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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
„Wir kannten jeden Blindgänger″
Zwischenüberschrift:
Walter Neuber erlebte den Bombenangriff auf den Sonnenhügel am Nikolaustag 1944
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
OSNABRÜCK. Walter Neuber wohnt in den Heidekämpen 26 auf dem Sonnenhügel. Wie 14 999 weitere Osnabrücker muss er wegen der Bombenräumung amkommenden Sonntag sein Haus verlassen. Er wird das ohne Murren tun. Diesmal ist es keine Milchkanne″, lautet seine Prophezeiung.

Zwar würden die genauen Verdachtspunkte vorher nicht bekannt gegeben. Aber wenn es stimmt, was so erzählt wird, dass man nämlichzwischen Bodelschwinghstraße und Vehrter Landstraße graben wird, dann halte ich es gut für möglich, dass dawas liegt″, meint Neuber. Denn am Nikolaustag 1944, als der 50. von insgesamt 79 Luftangriffen Osnabrück heimsuchte und die Stadtteile Haste und Sonnenhügel soschwer wie bei keinem anderen Angriff getroffen wurden, hätten die Wiesen dort unter Wasser gestanden, und man habe Blindgänger-Trichter nicht sehen können.„Sonst kannten wir Jungs hier auf unserem Hügel jeden Blindgänger″, behauptet Neuber. Dass da am Nachtigallenweg nichts Gefährliches mehr im Boden steckt, wo vor sechs Wochen evakuiert werden sollte, das hätteich dem Krisenstab wohl vorher sagen können″, versichert der 77-jährige Rentner selbstbewusst. Die für den 10.Oktober geplante Groß-Evakuierung war wenige Tagevorher abgesagt worden, weil sich die mutmaßlichen Blindgänger bei Voruntersuchungen als harmlose Milchkannen und anderer Schrottentpuppt hatten.Neuber war zu jung, um noch an die Front geschickt zu werden, aber alt genug, um den Bombenkrieg vomersten bis zum letzten Angriffauf Osnabrück bewusst miterlebt zu haben. Als die ersten Bomben am 23. Juni 1940 auf Osnabrück fielen, war ersieben Jahre alt, den letzten Angriff Palmsonntag 1945 erlebte er als Zwölfjähriger.„Wir waren so ungefähr 20 Jungs im gleichen Alter, und wir kannten hier fast jeden Quadratmeter. Das war wie ein riesiger Abenteuerspielplatz.″ Eine Schule nach deranderen wurde ausgebombt, ab Mitte 1944 habe es keinengeregelten Unterricht mehrgegeben. Zwischen den Alarmen hätten sie Zeit genug gehabt, sich neue Schäden anzusehen, aber auch beim Dachreparieren zu helfen. Die Väter waren an der Front, die dadurch alleinerziehenden Mütter hatten genug damit zu tun, das tägliche Überleben zu organisieren. Das ließ den Kindern oft große Freiräume in ihren Unternehmungen. Wir sammelten die Stabbrandbomben ein. Eigentlich sollten wir sie bei den Flak-Soldatenabgeben. Aber wir behieltenimmer ein paar zurück undmachten dann unser eigenes Feuerwerk. Im Sommer badeten wir in den Bombentrichtern, wenn sie voll Wasser gelaufen waren, das warherrlich″, erinnert sich Neuber. Beim Aufschlag detonierende Bomben hinterließen große Krater von fünf, sechs Meter Durchmesser, Blindgänger jedoch nur kleine Einschlagstellen von 50 bis 80 Zentimetern. Diese Stellenwaren bekannt. Die Schuposkamen am nächsten Tag, sperrten das Loch ab undstellten ein Schild auf: Achtung Blindgänger′. Davor hatten wir Respekt.″ Nach einiger Zeit sei dann das Bombenräumkommando angerückt. Zum Ausgraben und Entschärfen wurden KZ-Gefangene eingesetzt. Man sagte uns, das seien allesSchwerverbrecher, die auf diese Weise eine Bewährungschance bekämen. Wirhaben das geglaubt″, erzählt Neuber.Wie es ist, wenn ein Blindgänger oder Spätzünder in 50 Meter Entfernung explodiert, hat er selbst erlebt. Mit Mutter und Geschwisternsaß er beim Nikolausangriff1944 im Luftschutzstollenunter dem Falkenweg. Der Angriff dauerte von 19.33Uhr bis 20.08 Uhr. Als wirk eine Motorengeräusche und keine Flak mehr hörten, wollten wir raus. Aber es gab keine Entwarnung. Ein schwerverletzter Soldat von der Flakstellung Sonnenhügel, die einen Volltreffer abbekommen hatte, berichteteuns, dass weitere Bomber-Verbände aus östlicher Richtung im Anflug seien, wohl Rückflüge aus Berlin oder Leipzig. Entwarnung kamerst gegen 11.″ Alle hätten dann schnell nach Hause gewollt. Er habe sich alleinnoch etwas umgesehen. Aufdem Heckenweg vom Bunkereingang bis zu seiner Straße Heidekämpen sei plötzlich eine Zeitzünderbombehochgegangen.Der Luftdruck schleuderteihn zehn Meter weiter in eineHecke. Er landete relativ weich und blieb dadurch unverletzt.

Mehr Infos und eine Umfrage auf www.noz.de. Haben auch Sie die Bombenangriffe auf Osnabrück als Kind erlebt? Erzählen Sie Ihre Geschichte auf www.os-nachbarn.de.

Bildtext:
Das war die Hecke, in der Walter Neuber landete, als der Luftdruck einer Spätzünderbombenach dem Angriff vom 6. Dezember 1944 ihn von den Beinen riss.
Foto:
Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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