User Online: 2 | Timeout: 17:56Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Hausbesitzer zahlen für Gift im Boden
 
Das giftige Erbe der chemischen Reinigung
Zwischenüberschrift:
Teure Altlast Croon am Nonnenpfad: Getäuschte Wohnungseigentümer sitzen in der Falle
Artikel:
Kleinbild
 
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Seit 30 Jahren zahlen Wohnungseigentümer am Nonnenpfad für die Beseitigung einer Altlast, die eine Reinigung hinterlassen hat. Ein Ende ist nicht abzusehen. Was als Alterssicherung gedacht war, ist ein Albtraum geworden.

Osnabrück Die Wohnung war zur Alterssicherung gedacht, aber stattdessen treibt sie das Ehepaar Lakner zur Verzweiflung. Eine chemische Reinigung hat den Boden am Nonnenpfad großflächig verseucht, und nun müssen die Eigentümer zahlen, obwohl ihnen die Existenz der Altlast arglistig verschwiegen wurde.

Perchlorethylen, kurz PER, hat sich seit vielen Jahrzehnten als perfekter Fettlöser in der chemischen Reinigung bewährt. Von seinen Nebenwirkungen wollte lange Zeit niemand etwas wissen. Weil das Lösemittel für Leber- und Nierenschäden, Unfruchtbarkeit, nervöse Störungen und Krebs verantwortlich gemacht wird, darf es heute nur noch in geschlossenen Kreisläufen verwendet werden.

Normalerweise messen Fachleute die Konzentration der Chlorkohlenwasserstoffe, zu denen auch PER gehört, in Mikrogramm, also in Millionstelgramm. Am Nonnenpfad haben sie schon mehr als 750 Kilogramm der giftigen Substanz aus dem Untergrund geholt. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Von 1892 bis 1982 stand auf dem Grundstück die chemische Reinigung Croon. Auf seinen Briefköpfen stellte sich das Unternehmen in den 30er-Jahren als weitläufiges Fabrikimperium dar, aber so groß wie in der idealisierten Grafik waren die Hallen in der Realität wohl nicht.

Croon hatte im Osnabrück der Nachkriegszeit mindestens 13 Annahmestellen für Wäsche, die gereinigt oder gefärbt werden sollte, etwa in der Großen Straße, in der Schützenstraße oder in der Lotter Straße.

Bis in die 80er-Jahre warb das Unternehmen in Zeitungsanzeigen, auf dem Einband von Telefon- und Adressbüchern für seine Dienste. Croon war stadtweit ein Begriff für Sauberkeit. Heute steht der Name der Reinigung für einen der schmutzigsten Umweltskandale in Osnabrück. Am Nonnenpfad, wo sich die chemische Waschanstalt″ 90 Jahre lang befand, ist der Boden großflächig mit Chlorkohlenwasserstoffen verseucht.

Im März 2000 begann die Stadt, das verseuchte Grundwasser abzupumpen und durch Aktivkohlefilter zu pressen. Ein aufwendiges und teures Verfahren, das allmählich Wirkung zeigte. Eine im Auftrag des Fachbereichs Umwelt und Klimaschutz erstellte Grafik zeigt, wie sich die Konzentrationen der leicht flüchtigen halogenierten Kohlenwasserstoffe im Grundwasser bis 2013 verminderten.

Dieser Rückgang nährte die Hoffnung auf ein Ende der Sanierung und der damit verbundenen Kosten. Als die Werte 2016 auf weniger als 800 Mikrogramm pro Liter gefallen waren, wähnten sich die Verantwortlichen fast am Ziel. Versuchsweise ließen sie die Pumpen für ein Jahr abstellen. Doch dann kam die Enttäuschung: Fast 3000 Mikrogramm wies die Analyse aus. Seitdem wird weitergepumpt, und die Rechnung geht an Wolfgang Lakner und die anderen Eigentümer der 40 Wohnungen am Nonnenpfad 3 und 5.

Fast 1, 5 Millionen Euro hat die Sanierung der Altlast bislang verschlungen, jedes Jahr kommen 40 000 Euro oder mehr dazu. Für die Geldanleger aus ganz Deutschland, die vor 30 Jahren in die Apartmenthäuser investiert haben, ist der Nonnenpfad zum Albtraum geworden. 45 000 bis 66 000 Euro musste jeder Einzelne von ihnen an die Stadt entrichten, wie Ingrid Foitzik von der Unteren Wasserbehörde vorrechnet. Ein Fass ohne Boden, meint der 70-jährige Wolfgang Lakner aus Schwäbisch Gmünd und macht seinem Ärger Luft: Da hat man lebenslang geschafft, und dann wurde man betrogen!

Arglistig verschwiegen wurde den Käufern damals, dass die beiden Gebäude auf verseuchtem Boden stehen. So ist es in einem Urteil des Oberlandesgerichts Oldenburg nachzulesen, doch den Betroffenen bringt das nichts. Denn der Aachener Bauträger, der die Wohnungen damals bundesweit vermarktete, ist schon lange pleite. Die Firma Croon, die nach dem Verursacherprinzip für die Sanierung aufkommen müsste, war schon 1979 nicht mehr zahlungsfähig. Und ihr letzter Inhaber hat einige Jahre später seinen Offenbarungseid geleistet. Mit dem Erwerb ihrer Wohnungen sind die Geldanleger in eine Falle getappt, der sie kaum entkommen können.

Ich kenne Leute, die sind fix und fertig″, sagt Wolfgang Lakner, einige seien von der Privatinsolvenz bedroht und einige über ihren Kummer schon gestorben. Er selbst zieht es vor, Akten zu wälzen, Gerichtsurteile zu vergleichen und Eingaben an Behörden zu schreiben. Er will den Wahnsinn stoppen, von dem er sich existenziell bedroht fühlt. Der 70-Jährige, der in seinem langen Arbeitsleben Pumpen konstruiert hat, drückt es so aus: Wenn die Sanierung nicht möglich ist, muss ich irgendwann aufhören!

Darauf wollen sich die Fachleute von der Stadt nicht einlassen. 2007 haben sie zwar die Boden-Luft-Reinigung eingestellt, aber das Grundwasser soll weiterhin gefiltert werden. Besser wäre natürlich, den belasteten Boden auszukoffern, meint Altlastenspezialist Bernd Früchel aus dem Fachbereich Umwelt und Klimaschutz. Doch der Untergrund bestehe aus Fels, der die Schadstoffe wie ein Schwamm aufgesogen habe. Ihn abzutragen sei fast unmöglich, weil dann die Gebäude einstürzen könnten, aber auch weil das Unterfangen extrem teuer würde. Bis zum Limit zahlen

Also weiterpumpen, bis die Eigentümer nicht mehr zahlen können? Die Betroffenen finden es unzumutbar, dass ihnen die Stadt so hohe Kosten auferlegt. Und das, obwohl das Ende der Sanierung nicht abzusehen ist. Auf juristischem Weg konnten sie sich damit nicht durchsetzen. Eine Haftung bis zum Verkehrswert ihres Grundstücks sei zumutbar, entschied das Verwaltungsgericht 2010. Der Bundesgerichtshof hat diese Auffassung später bestätigt.

Für das bislang unbebaute Grundstück Nonnenpfad 1 wurde dieses Limit inzwischen ausgeschöpft. Ein Investor hat mit der Stadt vereinbart, dass für ihn keine weiteren Sanierungskosten anfallen. Daraufhin entstand ein Mehrfamilienhaus, das bald bezogen werden kann.

Auf eine solche Vereinbarung würden sich wohl auch die Eigentümer der älteren Apartmenthäuser Nonnenpfad 3 und 5 einlassen, um dem Schrecken ein Ende zu setzen. Inzwischen ist der Wert ihrer Immobilien allerdings gestiegen, und damit hat sich für die Stadt die Zumutbarkeitsgrenze nach oben verschoben. Die unheimliche Geschichte von der chemischen Reinigung Croon droht zu einer unendlichen Geschichte zu werden.

Bildtexte:
GROSSFLÄCHIG VERSEUCHT: Am Nonnenpfad stand bis 1982 die chemische Reinigung Croon.
Die Konzentration hat nachgelassen, aber es steckt immer noch zu viel Gift im Boden.
Größer als in der Realität: die chemische Reinigung Croon auf einem Briefkopf von 1934.
Fotos:
Lahmann-Lammert, Niedersächsisches Landesarchiv
Grafik:
Stadt Osnabrück

Kommentar
Wer löffelt die Suppe aus?

Wer eine Immobilie kauft, kann böse reinfallen. Dass ein Keller trockengelegt oder ein Dachstuhl repariert werden muss, gehört noch zu den überschaubaren Risiken. Aber wenn der Boden mit Heizöl oder Lösemitteln verseucht ist, kann die Sanierung teuer werden. So teuer, dass die geplante Alterssicherung direkt in die Altersarmut führt. Deshalb sollte jeder, der sich für ein Grundstück interessiert, wachsam sein wie ein Luchs.

Die Geldanleger, die vor 30 Jahren am Nonnenpfad eine Wohnung erworben haben, trifft es knüppelhart. Obwohl sie arglistig getäuscht wurden, hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass sie die Suppe auslöffeln müssen, die ihnen ein verantwortungslos handelnder Industriebetrieb eingebrockt hat. Trotz aller Härten müssen sie die Sanierung der Altlast tragen nicht die öffentliche Hand, die sonst so oft für Schäden haften muss, die andere durch Habgier und Skrupellosigkeit angerichtet haben.

Was nun? Die betrogenen Eigentümer werden ein Ende mit Schrecken wohl eher in Kauf nehmen wollen als einen Schrecken ohne Ende. Risiken lassen sich berechnen, und die Stadt könnte sich die Verantwortung für die Altlast bezahlen lassen. Das ist allemal besser, als alte Ehepaare in die Privat-insolvenz zu treiben. rll@ noz.de
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


Anfang der Liste Ende der Liste