User Online: 2 | Timeout: 08:35Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
„Ich traute mir eine Rettung des Autostandortes zu″
Zwischenüberschrift:
Christian Wulff zur Karmann-Insolvenz
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Als der Osnabrücker Autobauer Karmann vor zehn Jahren in die Knie ging, stand Christian Wulff als Osnabrücker Abgeordneter und Ministerpräsident besonders unter Druck. Karmann konnte er nicht retten, aber den Autostandort im Fledder. Wie war das damals, Herr Wulff?

Herr Wulff, wie ist es für Sie, wenn Sie heute durch den Fledder fahren und das VW-Zeichen sehen?
Es ist jedes Mal ein besonderes Gefühl. Es macht mich froh. Die Karmann-Insolvenz war emotional sicher die schwierigste Herausforderung als Osnabrücker Abgeordneter in meiner Amtszeit als niedersächsischer Ministerpräsident. Ich hatte immer die betroffenen Arbeitnehmer und ihre Familien vor Augen. Ich kannte viele Karmänner und wusste, was die Standortschließung für sie und die Region bedeutet. Das Befriedigende an politischem Engagement ist dann, dass Sie später häufig sagen können: Ich durfte an einer Lösung mitwirken.

Sie hatten als Osnabrücker, als Ministerpräsident und Mitglied des Aufsichtsrates von VW eine Schlüsselposition in der Karmann-Krise. Wie war das für Sie?
Eine extreme Verantwortung. Nach Beendigung der Verbindung VW/ Karmann 2001 war absehbar, dass Karmann ein großes Problem hatte. VW hatte große Kostensenkungsprogramme durchgeführt und Produktion auch auf Druck von deren Betriebsräten in die eigenen Werke geholt. Karmann-Geschäftsführer Rainer Thieme hatte Mercedes und Kia gewonnen. Zu ihm und später Bernd Lieberoth-Leden stand ich in ständigem Kontakt. Der Crossfire, den ich noch in Hannover mit der US-Generalkonsulin vorstellen konnte, scheiterte am zu hohen Preis wegen des Dollarverfalls. Leider wurde der bei Karmann entwickelte IDEA-Sportwagen danach von keinem Hersteller gebaut. Die Suche nach Investoren in der arabischen Welt blieb auch erfolglos.

Sie standen damals mächtig in der Kritik, weil Sie im Wahlkampf Hoffnungen schürten, die sich nicht erfüllten.Alle haben sich aber eben erst später erfüllt.
Ich traute mir eine Rettung des Automobilstandortes Osnabrück mit Piëch und Winterkorn zu. Eine entsprechende Äußerung damals bei einem Gespräch mit dem Betriebsrat im Haus Rahenkamp kurz vor der Landtagswahl 2008 brachte mich allerdings schwer in die Kritik, auch ein NOZ-Kommentar ist mir da noch in unangenehmer Erinnerung.

Und dann kam auch noch die große Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 und 2009.
So merkwürdig es klingen mag: Die Wirtschaftskrise hat ihren Anteil daran, dass wir den Automobilstandort Osnabrück langfristig retten konnten.

Das müssen Sie erklären.
Porsche war mit einem strategischen Plan darangegangen, den VW-Konzern zu übernehmen. Und hatte eine besondere Feindseligkeit gegen Karmann. Karmann hatte Porsche verklagt wegen Ideenklaus aus dem IDEA-Projekt, durch die Instanzen gewonnen und aus dem Urteil Schadenersatz vollstreckt. Porsche-Chef Wiedeking wollte den Standort Osnabrück nun untergehen sehen. Vor der Finanzkrise war Porsche kraftstrotzend mit enormen Kreditzusagen der Banken. In der Finanzkrise bekam auch Porsche mit Banken Probleme. In dieser Situation gelang es in einem erbitterten öffentlich ausgetragenen Streit, gemeinsam mit dem Golfemirat Katar, dass VW als zwölfte Konzernmarke Porsche integrierte. Der Angriff war abgewehrt und ins Gegenteil verkehrt. Das war ein großer Erfolg, der bis heute Früchte trägt.

Es hieß, dass VW das Karmann-Werk gekauft hat, war der Dank von Ferdinand Piëch an Sie für die Unterstützung im Abwehrkampf gegen Wiedeking.
Stimmt das? Bei allen Beratungen waren mir zwei Punkte wichtig: Niedersachsen bekommt unabhängig vom VW-Gesetz dauerhaft zwei Sitze im VW-Aufsichtsrat in der Konzernsatzung durch Beschluss der Hauptversammlung zugesprochen, und in Osnabrück bleibt das Automobilwerk erhalten. Beides konnte in der Gesamtlösung durchgesetzt werden.

Die Entscheidung fiel in einer Aufsichtsratssitzung im November 2009. Können Sie sich an die Sitzung erinnern?
Natürlich, so etwas vergisst man nie. Die Entscheidung wurde auf den zweiten Sitzungstag an den Schluss verschoben. Später hat sich Martin Winterkorn dann immer wieder lobend über den neuen VW-Standort geäußert. VW hatte ganz schnell gemerkt, welch hohe Kompetenz Karmann hatte, wie unglaublich flexibel das Unternehmen war und wie fantastisch die Ausbilder und die Ausbildungswerkstatt arbeiteten. VW bekam günstig exzellent ausgebildete Arbeitnehmer und ein modernes Werk mit einer fast neuen Lackierstraße.

Wen haben Sie nach der Aufsichtsratssitzung als Erste angerufen?
Nachdem der Konzern den Beschluss veröffentlicht hatte, Gerhard Schrader, den damaligen stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden von Karmann, und Fritz Brickwedde. Übrigens: Die Gewerkschaft hat in dem ganzen Prozess eine sehr wichtige und konstruktive Rolle gespielt. Dafür bin ich den Spitzenleuten sehr dankbar, die ja auch unter hohem Druck ihrer Kollegen standen, von denen manche mit härteren Maßnahmen ihre Interessen durchsetzen wollten. Diese hätten eine Lösung erschwert. Es ging nur so im Konsens aller Beteiligten. Später habe ich in meiner Antrittsrede als Bundespräsident im Reichstag berichtet, dass ich Gewerkschaften sehr schätzen gelernt habe, und auch bei drei Gewerkschaftstagen in meiner kurzen Amtszeit lobende Worte gefunden.

Wie war die Zusammenarbeit mit dem Insolvenzverwalter?
Zu Ottmar Hermann hatte ich von Anfang an einen engen vertrauensvollen Kontakt aufgebaut. Aus meiner Perspektive ist das Insolvenzverfahren positiv verlaufen, weil alle Beteiligten Belegschaft, Insolvenzverwalter, Politik, Arbeitsagentur, Gewerkschaften sehr vertrauensvoll und zielgerichtet zusammengearbeitet haben. Es ist damals auch mit Förderung der Europäischen Union eine Beschäftigungsgesellschaft gegründet worden, die viele Karmänner aufgefangen hat. Für viele gab es aber auch große Härten, weil sie dann bei VW keine Beschäftigung fanden.

Was Osnabrück bis heute fehlt, ist ein eigenes Fahrzeug, das hier gebaut wird und Identität stiften kann. Etwas, auf das man als Osnabrücker und VWler zeigen kann. Wie sehen Sie die Zukunft des Werkes?
Da hätte ich tatsächlich Ideen, aber dazu sind heutige Aufsichtsräte und die jetzige Landesregierung in der Pflicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die meine Ideen in der Zeitung lesen wollen.

Bildtexte:
Er war Ministerpräsident, Abgeordneter und Mitglied des VW-Aufsichtsrates: Christian Wulff trug in der Karmann Krise vor zehn Jahren besondere Verantwortung.
Bei einer Karmann-Demo 2007 auf dem Markt.
Fotos:
dpa/ Peter Steffen, dpa/ Friso Gentsch
Autor:
Wilfried Hinrichs


Anfang der Liste Ende der Liste