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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Villa Schlikker wird zum Calmeyer-Haus
 
Millionen für Judenretter-Museum
Zwischenüberschrift:
Bund bezuschusst Umbau der Villa Schlikker zum Hans-Calmeyer-Haus
Artikel:
Kleinbild
 
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Originaltext:
Osnabrück Die Stadt ist ihrem Ziel, in der Villa Schlikker ein Museum für den Osnabrücker Judenretter Hans Calmeyer einzurichten, ein großes Stück näher gekommen. Der Bund bewilligte gestern einen Sanierungszuschuss in Millionenhöhe.

Osnabrück Das Hans-Calmeyer-Haus in Osnabrück kommt: Der Bund fördert den geplanten Umbau des früheren Nazi-Hauptquartiers Villa Schlikker in ein Friedenslabor″ mit 1, 7 Millionen Euro. Kernelement ist ein Museum zu Ehren des größten deutschen Judenretters im Zweiten Weltkrieg.

Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages hat am Mittwochnachmittag eine 90-prozentige Bezuschussung des Vorhabens bewilligt. Weitere 200 000 Euro will die Stadt Osnabrück selbst aufbringen.

Das Hans-Calmeyer-Haus ist damit gesetzt″, sagte der Osnabrücker Bundestagsabgeordnete und innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion Mathias Middelberg (CDU). Den Zuschlag für Osnabrück bezeichnete er als Riesenerfolg″. Denn das Förderprogramm, aus dem die Mittel stammen, sei 13-fach überzeichnet gewesen. Insgesamt hätten dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung Anträge für 1300 kommunale Sanierungsprojekte vorgelegen. 200 Millionen Euro waren dabei in Summe zu verteilen.

Vor diesem Hintergrund falle die finanzielle Beteiligung des Bundes am geplanten Umbau der Villa Schlikker deutlich überdurchschnittlich″ aus, so Middelberg weiter. Er selbst habe sich nachhaltig und maßgeblich″ bei Bundesinnenminister Horst Seehofer und im Haushaltsausschuss für diesen Zuschuss eingesetzt. Gleiches gelte für seinen Meller Parteifreund André Berghegger, stellvertretender haushaltspolitischer Sprecher von CDU/ CSU im Bundestag.

Dank der Millionenförderung durch den Bund ist es jetzt möglich, die vor knapp 120 Jahren von einem Kaufmann erbaute Villa Schlikker bis 2021 umfassend zu sanieren. Nach Angaben der Stadt ist das denkmalgeschützte Gebäude am Heger-Tor-Wall bislang weder barrierefrei noch gut genug gedämmt. Die Fassade ist teilweise einsturzgefährdet, Brandschutz und Rettungswege sind nicht ausreichend.Moderne Ausstellung

Während der Nazi-Diktatur diente die Villa Schlikker der NSDAP als regionale Parteizentrale. Zurzeit befindet sich in dem Haus die stadtgeschichtliche Abteilung des Kulturgeschichtlichen Museums. Im Zuge einer Neuausrichtung des gesamten Osnabrücker Museumsquartiers am Thema Frieden soll die Villa zu einem Friedenslabor″ umgebaut werden mit einem modernen, interaktiven Ausstellungskonzept, Café sowie Tagungs- und Workshop-Räumen.

Das künftige Friedenslabor soll, wie Ende 2017 vom Rat beschlossen, Hans-Calmeyer-Haus heißen und unter anderem eine Dauerausstellung zum Wirken von Hans Calmeyer (1903–72) bieten. Der Osnabrücker Rechtsanwalt war im Zweiten Weltkrieg als sogenannter Rassereferent an die deutschen Besatzungsbehörden in den Niederlanden abkommandiert und sollte die Abstammung von Juden prüfen. Durch Anerkennung falscher Abstammungsgeschichten rettete er mindestens 3000 Menschen vor der Ermordung mehr als jeder andere Deutsche im Zweiten Weltkrieg. Israels Holocaust-Forschungszentrum Yad Vashem ehrte Calmeyer deshalb 1992 als Gerechten unter den Völkern″.

Ich habe dieses Projekt nachdrücklich unterstützt, nicht nur, weil ich mich selbst mit Hans Calmeyer befasst habe, sondern vor allem, weil das Friedenslabor objektiv ein dem Förderzweck des Programms äußerst angemessenes Projekt ist″, erklärte Middelberg, der 2003 seine Doktorarbeit über den Osnabrücker Judenretter schrieb und 2015 eine Calmeyer-Biografie („ Wer bin ich, dass ich über Leben und Tod entscheide?″) nachlegte. Seit Dezember gehört der Bundestagsabgeordnete zudem einem von der Stadt eingesetzten wissenschaftlichen Beirat zur Schaffung des Hans-Calmeyer-Hauses in Osnabrück an.

Mit der Errichtung des Calmeyer-Hauses erfahre auch die grundlegende Arbeit von Peter Niebaum eine weitere Wertschätzung, stellte Middelberg fest. Der verstorbene Gymnasiallehrer und Ratsherr Niebaum war der Erste, der in Osnabrück schon 1988 in einer Publikation auf Calmeyers Rettungswerk aufmerksam gemacht hatte.

Bildtexte:
IRONIE DER GESCHICHTE: Die Villa Schlikker am Heger-Tor-Wall, einst NSDAP-Hauptquartier, wird mit finanzieller Hilfe des Bundes in ein Museum für den Osnabrücker Judenretter und Holocaust-Saboteur Hans Calmeyer umgebaut.
Hans Calmeyer in den 1950ern.
Fotos:
Gert Westdörp, Castan Filmkontor

Kommentar
Nur der erste Schritt

Mindestens 3000 Juden hat der Osnabrücker Rechtsanwalt Hans Calmeyer als NS-Funktionär in den Niederlanden durch bürokratische Tricks vor der Ermordung in Konzentrationslagern gerettet viel mehr als der für seine Liste weltberühmte Industrielle Oskar Schindler. Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zählt Calmeyer deshalb schon seit 1992 zu den Gerechten unter den Völkern″.

30 Jahre später wenn alles gut läuft ist dann endlich auch seine Heimatstadt in der Lage, ihrem bedeutenden, aber im Vergleich zu anderen lokalen Antikriegsgrößen wie dem Maler Felix Nussbaum oder dem Schriftsteller Erich Maria Remarque lange vernachlässigten Sohn ein museales Denkmal zu setzen.

Die dafür nötige Sanierung der Villa Schlikker bekommt Osnabrück schon mal so gut wie geschenkt. Der am Mittwoch bewilligte Bundeszuschuss von 1, 7 Millionen Euro deckt die vom städtischen Kulturdezernat veranschlagten Kosten zu 90 Prozent. Mehr geht nicht.

Doch der Umbau des heruntergekommenen Denkmals am Heger-Tor-Wall ist nur der erste Schritt. Ebenso wichtig wird es jetzt sein, eine Calmeyer-Dauerausstellung zu entwickeln, die heutigen Ansprüchen speziell junger Menschen genügt. Denn sie sind es vor allem, die hier aus der Vergangenheit etwas für die Zukunft lernen sollen.

E-Mail: s.stricker@ noz.de
Autor:
Sebastian Stricker


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