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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Ein Fest für Archäologen
Artikel:
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Originaltext:
Seit Jahren fristet die Immobilie an der Johannisstraße Nummer 90aein tristes Leben. Im Sommer werden ihre Tage gezählt sein.Wer hätte gedacht, dass sie dort steht, wo einst ein wohlhabendertürkischstämmiger Osnabrücker über enormen Grundbesitz verfügt hat.

Wo ein Bauzaun steht, bleiben Menschen stehen. So auch an diesem Vormittag an der Osnabrücker Johannisstraße. Direkt gegenüber vom Hauptportal der Johanniskirche wird seit Anfang März gebuddelt, gehackt und gesucht. Ein Zelt wurde aufgestellt, ein Bagger trug die obersten Schichten ab und nun geht es vorsichtig mit kleinem Gerät weiter.

Schuld an den Arbeiten sind wir″, sagt Ingo Schellenberg vom Stephanswerk. Besonders betroffen scheint ihn sein Eingeständnis nicht zu machen. Im Gegenteil: Er lacht. Denn endlich tut sich etwas an der Immobilie Nummer 90a. Das gelbe Gebäude, das seit mehr als fünf Jahren nicht mehr bewohnt wird und seit zwei Jahren nicht einmal mehr als Lagerraum der Möwe dient, ist in keinem guten Zustand. Selbst von außen lässt sich das feststellen: kaputte Fenster, marodes Gebälk, bröckelnder Putz und nasse Wände.

Seit Sommer 2017 ist klar, dass das marode Haus etwas Neuem Platz machen wird. Der Abriss ist für Juni geplant, danach wird das Stephanswerk hier einen Neubau mit Flachdach errichten lassen. Unten sollen Geschäftsräume für soziale Einrichtungen entstehen, oben 19 Wohnungen für Studierende oder Auszubildende″, kündigt Schellenberg an.

Doch bevor abgerissen und neu gebaut werden kann, sind die Archäologen am Ball, genauer gesagt: am Ort. Wenn Bau- oder Gewerbegebiete in Stadt oder Landkreis Osnabrück ausgewiesen werden, ist es unsere Aufgabe einzuschätzen, ob durch die Erschließung und Bebauung der Gebiete mögliche archäologisch wertvolle Stücke verloren gehen könnten″, erklärt Axel Friederichs. Seit 2017 ist er Leiter des Fachdienstes Archäologische Denkmalpflege für Stadt und Landkreis Osnabrück.

Gibt es in dem betreffenden Bereich keine besondere Bodenbeschaffenheit oder geschichtlichen Hintergründe, geben Friederichs und sein Team meist schnell ihr Okay, und die Bebauung kann starten. Doch an der Johanniskirche wurde einst wohl Geschichte gemacht, vermutet Sara Snowadsky, die zusammen mit Ellinor Fischer Grabungsleiterin ist: Dieses Gelände ist seit vielen Jahrzehnten unbebaut, konnte daher Überbleibseln aus der Vergangenheit einen sicheren Platz im Erdreich bieten.″

An drei Stellen wird gegraben. Hier erhoffen sich die Archäologen Informationen über das Leben der Menschen und letztendlich auch über die Stadtgeschichte. Damit man bei jedem Wetter arbeiten kann, ist der größte Abschnitt überdacht.

Die Grabungsarbeiten sind auf zwei Monate angesetzt, danach wird einen Monat lang ausgewertet. Wenn es dann zum Abriss des Hauses kommt, wird noch einmal genau nachgesehen, was sich unter den Fundamenten befindet, so Fischer.

Der Fuß- und Radweg ist solange gesperrt. Nicht nur zur Freude der Passanten: Immer wieder verlaufen sich Fußgänger trotz der Absperrung auf die Baustelle, erzählt Snowadsky.

Zurück zur Stadtgeschichte: Das Neustädter Rathaus ist nur wenige Meter entfernt. Heute befindet sich hier das Restaurant Zinnober″. St. Johann, einst als Stiftskirche im Jahr 1011 gegründet, gilt als Keimzelle der bis 1306 eigenständigen Osnabrücker Neustadt. Darüber hinaus lässt die Lage des Grundstücks noch mehr erwarten: Wer es sich leisten konnte, genau gegenüber dem Kirchenportal zu wohnen, war vermutlich eher reich als arm″, so Fischer. Tatsächlich haben erste Recherchen der Archäologen anhand eines vom Zeichner Wenzel Hollar angefertigten Stadtplans aus dem Jahr 1633 ergeben, dass sich damals zur Kirche gehörende Gebäude an der Grabungsstelle befunden haben. Hollar war nie in Osnabrück, recherchierte für seine Drucke aber sehr genau und verwendete für das Grundstück den U-förmigen Typus für Stiftsgebäude, also von Begüterten gestifteten Häusern.″

Ein weiterer Stadtplan von 1767 zeigt zwei parallele Bauten auf dem Grundstück mit einem großen anschließenden Garten. Was sich auch zeigt: Mit Grabstätten ist auf diesem Gelände eher nicht zu rechen. Der Friedhof von St. Johann war auf der Südseite, zudem befand sich zwischen Grabungsfläche und Kirche schon mehrere Jahrhunderte eine bedeutende Handelsstraße″, so Fischer.

1869 war das Grundstück im Besitz von der Familie Aly, wie eine Akte aus dem Staatsarchiv zeigt: Bei dem Nachnamen Aly mussten wir stutzen, denn besonders typisch für diese Gegend klingt er ja nicht″, sagt Snowadsky. Dass sich aber ausgerechnet an der Straße, die heute für ihre Masse an türkischen Fast-Food-Läden berühmt-berüchtigt ist, die Spuren des wohl ersten türkischstämmigen Bewohners Osnabrücks finden lassen, hat dann auch die Wissenschaftlerinnen überrascht. Denn bei den Alys handelt es sich um direkte Nachfahren des sogenannten Beutetürken Friedrich Aly, ursprünglich wohl Heydar Ali. Dieser wurde als junger Mann rund um das Jahr 1686 in den Türkenkriegen gefangen genommen und über Umwege nach Berlin verschleppt. Dort diente er am Hof und wurde auf den Namen Friedrich Aly lutherisch getauft.

Sein in Osnabrück lebender Nachfahre Friedrich Wilhelm Aly war Oberst und Kommandeur der vierten königlichen großbritannisch-hannoverschen Kavallerie-Brigade und kämpfte unter anderem gegen Napoleon. Allein die Größe des Grundstücks und der Häuser sprechen für einen gewissen Wohlstand Alys, so Archäologin Fischer. Sein prunkvoller, wenn auch verwitterter Grabstein findet sich noch heute auf dem Johannisfriedhof.

Dank der Pläne erklärt sich auch, warum es an der Johannisstraße aktuell nur eine Hausnummer 90a gibt, aber keine Nummer 90: Gut zu erkennen ist, dass das Haupthaus damals die Nummer 90 war und die Nummer 90a ein an der Straße gelegenes, damals eher als Nebengebäude genutztes Häuschen war″, so Fischer. Das Haus Nummer 90 verschwand im Laufe der Jahrhunderte wie auch der große Garten. Heute befindet sich an ihrer Stelle die Drei-Religionen-Grundschule.

Um 1880 kaufte der Gerber Carl Phillip Wiemann das Grundstück. Diese Familie war eine der angesehensten Kaufmannsfamilien der Stadt. Um 1909 entstand an der Adresse ein Haus, im Stil des Historismus neu gebaut. Unten befand sich das Ladengeschäft, oben werden Lager- und Wohnräume vermutet.

Doch von der Pracht bleibt nach dem Zweiten Weltkrieg wenig: Zerstört durch Bomben, wurde an seiner Stelle ein zweckmäßiger Bau errichtet, dessen Tage im Sommer gezählt sein werden. Interessant für die Archäologen ist allerdings nicht die jüngere Vergangenheit, sondern die Jahrhunderte vor 1900 und was von ihnen übrig blieb. So konnten bereits in den ersten Tagen Teile der Gartenmauern des Grundstücks freigelegt werden. Archäologiestudenten aus Münster sind nun dabei, mit Schaber, Kelle und einem Handfeger die Steine freizulegen.

Quasi im Garten des Hauses 90a findet sich zudem ein Ort, der wohl einmal für Hausmüll gedient haben muss: Rippchen, ein großer Zahn von einem Tier, aber auch die Überreste einer defekten Tonkopfpfeife aus dem 17. Jahrhundert finden sich dort neben Scherben eines Gefäßes aus Westerwälder Steinzeug, dessen grau-blaue Maserung die Jahrhunderte im Boden sichtbar gut überstanden hat. Ellinor Fischer freut sich: Dass wir schon bei den ersten Grabungstagen soviel finden, zeigt, dass unsere Annahme richtig war: Hier gibt es noch viel zu entdecken.″

Tag der offenen Grabung: Auch die Osnabrücker sollen in die Ausgrabungen einbezogen werden: Zum Ende der Grabungszeit wird ein Tag der offenen Grabung″ veranstaltet, bei dem jeder einmal Archäologe spielen darf, kündigt Sara Snowadsky an.

Bildtexte:
Bie Wind und Wetter: Lukas Lammers und Annika Kerber tragen den historischen Boden Schicht für Schicht ab.
Abriss mit Folgen: Weil dieses Haus weichen muss, schlägt die Stunde der Archälogen.
Begutachten die Funde: Sara Snowadsky, Ingo Schellenberg und Ellinor Fischer.
Fotos:
Michael Gründel

Für leere Häuser und ihre Geschichte hat Reporterin Corinna Berghahn von jeher ein Faible. Umso begeisterter war sie von diesem Termin an der Ausgrabungsstelle, der zeigte, dass Osnabrück und seine Einwohner vielleicht immer schon diverser waren, als manche Bürger sich das vorstellen mögen.
Autor:
Corinna Berghahn


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