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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Das Ende von Karmann als Neuanfang
 
Karmanns würdige Erben
Zwischenüberschrift:
Wie sich das Cabrio-Zentrum europaweit einen Namen gemacht hat
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Als Karmann vor zehn Jahren in die Insolvenz ging, hätte Jörg Dilge sofort bei Porsche, Audi oder VW anfangen können. Aber der Textilingenieur aus der Technischen Entwicklung blieb lieber in Osnabrück und baute das Cabrio-Zentrum auf. Heute ist seine Werkstatt im Fledder eine gefragte Adresse für Fans der automobilen Freiluftkultur, deren Freude am Fahren durch technische Mängel getrübt wird. Als Startkapital erbte Dilge von seinem ehemaligen Arbeitgeber mehrere Maschinen wie den Cutter, der aus elektronischen Schnittmustern die Stoffe für Verdeckbezüge oder Sitzpolster schneidet. In seiner Werkstatt beschäftigt Dilge mittlerweile 14 Mitarbeiter, die meisten von ihnen haben wie er bei Karmann gearbeitet. Wie schafft er es nur, dass Kunden aus ganz Europa kommen?

Osnabrück Wer sein Auto liebt, scheut keine weiten Wege. Im Cabrio-Zentrum stehen manchmal Kunden vor der Tür, die 2000 Kilometer oder mehr zurückgelegt haben, weil sie den Ärger mit ihrem Verdeck endgültig abstellen wollen. Der weiteste kam aus Russland – „ noch hinter Moskau″, wie Jörg Dilge erzählt. In seiner Werkstatt ist der Geist von Karmann immer noch wach.

Als Karmann vor zehn Jahren in die Insolvenz ging, hätte Jörg Dilge bei Porsche, Audi oder Daimler-Benz anfangen können. Aber dem Textilingenieur lag nichts ferner, als seinem Mikrokosmos an der Hase den Rücken zu kehren.

1982 hatte er als Lehrling beim Osnabrücker Autobauer angefangen. Mit seinem Abschluss als Fahrzeugpolsterer war er Landessieger geworden, auf Kosten seines Arbeitgebers durfte er studieren. Und das Diplom beflügelte seinen Aufstieg zum Abteilungsleiter in der Technischen Entwicklung.

Das Ende von Karmann war der Anfang von Dilges Selbstständigkeit. In einer ehemaligen Tischlerwerkstatt an der Teufelsheide richtete er sein Cabrio-Zentrum ein. In sein Team holte er Kollegen aus der Produktion, die er seit Jahrzehnten kannte. Sein Startkapital waren Maschinen, die ihm das Werk überlassen hatte. Vor allem der Cutter, der auf der Basis von Tausenden eingespeicherter Schnittmuster die Stoffe für Verdecke, Sitze oder Innenausstattungen ausschneidet.

Schon bald wurde die unscheinbare Adresse zum Geheimtipp unter den Fans der automobilen Freiluftkultur. Schnell sprach sich herum, dass es in Osnabrück ein Spezialistenteam gibt, das nicht nur repariert, sondern zugleich konstruktiv bedingte Fehler ausbügelt, die selbst den Nobelmarken regelmäßig unterlaufen. Und das zu einem Preis, der eine weite Anfahrt lohnt. Alles komplett schon ab 1250 Euro plus Mehrwertsteuer. Inzwischen ist der Betrieb an die Gesmolder Straße umgezogen und in mehreren Etappen gewachsen.

Morgens gebracht, nachmittags gemacht, lautet Dilges Motto. Zum Brot-und-Butter-Geschäft gehören die Reparaturen von Golf- und Audi-A4-Cabrios alten Bekannten aus der Karmann-Fertigung, für die noch die Original-Werkzeuge zur Verfügung stehen.

Mit Ersatzteilen, zum Beispiel für den Golf I, wird es da schon schwieriger. Ist der Heckfensterrahmen verrostet, werden Fehlstellen aufgeschweißt. Glatt geschliffen sieht er wieder aus wie neu.

Die Werkstatt im Fledder ist für alle Marken offen, auch für Oldtimer, Prototypen oder Sonderanfertigungen. Und wenn das elfenbeinfarbene Karmann Ghia Cabriolet aus der Fahrzeugsammlung von VW einen neuen Verdeckbezug braucht, ist Jörg Dilges Betrieb dafür die erste Adresse. Für solche Aufträge packt sogar der Chef selbst mit an, jedenfalls, wenn Reporter ins Haus kommen.

Bei ihm laufen nach wie vor alle Fäden zusammen. Ständig hat er eines seiner drei Handys am Ohr. Jeder Anruf landet bei ihm, zu jedem Modell kann er etwas sagen. Er ist es, der den Kunden erklärt, dass sie doch bitte per Mail ein Angebot anfordern sollen, er ist es, der die Angebote nachts fertig macht, und er ist es, der die Termine vergibt.

Ich mach viel zu viel″, räumt der Chef ein, ich muss kürzertreten! Tut er aber nicht. Weil er mit Leidenschaft dabei ist, schreibt er weiterhin um 23 Uhr seine Mails und steht am nächsten Morgen um 8 wieder im Betrieb. Er weiß selber, dass er schlecht abgeben kann. Dass sich bei dem 52-Jährigen schon die ersten Zipperlein einstellen, hat er bislang einfach weggelächelt. Einmal sollte er für ein paar Tage ins Krankenhaus, keine 24 Stunden später war er wieder im Betrieb.

Es kommen ja auch immer mehr Aufträge rein. Eine weitere Halle muss her, um die Materialien und Werkzeuge unterzubringen. Im Stofflager ist es inzwischen so eng geworden, dass es selbst für den Chef schwierig wird, die Orientierung zu behalten.

14 Mitarbeiter sind mittlerweile im Cabrio-Zentrum beschäftigt, die meisten von ihnen haben schon bei Karmann Cabrioverdecke und Sitzpolster gefertigt. 34 Jahre waren es bei der Näherin Amelie Gashi. Sie könnte schon im Ruhestand sein, aber im Cabrio-Zentrum bessert sie ihre Erwerbsminderungsrente auf. Zu Hause ist es langweilig″, sagt sie lächelnd. Zu den Karmann-Veteranen gehört auch Norbert Felgenhauer. Der 69-Jährige hat sogar 40 Jahre im Werk gestanden und bedient den Cutter, mit dem die Stoffe geschnitten werden. An zwei Tagen in der Woche ist er im Betrieb.Ferrari? Muss nicht sein

Weitere Ehemalige kommen regelmäßig vorbei, um aus alter Verbundenheit nach dem Rechten zu sehen. Denn in der Werkstatt an der Gesmolder Straße, da ist die Karmann-Tradition noch lebendig. Auf seinen früheren Betrieb lässt Jörg Dilge nichts kommen: Die Karmann-Autos, die waren gut″, sagt er und weist auf den elfenbeinfarbenen Ghia aus der Fahrzeugsammlung.

Was ist dagegen schon ein Ferrari F4! Der stand eine Weile in der Halle und wurde wieder hübsch herausgeputzt. Dilge hätte ihn haben können, aber er macht sich nichts aus so viel Kraftmeierei. Ein Auto muss fahren″, sagt er und weist auf seinen Audi A4 Cabrio, Baujahr 2003, made by Karmann. Ein Bekenntnis auf vier Rädern.

Bildtext:
Der Chef hat′s noch drauf: Jörg Dilge bei der Reparatur eines Karmann-Ghia-Verdecks in seiner Werkstatt.
Foto:
David Ebener
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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