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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Zahl der Wohnungslosen deutlich gestiegen
 
Warme Platte hilft Osnabrücker Obdachlosen nur im Winter
Zwischenüberschrift:
Immer mehr Menschen leben in Osnabrück auf der Straße
 
Zehn Schlafplätze wurden bis Mitte April genutzt / Ehrenamtliches Angebot des katholischen Vereins für soziale Dienste (SKM)
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Mindestens 275 Menschen waren Ende 2018 in Osnabrück ohne festen Wohnsitz 80 mehr als ein Jahr zuvor. Und die Zahl derjenigen, die tatsächlich auf der Straße leben, hat sich laut dem katholischen Verein für soziale Dienste (SKM) fast verdoppelt.

41 der 275 Wohnungslosen machen Platte″, wie es SKM-Geschäftsführer Michael Strob und sein Kollege Heinz Hermann Flint nennen. Ende 2017 waren den Mitarbeitern des SKM noch 21 Männer und Frauen bekannt, die auf der Straße lebten. Damit ist die Zahl der Obdachlosen auf einem neuen Höchststand.

Es handelt sich dabei um Stichtagszahlen: Darin enthalten sind diejenigen Wohnungslosen, die dem SKM-Team Ende des jeweiligen Jahres mit Namen bekannt waren.

Michael Strob nennt zwei Faktoren für den Anstieg. Erstens: Es fehlt günstiger Wohnraum.″ Zweitens: Es gibt immer weniger Menschen, die Hilfe annehmen.″

Nicht jeder, der wohnungslos ist, lebt unter freiem Himmel. Viele kommen bei Bekannten oder Verwandten unter, übernachten mal hier und mal da haben aber keinen festen Wohnsitz. In der Tageswohnung des SKM am unteren Ende der Bramscher Straße können sie eine Postadresse bekommen beispielsweise für die Korrespondenz mit Behörden.

Außerdem verfügt der SKM über 26 Plätze in Übergangswohnungen. Konzeptionell war ursprünglich vorgesehen, dass die Wohnungslosen dort drei bis sechs Monate leben, um wieder Struktur in ihr Leben zu bekommen und dann eine richtige Wohnung zu finden. Mittlerweile lebten die Bewohner dort im Schnitt jedoch zwölf Monate lang, sagt Flint ein Bewohner lebe sogar schon seit drei Jahren dort. Unsere Leute finden keine Wohnung, weil der Markt nichts hergibt″, so Flint. Ihnen ergeht es ähnlich wie den Bewohnerinnen des Frauenhauses, die ebenfalls unfreiwillig Plätze blockieren, weil sie keine Wohnung finden.

Diesen Sonntag findet in Osnabrück der Bürgerentscheid über die Gründung einer kommunalen Wohnungsgesellschaft statt. Doch ob die Stadt nun selbst bezahlbare Wohnungen baue oder auf anderem Weg dafür sorge, dass es mehr günstige Wohnungen gebe, sei für den SKM gar nicht die zentrale Frage, so Strob: Für uns ist entscheidend, dass wir mehr Wohnraum für Menschen am Rande der Gesellschaft haben, die oft auf dem Wohnungsmarkt nicht gesehen oder berücksichtigt werden. Das ist für mich ein Auftrag des Gemeinwohls.″

Auf die Frage, ob er und seine Kollegen all den Wohnungslosen überhaupt noch gerecht werden können, sagt Heinz Hermann Flint von der ambulanten Wohnungslosenhilfe klipp und klar: Nein. Wir versuchen mit Händen und Füßen, in der warmen Platte und in den Notunterkünften ein paar unterzubringen.″ Aber viele Obdachlose möchten das gar nicht aus Sorge, dort Ärger mit anderen zu haben. Dabei klappe es in der warmen Platte der Notunterkunft des SKM in der kalten Jahreszeit recht gut.

Auch die Stadt Osnabrück verfügt über Obdachlosenunterkünfte konkret über 73 Plätze, die auf vier Standorte verteilt sind. Belegt sind laut Stadt-Pressesprecher Gerhard Meyering derzeit 25 Plätze, und zwar durch 13 Männer, sieben Frauen und eine dreiköpfige Familie.

Diejenigen, die bei der Stadt unterkommen, müssen zu den Wohnungslosenzahlen des SKM noch hinzugezählt werden. Ebenso die Bewohner des Laurentiushauses, einer stationären Einrichtung des SKM mit 42 Plätzen. Und dann gibt es auch noch Wohnungslose, deren erste Anlaufstelle nicht der SKM, sondern das Café Connection in der Hermannstraße ist, eine offene Einrichtung der Diakonie speziell für Drogenabhängige. Dort sind laut Leiter Oliver Moch rund 50 regelmäßige Besucher bekannt, die in ungesicherten Wohnverhältnissen leben. Die Situation ist definitiv so prekär wie noch nie″, sagt Moch.

Auch die Wärmestube des Bistums Osnabrück verzeichne steigende Besucherzahlen, sagt Diakon Joachim Meyer. An 365 Tagen im Jahr ist die Wärmestube geöffnet, rund 100 bis 150 Gäste kommen täglich solange die Nächte noch kühl sind, schon ab 5.30 Uhr morgens. Gestern hat mir einer erzählt, dass er gerade erst seine Wohnung verloren hat″, so Meyer.

Im Straßenbild fallen die Obdachlosen nicht auf. Die meisten leben ziemlich versteckt″, sagt Heinz Hermann Flint. EU-Bürger, die im Zuge der Freizügigkeit nach Osnabrück kommen, spielen eine große Rolle innerhalb der Gruppe der Wohnungslosen. Flint schätzt ihren Anteil auf rund 40 Prozent. Eine andere Gruppe bilden psychisch Erkrankte. Bei denen stellt sich die Frage, ob sie erst psychisch krank sind und dadurch wohnungslos werden, oder ob sie durch die Wohnungslosigkeit psychisch erkrankt sind″, so Flint. Fakt ist, dass er und seine Kollegen es schwer haben, zu den psychisch Kranken einen Zugang zu finden.

Bildtext:
Nur wenige der Obdachlosen fallen so im Straßenbild auf. Die meisten leben zurückgezogen unter Brücken oder in wenig frequentierten Hauseingängen.
Foto:
Archiv/ Michael Gründel

Osnabrück Wie jedes Jahr hat der katholische Verein für soziale Dienste (SKM) auch im Winter 2018/ 19 ehrenamtlich die warme Platte″ organisiert, eine Unterkunft für Obdachlose in der kalten Jahreszeit. Abends nach Hause ins Warme gehen und im eigenen Bett schlafen: Davon können viele Obdachlose nur träumen. Maximal zehn Obdachlose konnten bis Mitte April nachts die warmen Platte″ nutzen. In diesem Jahr stellte die Stadt Osnabrück dem für die Wohnungslosenhilfe in Osnabrück zuständigen SKM dafür eine ehemalige Notunterkunft der Stadt zur Verfügung.

Ab 17 Uhr konnten die Übernachtungsgäste eintrudeln. An einem Dienstagabend gegen 18 Uhr saßen unter anderen Heinz, Vasile-Neculai, Alfredo und M! Jay″ am Küchentisch, darauf lag ein Schach- und ein Dame-/ Mühlespiel. Heinz von den anderen Heinzi genannt spielte erst gegen Alfredo Schach und dann gegen Vasile-Neculai Dame. Heinz und Vasile-Neculai waren sich einig: Dame ist ihr Lieblingsspiel. Diesmal gewann Vasile-Neculai, der Heinz zwischendurch aufzog, indem er ihn Opa″ nannte. Dieser ließ das gutmütig zu, hatte aber irgendwann keine Lust mehr. Er verlor. Vasile-Neculai rief beim letzten Zug grinsend: Hasta la vista, baby!

Mehr oder weniger den ganzen Winter haben Heinz, Vasile-Neculai und Alfredo in der Wohnung der warmen Platte″ Unterschlupf gefunden. Das ist eine normale Wohnung, doch für die Jungs ist das schon Luxus″, erklärte SKM-Sozialarbeiter Heinz Hermann Flint, und sein Kollege Thomas Kater bedauerte: Leider gibt es das Angebot aktuell nur für Männer, weil wir für Frauen nichts abteilen können.″ Frauen können jedoch im Laurentiushaus, der stationären Einrichtung des SKM, unterkommen.18 Männer

Insgesamt 18 Männer haben die warme Platte in diesem Jahr genutzt, das waren schon alles außergewöhnliche Menschen″, berichtete Flint: Darunter sind Junge ebenso gewesen wie Alte, stille Bewohner, die alles nur genießen″, und verschiedene Landsleute, unter anderem Marokkaner, Rumänen und Portugiesen. Das bunte Völkchen″ sei trotz Sprachbarrieren und bis zu drei Männern pro Zimmer gut miteinander klargekommen. Und Mitarbeiter der Stadt, die zwischendurch mal nach dem Rechten gesehen hätten, hätten ausdrücklich erklärt: Der Zustand der Wohnung sei super″ gewesen.

Vor Ort kümmerte sich ein Obdachloser, der den Winter über als eine Art Hausmeister fungierte, um alles. Er ließ die anderen ins Haus und achtete darauf, dass morgens gegen 9 Uhr alle die Wohnung verließen. Denn die Warme Platte″ ist nur abends und nachts geöffnet. Organisiert wird sie ehrenamtlich von den Mitarbeitern des SKM, jeder hat eine Woche lang nachts Telefonbereitschaft. M! Jay″ erklärte, als er gerade frisch eingezogen war: Es ist ein Glücksgefühl gewesen, als ich hier reingekommen bin.″

Manche seiner Mitbewohner könnten zwar nicht so gut Deutsch, und mit einem könne man nur mit Händen und Füßen″ reden, berichtete M! Jay″: Der ist Rumäne und spricht sonst nur Französisch und Spanisch.″ Aber insgesamt kämen die Männer gut miteinander aus. Die Küche war der Treffpunkt. Hier stand auch ein kleiner Fernseher. Abends isst jeder für sich, aber manchmal packen sich auch zwei zusammen″, so M! Jay″. Und für das Putzen gab es wie in jeder WG einen Plan: Jeder ist mal eine Woche dran, wo er durchfegen muss″, erklärt M! Jay″.Nässe schlimmer als Kälte

Auch wenn Meteorologen von einem milden Winter redeten, für die Obdachosen war er dennoch eine Tortur. Das Leben auf der Straße ist bei dauerhaft nassem, windigen Wetter noch schwieriger, als wenn es kalt ist″, so Flint.

Als die warme Platte″ Mitte April schloss, mussten die Obdachlosen wieder auf der Straße oder in anderen Notunterkünften übernachten. Der überwiegende Teil von ihnen will eine Wohnung″, ist Thomas Kater überzeugt, auch wenn manche dies im ersten Moment nicht zugeben würden: Es ist ein großer Schritt, Hilfe anzunehmen, Beharrlichkeit ist wichtig.″

Wer in letzter Zeit eine Wohnung gesucht hat, weiß: Es ist schwierig. Für Obdachlose gilt dies einmal mehr. Für unsere Klientel war es schon immer schwierig. Doch jetzt ist der Wohnungsmarkt leer gefegt und tot″, berichtete Flint und fügte hinzu: Das wissen unsere Leute, die dann wieder und wieder Zurückweisung erfahren.″ Neu sei hingegen, dass sich inzwischen auch Studenten auf Wohnungssuche beim SKM melden und um Unterstützung bitten. Ihnen kann der SKM jedoch nicht helfen.

Bildtexte:
Im Winter konnten einige Obdachlose bei der Warmen Platte″ des SKM unterkommen.
Heinz Hermann Flint ist seit 30 Jahren in der ambulanten Wohnungslosenhilfe des SKM tätig.
Wer möchte, kann bei der Warmen Platte″ seine Sachen tagsüber im Haus lassen.
Fotos:
Michael Gründel
Autor:
Sandra Dorn, Claudia Sarrazin


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