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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Bettfedernfabrik am Neuen Graben
Zwischenüberschrift:
1883 begann die Osnabrücker Firma Künsemüller mit der Federn- und Daunen-Verarbeitung
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Im vergangenen Jahrhundert gehörte die Bettfedernfabrik Künsemüller zu den drei großen K″ im früh entstandenen Industriegebiet Osnabrücks in der vorderen Wüste südlich der Martinistraße: Neben Künsemüller waren das die Karosseriefabrik Karmann und der Gasuhren-Hersteller Kromschröder. Die Keimzelle der Bettfedernfabrik lag jedoch am Neuen Graben.

Das historische Foto aus der Zeit um 1930 zeigt links das Schloss und rechts das dreigeschossige Wohnhaus Künsemüller. Die Betriebsräume der Fabrik sind nicht zu sehen. Sie lagen rechts hinter dem Wohnhaus in Richtung Ledenhof (Neuer Graben 15a nach alter Nummerierung). Das Wohnhaus erlitt im Bombenkrieg Beschädigungen, wurde aber repariert und wieder bewohnbar gemacht.Freier Blick aufs Schloss

Der Abriss kam in den 1950er-Jahren, um den Neuen Graben als leistungsfähige Ost-West-Achse ausbauen zu können. Wie der Vergleich mit dem aktuellen Bild zeigt, erlaubte die Abräumung des Gebäudes neben der Straßenverbreiterung auch die Freistellung des historischen Ledenhof-Gebäudeensembles und damit den freien Blick vom Ledenhof auf das Schloss, nachdem weiterhin das ehemalige Offizierskasino abgerissen war.

Ebenso verschwand das kleine Gebäude Neuer Graben 15. Es lag zwischen dem Künsemüller′schen Wohnhaus und dem Offizierskasino.

Hier hatte das Volksbüro″ der national-liberal-konservativen Deutschen Volkspartei (DVP) seinen Sitz. Seine Aufgabe war es, Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene in Versorgungsfragen zu beraten und allgemein in Angelegenheiten der Sozialversicherung und des Arbeitsschutzes sowie in Schul-, Steuer- und Militärsachen zu informieren.

Die Nähe dieses Büros zu dem Künsemüller′schen Anwesen war kein Zufall. Die Brüder Hans und Adolf Künsemüller unterstützten die DVP und insbesondere deren Galionsfigur, den späteren Außenminister Gustav Stresemann, nach Kräften.

Als Stresemann in den Nachwirren der Novemberrevolution im Januar 1919 auf einer Wahlveranstaltung in Nordhorn körperlich attackiert wurde, erwiesen sich die Sicherheitsbeamten als machtlos gegenüber dem ausbrechenden Krawall. Adolf Künsemüller arrangierte, dass Stresemann zu einem versteckten Aus- gang geführt wurde. Dem Politiker gelang die Flucht, die Kundgebung wurde abgebrochen. Im Automobil des Bettfedern-Fabrikanten erreichte Stresemann in der Nacht relativ wohlbehalten seine Unterkunft in Osnabrück.

Die Künsemüllers stammen aus Künsebeck bei Halle (Westfalen). Am Künsebecker Bach lag die Künsemühle, und dort mahlte der Künsemüller. Ein Namensträger war Wilhelm Otto Künsemüller, der 1883 mit dem Sortieren, Entstäuben, Waschen, Dämpfen und Weiterverarbeiten von Federn und Daunen zum Befüllen von Bettdecken begann. Die Fabrik lag, wie gesagt, zwischen dem Neuen Graben und dem Ledenhof.

Gelernt hatte Künsemüller das Handwerk bei der Bettfedernfabrik Edmund Grosskopff, die auf der anderen Seite des Neuen Grabens neben dem historischen Schloss (Neuer Graben 10 nach alter Nummerierung) mit einer Dampf-Reinigungs-Maschine eigener Construction″ für Furore sorgte. Künsemüller sagte sich: Was die können, das kann ich auch. Er machte sich in gleicher Branche selbstständig.

Schon bald reichte der Platz am Neuen Graben nicht mehr aus. Künsemüller erwarb ein Grundstück zwischen Martini-, Uhland-, Weiden- und Adolfstraße. In den 1890er-Jahren verlegte er den Firmensitz dorthin, wo er jetzt auch eine Dampfmaschine betreiben konnte.

In zweiter Generation führte Sohn Hans (1883–1966) die Geschäfte fort, wobei der auch Zeit fand, sich im traditionsreichen Großen Club und insbesondere bei der Neugründung des nachfolgenden Osnabrücker Clubs zu engagieren. Sein Bruder Dr. Adolf Künsemüller war mit als niedergelassener Kinderarzt am Neuen Graben verblieben. Er praktizierte gleichzeitig ehrenamtlich auch im Kinderhospital, das damals zwischen Schloss und Ratsgymnasium lag.Produktion bis 2001

In dritter Generation führte Hans Künsemüllers Schwiegersohn Kurt Sanders das Unternehmen weiter, in vierter Generation Hans-Christian Sanders. Bis zum Jahr 2001 befüllte man hier Kissen und Decken mit garantiert staubfreier Ware″. Zuletzt wurden jährlich 500 Tonnen der flauschigen Naturprodukte in verschiedenen Mischungsverhältnissen verarbeitet.

Nach einem kurzen Intermezzo in neuen Räumen in Eversburg erfolgte 2002 die vollständige Integration der im Familieneigentum Sanders befindlichen Künsemüller GmbH in die Weberei Gebrüder Sanders in Bramsche. Der Füllstoff Federn und Daunen wurde somit auch logistisch und produktionstechnisch mit dem Hersteller der Inletts zusammengeführt. 2016 geriet die Sanders-Gruppe in wirtschaftliche Schwierigkeiten, die letztlich zum Ausscheiden der Sanders-Gesellschafter führten. Die Sanders-Holding wird inzwischen von dem österreichischen Finanzinvestor Grossnig fortgeführt.

Die Alte Fabrik″ bekam nach 2002 ein zweites Leben als Alte Fabrik Martiniviertel″ eingehaucht vielen Osnabrückern besser bekannt als Medicos″. Dieses Gesundheits- und Rehabilitationszentrum entstand unter der Federführung der Schüchtermann-Schiller′schen Kliniken neben den historischen Industriefassaden. Das Areal wird außerdem gastronomisch genutzt: Durch die Event-Location Anyway″, wo runde Geburtstage oder Hochzeiten gefeiert werden können, und das mediterrane Restaurant Portobar″, das sich samt Biergarten zu einem Treffpunkt der Bewohner der vorderen Wüste entwickelt hat. An die Firmengeschichte von Künsemüller wird unter anderem im Parkhaus erinnert, wo die Ebenen Namen wie Entendeck″ und Gänsedeck″ tragen.

Bildtexte:
Der Neue Graben auf einem Foto, das vermutlich in den 1930er-Jahren entstand. Links das Schloss, rechts das Wohnhaus der Familie Künsemüller.
So sieht es am Neuen Graben heute aus: Die gelben und weißen Pflastermalereien″ vor dem Schloss stehen sinnbildlich für die Zerrissenheit der momentanen Osnabrücker Verkehrspolitik.
Das Volksbüro″ der Deutschen Volkspartei (DVP) vermutlich in den 1920er-Jahren. Es lag zwischen dem Künsemüller′schen Haus und dem Offizierskasino. Die historische Ansichtskarte entstammt der Sammlung Dieter Mehring.
Die Alte Fabrik″ Künsemüller im Martiniviertel beherbergt seit 2002 das Medicos-Gesundheitszentrum sowie Gastronomie-Betriebe.
Fotos:
Archiv Ruth Sanders, Joachim Dierks, Archiv/ Jörn Martens
Autor:
Joachim Dierks


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