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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Empörung im Magistrat über die „schimpflichen Friedensbedingungen″
Zwischenüberschrift:
Mai 1919: Neubestuhlung des Friedenssaals, Gassperrstunden und „Lionella, das Löwenweib″
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Bevor die städtischen Kollegien den Haushaltsplan für 1919 verabschieden, gibt Oberbürgermeister Julius Rißmüller eine Grundsatzerklärung zu den jüngst veröffentlichten Friedensbedingungen der Entente-Mächte ab, die für ihn weiterhin unsere Feinde″ sind: Er hoffe, daß ein Schrei der Empörung durch Deutschland geht″ über die schimpflichen Friedensbedingungen, die unsere Feinde Deutschland aufzwingen wollen″. Er hoffe weiter, daß Deutschland einig, stark und entschlossen sein wird, einen Frieden abzulehnen, der uns entehren und herabdrücken würde zu einem Sklavenvolk″.

Um die drückende Wohnungsnot zu lindern, beschließen die Kollegien Baukostenzuschüsse an fünf private Bauunternehmen, die insgesamt 24 Wohnungen errichten wollen. Stadtbaurat Friedrich Lehmann erläutert, dass das Bauen heute fünf- bis sechsmal so teuer sei wie vor dem Krieg. Ohne städtische Zuschüsse zum Ausgleich der Überteuerungskosten″, ergänzt durch solche des Reiches und des Staates Preußen, würde kein Unternehmer Wohnungen bauen. Lehmann begrüßt es, dass neben der Gemeinnützigen Baugesellschaft, mit der die Stadt schon länger eng zusammenarbeite, jetzt auch ein neu gegründeter Beamten-Wohnungsverein Häuser bauen will. Die Kollegien beschließen einstimmig die Übernahme von zehn Anteilsscheinen im Gesamtbetrag von 8000 Mark und sichern sich einen Platz im Aufsichtsrat. Ferner ist die Stadt an die Militärverwaltung herangetreten mit der Bitte um Freigabe von ein bis zwei Kasernen für Wohnungszwecke.

Bürgervorsteher Heinrich Groos (SPD) vertritt den Standpunkt, dass die Wohnungsnot kurzfristig nur durch Rationierung gemildert werden könne. Aus bestehenden Häusern sollten leer stehende oder kaum genutzte Räume notfalls auf dem Zwangswege zur Verfügung gestellt werden.

Weiterhin schlägt er vor, den städtischen Steinbruch am Schölerberg zu reaktivieren. Mit den dort gebrochenen Steinen könne das Bauen billiger gemacht werden. Dem widerspricht Stadtbaurat Lehmann. Die städtische Wasserversorgung stehe dem entgegen. Der Steinbruch war seinerzeit von der Stadt angekauft und außer Betrieb gesetzt worden, um die Wasserleitung zum Hochbehälter hindurchlegen zu können. Außerdem, so Lehmann, habe die Stadt noch eine Million Backsteine zur Verfügung, die für die nächste Zeit ausreichten. Was die Wohnung-Zwangsbewirtschaftung angeht, spricht man sich mehrheitlich dafür aus abzuwarten, welches Echo der öffentliche Aufruf zur freiwilligen Bereitstellung von Wohnräumen haben wird.

Weiteres Thema im Rathaus ist der Wunsch nach neuer Möblierung des Friedenssaals, der nach wie vor als Ratssitzungssaal dient. Die bisherige Bestuhlung musste wegen Vergrößerung des Bürgervorsteher-Kollegiums provisorisch ergänzt werden, nutzt aber die vorhandene Raumfläche schlecht aus. Nun sollen eichene Klappstühle und davor nach Art der Schulbänke 45 Zentimeter tiefe Tischflächen zum Auflegen von Schriftstücken beschafft werden, möglicherweise in geänderter Anordnung: der Magistrat an einer Langseite und die Bürgervorsteher ihm gegenüber in drei Blöcken mit zwei Durchgängen. Für die Beibehaltung der alten Anordnung werden historische Momente geltend gemacht, für die neue angeblich bessere Lichtverhältnisse. Vor der endgültigen Entscheidung soll so etwas wie eine Probesitzung in Szene gesetzt werden″.

In den Kleinanzeigen des Osnabrücker Tageblatts″ spürt man die Not weiter Bevölkerungskreise, wenn es etwa heißt: Getragene Kindersachen für Jungen von 7 und Mädchen von 5 Jahren gegen Zucker abzugeben″ – „ Gebe Eßkartoffeln für kl. Handwagen″ – „ Sechs Pfd. Butter demjenigen, der mir bis zum 1. Oktober eine 3-Zimm.-Wohn. besorgt″ oder Neuer feldgrauer Herrenulster (Größe 48) gegen Oel, Butter und Mehl abzugeben″.

Andere Bedürfnisse herrschen in den sogenannten besseren Kreisen: Gebildetes, ev. Mädchen nicht unter 20 J., das nähen und die Kinder bei den Schulaufgaben u. Klavierüben beaufsichtigen kann, zum 1. Juni od. später ges. Angeb. mit Bild, Zeugnisabschr. und Lebensl. an Frau Major Cunze, Friedrichstr. 25″ – „ Zuverlässiges, in Küche u. Hausarbeit erfahrenes Mädchen oder Stütze zum 1. Aug. gesucht. Frau Landgerichtsrat Robby, Wielandstr. 2″.

Der Wonnemonat lockt zu Veranstaltungen. Die Freie Turnerschaft″ trifft sich bei Hellbrecht auf dem Klushügel und bietet Schauturnen mit anschließendem Ball. Auf dem Platz vor der Klosterkaserne gibt es ein großes Volks- und Frühlingsfest, das mit Volksbelustigungen aller Art″ wirbt. Als Höhepunkt tritt Lionella, das Löwenweib″ auf. 1000 Mark werden demjenigen versprochen, der nachweist, dass Lionella ein einziges falsches Haar trägt, dass sie keine lebende weibliche Person ist und dass die ausliegenden ärztlichen Atteste gefälscht sind. Auch wichtig: Der Platz wird jeden Tag gut gesprengt.″

Der Tierschutzverein lädt zu einem Ausgang zwecks Beobachtung der Natur zum Bürgerpark u. der Gartlage″, Treffpunkt am Hasetor am Sonntagmorgen um 6.30 Uhr. Der Turnverein Jahn″ beginnt seine Monatsversammlung im Vereinslokal Jägerheim″, Johannismauer, am Sonntag um 11 Uhr. Er bittet gediente Leute, welche gewillt sind, dem Trommler- und Pfeiferkorps beizutreten″, sich in der Versammlung zu melden. Das Kaffee Lortzing wartet mit Feo Feodora, das schöne Zigeunermädchen Jugend! Schönheit! Kunst! auf.

Die Osnabrücker Sektion des Alpenvereins wendet sich in einem Appell gegen die drohende Verwelschung Südtirols″, also die von der italienischen Regierung geforderte Verlegung der nördlichen Grenze Italiens bis an den Brenner. Die Osnabrücker unterstützen damit die Protestnote des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins″.

Die Glocken der Marienkirche, die zur Gewinnung des kriegswichtigen Buntmetalls zur Einschmelzung abgegeben werden mussten, sind noch kurz vor dem Waffenstillstand, nämlich am 24. September 1918, in Thale am Harz zerschlagen worden, berichtet der Kirchenbote″. Zur Einschmelzung kam es hingegen nicht mehr. Jetzt kämpft die Mariengemeinde darum, wenigstens die Bruchstücke zurückzuerhalten. Man möchte so schnell wie möglich wieder in den Besitz eines vollen Geläuts kommen.

Besonders misslich sind die Gassperrstunden für die Hühnerzüchter. Dabei kommt es zeitweise zur Erkaltung der gasbetriebenen Brutmaschinen und damit zu schlechten Brutergebnissen. Aus 100 eingelegten Eiern kommen nur etwa 20 bis 25 lebensfähige Küken zur Welt. Diese Unrentabilität fällt natürlich in jetziger Zeit mit ihrem Eiermangel und den hohen Eierpreisen für die Hühnerhalter ganz besonders ins Gewicht″, schreibt das Tageblatt″.

Bildtext:
Der historische Friedenssaal im Rathaus wurde noch bis 1932 als Ratssitzungssaal genutzt, wobei schon im Mai 1919 Klage über die unzweckmäßige Sitzanordnung geführt wurde. Dieses Foto aus dem Jahr 1928 entstammt dem Archiv des Museumsquartiers.
Autor:
Joachim Dierks


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