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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Inhalt:
Überschrift:
Kultur an (und manchmal auf) der Kippe
Zwischenüberschrift:
Vor 25 Jahren wurde der Verein „Piesberger Gesellschaftshaus″ gegründet
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Vor 25 Jahren wurde der Osnabrücker Kulturverein Piesberger Gesellschaftshaus Kultur an der Kippe″ gegründet. Dass der Kulturort nicht nur nahe der städtischen Müllkippe stand, sondern manchmal auch auf der Kippe an diesem Wortspiel kommt keiner vorbei –, gehört zum Alltag wohl jeder um Zuschüsse ringenden Einrichtung.

2005 wurde die Deponie geschlossen. Der Beiname Kultur an der Kippe″ passte nicht mehr und verschwand. Der Vereinszweck ist aber geblieben: Mit Theater, Musik und Tanz soll das traditionsreiche Gesellschaftshaus an der Glückaufstraße als Ort der Kultur und der Geselligkeit belebt werden. Der Verein versteht sich sowohl als Kulturdienstleister, der anderen Initiativen seine Infrastruktur zur Verfügung stellt, als auch als Entwickler eigener Projekte. Berühmt sind die Tango-Tanzveranstaltungen, die Aufführungen des Piesberger Freilauftheaters″, der Kultur-Flohmarkt oder die Fossilien-Expeditionen in den Piesberg.

Geschäftsführerin Imke Wedemeyer schwärmt von den tollen Möglichkeiten″, die die Umgebung biete: Wir haben die Schienen in der Nähe, den Kanal, den Stollen, den Steinbruch.″ Das Außengelände lasse sich hervorragend bespielen″, die Einbindung in den Kultur- und Landschaftspark Piesberg″ sorge dafür, dass die einzelnen Akteure wie das Museum Industriekultur, die Dampflok-, die Feldbahn-, die Oldtimerfreunde und natürlich das Gesellschaftshaus sich gegenseitig befruchten und Publikum zuspielen. Das wird besonders deutlich bei den Großveranstaltungen wie dem Bergfest″ oder dem Anheizertag″.

Neben den jährlich rund 50 Kulturveranstaltungen im Saal und im Außenraum bietet das Gesellschaftshaus 15 bis 20 Workshops (Chormusik, Steinbildhauerei, Kreistanz, Theater für Eltern und Kinder...) und 15 wöchentlich stattfindende Angebote von Tango Argentino über Tanztheater und Trommeln auf Congas bis zu Expeditionen rund um den Piesberg. Rund 50 000 Besucher zählt man jedes Jahr. Viele Ehrenamtliche unterstützen die wenigen Hauptamtlichen dabei, ein professionell gemachtes Kulturprogramm auf die Beine zu stellen. Rund die Hälfte seines Budgets muss der Verein durch Gastronomie, Eintrittsgelder und Mieteinnahmen bei Privatfeiern selbst erwirtschaften, die andere Hälfte kommt als institutionelle Förderung von der Stadt.Anfänge 1870

Das Gesellschaftshaus gilt als das älteste Ausflugslokal Osnabrücks, das noch heute betrieben wird. Seine Geschichte geht zurück ins Jahr 1870. Die Rahmenbedingungen damals waren günstig: Osnabrück hatte den Anschluss an das Eisenbahnnetz geschafft. In wenigen Minuten konnten die Osnabrücker vom Bahnhof Hasetor aus die Station Eversburg erreichen und hier ihren Sonntagsausflug zum Piesberg beginnen. Der lockte die Frauen mit Natur und schöner Aussicht, die technikbegeisterten Männer mit seinen fortschrittlichen Bergwerksanlagen.

Allerdings fehlten eine Einkehrmöglichkeit für die Ausflügler sowie ein Gesellschafts- und Versammlungsraum für die Bergleute. Deshalb richtete 1870 der am Piesberg beschäftigte Bergmann Sinnemann ein Schreiben an den wohllöblichen Magistrat″ der Stadt. Darin bat er um den Bau eines sogenannten Restaurationsgebäudes″, das er auch gern selbst betreiben wollte, um vor allem den unverheirateten Bergleuten der Zeche und Geschäftsreisenden Kost und Logis zu bieten und die sonntäglichen Ausflügler zu bewirten.

Bereits ein Jahr später wurde das Restaurationsgebäude aus gebrochenem Piesberger Karbonquarzit-Gestein am Rand des Zechenareals fertiggestellt und fand schnell Anklang. Hochbetrieb herrschte, wenn es am 6., 16. und 26. eines jeden Monats die Lohntüten gab. Wer an seiner Lohntüte zu schwer zu tragen hatte, war an der Theke auf jeden Fall herzlich willkommen″, heißt es in einem älteren Zeitungsbericht. Das seit 1832 begangene Bergfest der Piesberger Knappschaft gewann an Bedeutung und zog nicht nur die Bergleute, sondern die gesamte Bevölkerung im Osnabrücker Land an.

Daneben entstand ein reges Vereinsleben. Gesangs-, Theater- und Karnevalsvereine kehrten regelmäßig am Piesberg ein. Der Platz reichte nicht mehr. So ließ die Stadt 1896/ 97 einen Saal anbauen. Es stand nun ein Gesellschaftshaus zur Verfügung, das neben dem normalen Gaststättenbetrieb die Ausrichtung größerer Feste und Veranstaltungen ermöglichte.

Anfang der 1960er-Jahre setzte der Niedergang ein. Der Saal musste wegen Baufälligkeit geschlossen werden. Der Gaststättenbetrieb hielt sich noch bis in die 70er-Jahre. Dann fand Eigentümer Klöckner-Durilit keinen Pächter mehr und hatte auch keine eigenen Konzepte. Saal und Gaststätte standen überwiegend leer, nur für den Betriebsrat und den Werksarzt heizte man ein paar Räume.

Die Errettung kam mit dem Vorhaben, im ehemaligen Haseschachtgebäude ein Industriemuseum einzurichten. Der städtische Kulturausschuss sprach sich bereits 1981 dafür aus, aber der Rat zögerte noch, da er keine Finanzierungsmöglichkeit sah. Ungeachtet dessen machten sich Museumshistoriker Karl-Georg Kaster und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Rolf Spilker als Maschinenstürmer″ an die Arbeit. Bei den Industriebetrieben der Region sammelten sie alles an alten Maschinen ein, was schwer ist und sich dreht″, um es vor der Verschrottung zu bewahren. Als die Startfinanzierung 1985 stand und die Herrichtung des Schachtgebäudes begann, mussten die gesammelten Objekte irgendwo zwischengelagert werden. Dafür kam das Gesellschaftshaus gerade recht, zumal es sowieso als Bestandteil des zukünftigen Industriekulturparks am Piesberg ins Auge gefasst war.Bürger beteiligen sich

Die Stadt beziehungsweise das Museum Industriekultur mieteten das Gesellschaftshaus zunächst auf 20 Jahre an, bevor es später in städtisches Eigentum überging. Die Stadt und weitere Geldgeber stellten Mittel bereit, um Gaststätte und Saal zu restaurieren, was in vielen kleinen Schritten auch unter ehrenamtlicher Bürgerbeteiligung gelang. 1987 organisierten Kaster und Spilker eine erste Doppelausstellung im Gesellschaftshaus, die einerseits der Osnabrücker Industriearchitektur″ generell gewidmet war, andererseits speziell die 150-jährige Geschichte der Eisengießerei Weymann würdigte. Damit war das Gesellschaftshaus wiedereröffnet.

Anfang 1993 ging ein halbjähriges, vom Kulturamt der Stadt gefördertes und vom Kulturzentrum Lagerhalle″ inhaltlich getragenes Pilotprojekt über die Bühne, das unter anderem ambitionierte Kleinkunst und hochkarätiges Kabarett umfasste. Publikum und Künstler waren vom Ort angetan. So fassten einige kulturbegeisterte Bürger zusammen mit Kulturprofis wie Musikern, Schauspielern und Kunstwissenschaftlern 1994 den Entschluss, den Kulturverein Piesberger Gesellschaftshaus″ zu gründen. Seitdem ist ein Vierteljahrhundert vergangen, in dem der Verein mit den Geschäftsführern Imke Wedemeyer und Gunnar Kählke es geschafft hat, die Tradition eines kulturellen Zentrums nicht nur für Eversburg und Pye, sondern für die ganze Stadt erfolgreich fortzuführen.

Bildtext:
Das Piesberger Gesellschaftshaus an der Glückaufstraße in Pye auf einem Ende der 1920er-Jahre entstandenen Foto, das heute zur Sammlung des Museums Industriekultur gehört.
Die einladende Gastlichkeit unter schattigen Kastanien hat sich das Piesberger Gesellschaftshaus durch die Jahrzehnte bewahrt.
Wirtsehepaar Tilla und Walter Kalmlage hinter der Saaltheke. Das Foto entstand Anfang der 1950er-Jahre und gehört zur Fotosammlung des Museums Industriekultur.
Foto:
Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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