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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Aufstieg und (weicher) Fall eines Großhändlers
Zwischenüberschrift:
Die auf Fahrräder spezialisierte Firma Heinrich Gastmann bestand bis Ende der Neunziger
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Bis in die 1980er-Jahre ließ sich Osnabrück in den Reklamestempeln der Bundespost als Stadt des Großhandels″ feiern. Nicht zu Unrecht, denn in Spitzenzeiten waren rund 430 Großhandlungen aus allen denkbaren Branchen im Handelsregister eingetragen. Eine von ihnen war die Fahrradgroßhandlung Heinrich Gastmann KG.

Wie viele andere Großhandlungen auch, die nicht erfolgreich eine Marktnische besetzen konnten, entging Gastmann dem verbreiteten Niedergang dieser Absatzstufe nicht. 1997 kam das Aus. Die Marktmacht des Einzelhandels und seiner Einkaufsgenossenschaften war so groß geworden, dass es des klassischen Großhändlers nicht mehr bedurfte.

1920 sah die Welt noch anders aus. Freilaufnabe, Nabenschaltung und Rücktrittbremse waren erfunden, die herben Beschränkungen angesichts der Rohstoffknappheit im Ersten Weltkrieg wurden langsam überwunden, Gummireifen waren wieder erhältlich und machten das Fahren bequemer. Das Fahrrad entwickelte sich zu einem immer wichtigeren Verkehrsmittel. Zwei Cousins namens Gastmann, beide hießen Heinrich, erkannten die Gunst der Stunde und beschlossen, als Grossisten die in der Region verstreuten kleinen Geschäfte mit Fahrrädern und Zubehörartikeln zu beliefern.

Anfangs gehörten nicht nur Fahrräder zum Sortiment, sondern auch Motorräder, Nähmaschinen, Landmaschinen und Luftgewehre samt Munition. Der ältere Heinrich, zur Unterscheidung firmenintern Gastmann I″ oder kurz G I″ genannt, starb früh. Der jüngere, G II″, wollte aber nicht ewig der Zweite bleiben und ließ sich daher fortan G I″ nennen.

Der Eiserne Gustav″

Durch gute Kontakte zum Lieferanten Zündapp gelang es Gastmann, Station auf der Werbe-Rundfahrt des Eisernen Gustav″ auf einem Zündapp-Motorrad zu werden, was sich für Gastmann auch für das eigene Marketing ausschlachten ließ. Droschkenkutscher Gustav Hartmann, genannt der Eiserne Gustav″, hatte es durch seine spektakuläre Pferdedroschken-Reise Berlin–Paris–Berlin im Dienste der zarten deutsch-französischen Annäherung 1928 zu großer Popularität gebracht. In der Folgezeit vermarktete er seine Bekanntheit unter anderem, indem er sich den Zündapp-Werken für eine Drei-Länder-Rundfahrt zur Verfügung stellte.

Heinrich Gastmann war ein Patriarch vom alten Schlag. Der Bauer und Kaufmann″, als der er sich selbst gerne sah, bewirtschaftete nebenbei noch einen Hof in Lotte. Wenn dort etwa während der Ernte Not am Mann war, kommandierte er kurzerhand seine Fahrradverkäufer auf die Felder.

Heinrich Gastmanns Urenkel Dennis Gastmann ist bekannt als Abenteurer, Reiseschriftsteller und TV-Satiriker. Er hat in seinem Buch Gang nach Canossa″ seinen Osnabrücker Wurzeln ein Kapitel gewidmet.

Darin kommt auch Urgroßvater Heinrich vor, wie er in den Erzählungen der Familie weiterlebte. Noch mit 86 Jahren ließ er sich Tag für Tag im Betrieb blicken, was von den Angestellten mit dem Warnruf VDO! angekündigt wurde. VDO war nicht nur als Hersteller von Fahrrad-Tachos bekannt. In diesem Falle bedeutete es: Vorsicht, der Olle! Der kontrollierte dann vorrangig, so geht jedenfalls die Sage, ob die Bleistifte alle angespitzt und die Briefmarkenschwämmchen angefeuchtet waren. Dennis Gastmann schildert aber auch eigene Kindheitserinnerungen an die Firma. Etwa an die efeuberankte Backsteinfassade, die nur um die Fenster und um das gelbe Firmenschild herum freigeschnitten wurde. An den Gummigeruch im Keller. An den Satteltester, auf dem er herumturnen durfte. An die Registrierkasse, auf der er heimlich herumtippte. Hinten im Lager sammelte er glänzende Kügelchen, die aus den Kugellagern geflutscht waren.

In den ersten Jahrzehnten besaß Gastmann fast eine Monopolstellung in Osnabrück. Von den Herstellern ließ er sich eine exklusive Eigenmarke mit dem Schriftzug Heigo″ (Heinrich Gastmann Osnabrück) ausstatten. Das Liefergebiet reichte vom Ruhrgebiet bis Oldenburg und von der holländischen Grenze bis Bielefeld.

Als Marianne Gastmann-Gerstmayr 1977 in dritter Generation in den Sattel der Firmenleitung stieg, hatte sich die Marktlage gedreht. Manche Hersteller hatten nun keine Scheu mehr, den Einzelhandel unter Umgehung des Großhandels direkt zu beliefern. Um überhaupt im Geschäft zu bleiben, musste Gastmann aber immer mehr Geld ins Lager stecken, da die Produktpalette beständig wuchs und das Design wie bei der Damenmode wechselte. Gleichzeitig nutzten die verbliebenen Kunden den Großhandel zunehmend als Bank und reizten die Zahlungsfristen aus. Schließlich wurde nur noch jedes dritte Fahrrad über den Fachhandel verkauft. Die großen Stückzahlen verbuchten Discounter und Kaffeeröster.

1997 leitete Gastmann-Gerstmayr die Liquidierung der Firma ein. Ich denke, wir haben zum richtigen Zeitpunkt Schluss gemacht″, sagte sie damals. Von den in der Spitze 36 Beschäftigten waren noch 8 übrig geblieben, die fast alle schnell eine neue Anstellung fanden.

Mit dem Abriss des Gebäudes Ende der 1990er-Jahre verschwand eine der letzten von einst zahlreichen Großhandlungen in Bahnhofsnähe, die sich wegen des Haupttransportmittels Bahn vor dem Krieg dort niedergelassen hatten. In Verlängerung des bestehenden Komplexes der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Price-Waterhouse-Coopers GmbH (PWC) entstand am Konrad-Adenauer-Ring 24 ein weiteres Bürogebäude, in dem unter anderem eine Sprachschule, Rechtsanwälte und Steuerberater Quartier genommen haben.

Bildtexte:
Die Fahrrad-Großhandlung Gastmann, Konrad-Adenauer-Ring 24, im Jahr 1989.
An gleicher Stelle am Konrad-Adenauer-Ring steht heute ein modernes Bürogebäude.
Mit Pferd und Wagen holte der Rollfuhrmann in den 1920ern eine Waggonladung Fahrräder für Gastmann vom Güterbahnhof ab. Das Foto aus dem Archiv der Heinrich Gastmann KG wurde veröffentlicht in : Rolf Spilker, Industriekultur, Verlag Rasch, 1989.
Fotos:
Joachim Behrens, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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