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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Basisdemokratie auf Katholisch
Zwischenüberschrift:
Die Kleine Kirche neben dem Dom führt mit dem Segen des Bischofs ein Eigenleben
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Schlicht und bescheiden behauptet die Kleine Kirche ihren Platz an der Nordseite des Osnabrücker Doms, von diesem nur durch den Klapper- beziehungsweise Hexengang getrennt. Sie ist eine katholische Kirche, wie es eingezwängt zwischen Dom und Gymnasium Carolinum auch kaum anders sein kann, führt aber gleichzeitig ein erstaunliches Eigenleben.

Man findet sie leicht. Die Wegbeschreibung lautet: Links vom Dom″. Sie ist keine Pfarrkirche, verfügt also über keine Gemeinde in einem geografisch definierten Pfarrbezirk. Ihre Gemeindeglieder findet man auf keinen Karteikarten sie sind organisatorisch nicht fest umrissen. Im weiteren Sinne gehören alle dazu, die sich zur Eucharistiefeier jeden Samstagabend um 18.15 Uhr einfinden, und sei es auch nur gelegentlich oder zufällig. Zum engeren Kreis der Gemeinde Kleine Kirche″ zählen also alle, die sie als ihre Gemeinde ansehen und im Idealfall irgendeinen der zahlreichen Dienste übernehmen oder in den verschiedenen Arbeitskreisen und Gruppen mitarbeiten.

Einmal im Jahr wird basisdemokratisch das Leitungsteam gewählt, dem derzeit der Leiter des Katholischen Büros Niedersachsen, Professor Felix Bernard, und sieben Laien angehören. Das Priesterteam besteht neben Bernard als Rektor der Kleinen Kirche aus Generalvikar Theo Paul und dem früheren Domkapitular Heinrich Jacob.

Hervorgegangen ist die heutige Gemeinde Kleine Kirche in den 1970ern aus der Katholischen Hochschulgemeinde und dem Forum Osnabrück, einem Zusammenschluss katholischer Christen in der Stadt. Sie versteht sich als eine Ergänzung zu den Ortspfarreien. Sie ist von unten″ gewachsen – „ in Einheit mit dem Bischof und damit eingebunden in die Gesamtkirche, dabei um ökumenische Weite und Offenheit bemüht″, wie es im Selbstverständnis der Gemeinde heißt, das auf ihrer Internetseite veröffentlicht wurde. Sie pflegt intensiven Kontakt zur evangelischen Mariengemeinde. Regelmäßig feiern die beiden Gemeinden gemeinsam ökumenische Gottesdienste.

Eine Sonderrolle hat die Kleine Kirche schon immer eingenommen. Sie war nie als Pfarrkirche gedacht. Gebaut wurde sie 1683–1685 für das Jesuitenkolleg, das sich im direkten baulichen Anschluss befand, in der Örtlichkeit, die heute den Klosterflügel″ des Gymnasiums Carolinum darstellt. Der Konvent der Jesuiten stellte die Leitung und einen Großteil der Lehrer für das Carolinum. So war es naheliegend, dass die Kirche der Jesuiten auch der Andachtsraum für die Schüler der 804 von Karl dem Großen gegründeten Karlsschule wurde. Der weitere Name Gymnasialkirche″ drückt dies aus.

Die Kleine Kirche blieb die Kirche des Gymnasiums durch all die Jahrhunderte bis zur weitgehenden Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. Und auch in den Wiederaufbaujahren, als die Stadt längst Schulträger geworden war, blieb die enge Verbindung bestehen. Aktive und ehemalige Schüler sowie Lehrer halfen bei der Entrümpelung, brachten Ideen für die Neugestaltung ein und stifteten Ausstattungsgegenstände.Einzige Barockkirche

Die Kleine Kirche ist die einzige Kirche der Stadt, die im Zeitalter des Barock entstand. Der Westgiebel als Schauseite der Kirche zur Großen Domsfreiheit hin zeigt in zurückhaltender Weise geschwungene barocke Bauformen. Sie kehren im links daneben liegenden Westgiebel des Klosterflügels″ des Carolinums wieder. Auch im weiteren Stadtbild sind einige ähnliche Giebel erhalten, so das Haus Prenzler in der Krahnstraße 6 und die Alte Posthalterei in der Hakenstraße 4a.

Die Kleine Kirche, die neben dem Beinamen Gymnasialkirche auch als Paulskapelle oder Jesuitenkirche bezeichnet wird, entfaltet bei Weitem nicht die Pracht und Schmuckfreude, die andere Jesuitenkirchen in Westfalen auszeichnen. Als Grund wird angesehen, dass den Jesuiten in Osnabrück mit seiner reformatorischen Tradition Gegenwind insbesondere vonseiten des Rates entgegenblies. Zur Zeit der schwedischen Besetzung 1633 wurden die Jesuiten und der Bischof sogar gänzlich vertrieben.

Nach dem Westfälischen Frieden kehrten sie zurück. Bischof Franz Wilhelm von Wartenberg wies den Jesuiten die alte Paulskapelle an der Nordseite des Doms und weitere Häuser rund um den Dom zu. Sein protestantischer Nachfolger Ernst-August von Braunschweig-Lüneburg meinte es erstaunlich gut mit den Jesuiten, hoffte er doch, mit ihrer Hilfe die einstige Osnabrücker Universität wiederbeleben zu können. Er gestattete ihnen 1673, an der Großen Domsfreiheit ein großzügiges neues Konventsgebäude mit Schule zu errichten. Als es fertig war, passte die alte, halb verfallene Paulskapelle aus dem Jahr 1289 nicht mehr in den schicken barocken Rahmen. 1683 wurde sie niedergerissen und an ihrer Stelle die neue, ebenfalls dem heiligen Paulus geweihte Kirche gebaut.Second-Hand-Inventar

Die Finanzmittel, die Fürstbischof und Domkapitel dafür erübrigten, waren bescheiden. So kam es, dass die Steine für das Außenmauerwerk von der alten Franziskanerkirche neben der Katharinenkirche genommen wurden. Den Fußboden entnahm man der ebenfalls verfallenen Ignatius- oder Augustinerkirche am Neumarkt. Auch viele Ausstattungsteile stammten aus aufgegebenen anderen Sakralbauten. Den Hauptaltar lieferte das Dominikanerkloster am Natruper Tor. Second Hand″ waren die Beichtstühle ebenso wie die von der Ignatiuskirche genommene spätgotische Kreuzigungsgruppe, die Kalvarienberg-Szene, außen an der Westfassade. Heute sieht man an der Fassade einen Abguss. Das stark verwitterte Original kam 1990 ins Innere der Herz-Jesu-Kirche.

Am 13. September 1944 erhielt die Kirche bei einem Luftangriff Bombentreffer und brannte aus. Die Wiederherstellung geschah in schlichter Weise, die dem heutigen liturgischen Empfinden entgegenkommt. Von der früheren Barockausstattung blieb nicht viel mehr als das Henseler-Epitaph von 1666 erhalten. Am 9. November 1950 wurde die Kleine Kirche wiedergeweiht.

Bildtexte:
Die Kleine Kirche bildete auch schon 1954 die Kulisse für den Wochenmarkt. Der Westgiebel ist noch nicht restauriert, der Putz teilweise abgefallen.
Der Putz ist erneuert, die arg verwitterte Kreuzigungsgruppe durch eine Kopie ersetzt, das Iduna-Hochhaus schiebt sich ins Bild: die Kleine Kirche im Sommer 2019.
Die barocke Innenausstattung der Kirche vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg.
Zur Wiedereinweihung 1950 beeindruckte der Kirchraum durch schlichte Klarheit.
Fotos:
Heinz Lepand, Joachim Dierks, Bistumsarchiv, Emil Harms
Autor:
Joachim Dierks


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