und Ausstattung steht sie den hervorragend erhaltenen Villen von Paul Thor in der Friedrichstraße 31 und 33 in nichts nach.

Welchen Stellenwert hatte die Bauhaus-Architektur nach dem Zweiten Weltkrieg in Osnabrück?
Ehrlicherweise muss man sagen, dass ein Stellenwert dieser Architektur in Osnabrück lange Zeit gar nicht zu erkennen war. Noch in den 1970er- und 1980er-Jahren wurden Häuser aus der Zeit des Neuen Bauens abgerissen oder bis zur Unkenntlichkeit umgestaltet. Erst mit den Recherchen durch Inge Frankmöller und ihrem 1984 erschienenen Buch zum Neuen Bauen in Osnabrück wurde erstmals überhaupt eine Auseinandersetzung mit diesen Bauten erreicht. Leider zeigt das Beispiel Herderstraße 22, dass wohl noch immer kein wirkliches Bewusstsein für den Wert dieser Architektur vorhanden ist. Auch die Siedlung Kornstraße hätte deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient. Da Osnabrück nicht gerade viele Beispiele für diesen Architekturstil aufweisen kann, sollte man das wenige, was noch vorhanden ist, wirksamer schützen und unter allen Umständen erhalten.

Bildtexte:
Avantgarde in Osnabrück: Nicht an vielen, aber an ein paar Flecken lässt sich in der Hasestadt Bauhaus-Architektur entdecken.
Antje Busch-Sperveslage
Fotos:
Philipp Hülsmann/ Busch-Sperveslage
Autor:
Benjamin Havermann


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