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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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200 Meter reichen nicht
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2018 produzierten Windkraftanlagen im Landkreis über 50 Prozent mehrStrom als noch im Jahr 2016. Mittlerweile sind 162 von ihnen im Betrieb.In den kommenden Jahren sind viele weitere geplant. Doch wie hochwerden künftige Anlagen? Und wie soll der Strom gespeichert werden? Auf der Suche nach Antworten im Bürgerwindpark Kalkriese.

Zwölf Windkraftanlagen stehen im Bürgerwindpark Kalkriese. Sie alle haben an diesem Tag ihre 62 Meter langen Rotorblätter nach Nordwesten ausgerichtet. Doch nicht eine dreht sich. Der Wind weht nicht stark genug. Es herrscht Flaute. Trotzdem muss Ralf Große-Endebrock die Anlage, die wir hinaufklettern wollen, abschalten. So sind die Sicherheitsvorschriften″ sagt der 53-jährige Bramscher. Große-Endebrock ist einer von zwei Betreibern des Bürgerwindparks. Dem Landwirt gehört ein Bauernhof ganz in der Nähe. Mit dem Auto nicht einmal fünf Minuten entfernt. Er hält dort Milchkühe, Schweine und Bullen. Seit zweieinhalb Jahren ist er auch Miteigentümer von zehn Windkraftanlagen. Die anderen zwei gehören einer Genossenschaft.

Um die Anlage abzuschalten, muss Große-Endebrock an ihren Computer. Der befindet sich direkt hinter der Eingangstür in einem großen Kasten. Nach der Abschaltung dreht sich die Gondel der Anlage mitsamt den Rotorblättern langsam aus dem Wind. So langsam, dass es mit bloßem Auge kaum zu erkennen ist.

Die Anlage ist samt den Rotorblättern 200 Meter hoch und gehört damit zu den höchsten im Landkreis Osnabrück. Trotzdem ist sie für heutige Maßstäbe schon nicht mehr hoch genug. Es lohnt sich heutzutage nicht mehr, Anlagen dieser Größe zu planen″, erklärt Große-Endebrock. Damit lasse sich zukünftig nicht mehr genug Geld verdienen. Dabei drehen sich seine Windräder erst seit zweieinhalb Jahren. Der Landkreis listet jede Anlage im Kreisgebiet samt Höhe, Leistung und Datum der Inbetriebnahme auf. Die Daten zeigen, dass sich die Höhe der Windräder seit den 80er- Jahren mehr als verfünffacht hat. Zudem schreibt die Gemeinde Fürstenau, dass auf ihrem Gebiet zukünftig Anlagen mit einer Gesamthöhe von 228 Metern stehen könnten. Die Gesamthöhe einer Anlage errechnet sich jeweils aus der Nabenhöhe des Turmes und dem Durchmesser der Rotorblätter.

Sicherheitsvorschriften

Große-Endebrocks Windkraftanlagen kommen vom dänischen Hersteller Vestas. Die Türme der Vestas V126 bestehen aus 5 Bauteilen, die jeweils 30 Meter hoch sind. Sie wurden komplett aus Stahl gefertigt. Ralf Große-Endebrock erklimmt seine Anlagen in den meisten Fällen mit der Leiter. Das geht schneller″, erklärt er. Runter brauche ich an der Leiter nur fünf Minuten″. Mit dem Fahrstuhl dauere es zwanzig Minuten. Ein schwarzes Kabel neben der Leiter führt den produzierten Strom hinunter. Die Spannung darin beträgt 30 000 Volt.

Innerhalb der stählernen Röhre hallt jedes Geräusch noch sekundenlang nach. Das macht es schwer, sich zu unterhalten. Zudem darf man sich dort nur mit einem Steigegeschirr nach oben bewegen. In der Mitte der Leiter befindet sich eine Schiene, in der einer der Haken ständig eingeklinkt sein muss für den Fall, dass man den Halt verliert.

Neben den Sicherheitsvorschriften müssen die Betreiber vor der Inbetriebnahme auch zahlreiche Natur- und Umweltschutzauflagen bedenken. Die Windkraftanlagen im Bürgerwindpark Kalkriese sind zum Beispiel so programmiert, dass sich einzelne Anlagen zu bestimmen Zeiten abschalten. Hintergrund ist, dass die riesigen Rotorblätter für Fledermäuse und Vögel zur Todesfalle werden können. Sie können nicht nur von den Rotorblättern erschlagen, sondern auch durch die erzeugten Verwirbelungen der Luft getötet werden. Auch wenn sich Anwohner von den Schatten der Rotorblätter gestört fühlen, kann der Landwirt seine Anlagen so programmieren, dass sie sich zu bestimmten Tageszeiten abschalten.

Der Landkreis Osnabrück hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 den Anteil der erneuerbaren Energien im Stromsektor auf 100 Prozent zu erhöhen. Die Windkraft spielt dabei eine Schlüsselrolle. In nur drei Jahren konnte der Kreis die Stromerzeugung aus Windkraft um mehr als die Hälfte erhöhen. Nach Angaben von Landrat Michael Lübbersmann (CDU) hat der Landkreis seit 2010 insgesamt 200 Millionen Euro in Windenergieprojekte investiert. Mittlerweile sind 162 Windkraftanlagen im Landkreis in Betrieb. Burkhard Riepenhoff, Sprecher des Landkreises, sagt, dass insgesamt 45 weitere Windkraftanlagen geplant seien, ein Großteil davon in der Samtgemeinde Fürstenau.

Windparks wie der in Kalkriese liefern inzwischen Strom für Zehntausende Haushalte. Eine einzelne Anlage des Bürgerwindparks Kalkriese produziert in einem Jahr circa sieben Millionen Kilowattstunden (kWh) Strom. Das genügt für 1750 Haushalte (bei einem Durchschnittsverbrauch von 4000 kWh).

Die Entwicklung ist aber noch nicht zu Ende. Onshore wie Offshore sind bereits größere Anlagen in der Projektpipeline″, sagt der Sprecher des Bundesverbands Windenergie e. V. Onshore″ bedeutet, dass die Windkraftanlagen auf dem Land stehen. Stehen sie hingegen im Meer, spricht man von Offshore″. Solche Anlagen sind in der Regel höher und leistungsstärker als die Onshore-Anlagen. Bis Mitte 2020 werde Vestas einen Prototyp für den Onshore-Markt, die Vestas V162, errichten. Ein Blick auf die Website des Herstellers zeigt: Sie würde knapp 60 Prozent mehr Strom produzieren als eine einzelne Anlage im Bürgerwindpark Kalkriese. Außerdem könnte sie bis zu 247 Meter hoch werden.

Windkraft-Gegner befürchten neben gesundheitlichen Risiken auch eine Zerstörung des Landschaftsbildes durch die immer höheren Windkraftanlagen. Die Große Koalition hat auf Bundesebene deshalb eine Arbeitsgruppe gegründet. Sie soll konkrete Maßnahmen, wie zum Beispiel eine Höhenbegrenzung, prüfen. Ergebnisse werden im März erwartet. Der Bundesverband Windenergie lehnt eine Höhenbegrenzung ab. Um das Klimaschutzziel zu erreichen, sei eine Beschränkung nicht zielführend. Große-Endebrock beschwichtigt: Die Windkraftanlagen werden zwar immer höher, aber dafür drehen sie sich langsamer, und wir brauchen weniger von ihnen, um die gleiche Menge Strom zu erzeugen.″

Den Strom erzeugt der Generator. Er ist das Herzstück einer Windkraftanlage und befindet sich ganz oben im Turm in der sogenannten Gondel, direkt hinter den Rotorblättern und dem Getriebe. Im Innern der engen Gondel ist die Luft warm und stickig. Es riecht nach Öl. Überall sind Warnschilder angebracht, die vor Stromschlägen und Hitze warnen. Nicht alle Anlagen sind gleich aufgebaut, erklärt Ralf Große-Endebrock. Die Enercon-Anlagen produzieren ihren Strom getriebelos. Deshalb ist bei ihnen der Generator weitaus größer als bei anderen Anlagen.″ Die Gondel der Enercon-Anlagen ist aus diesem Grund meist kugelförmig.

Speicher-Problematik

In der Vergangenheit gerieten Windkraftanlagen gelegentlich in Brand. Erst vor zwei Jahren wurde dabei ein 26-jähriger Techniker in Bramsche schwer verletzt. Im Landkreis Emsland kam es im letzten Jahr zu zwei größeren Bränden. Für solche Notfälle befindet sich in der Gondel eine Rettungsausrüstung. Mithilfe dieser ist es möglich, sich mit einem 150 Meter langen Seil über den Seilzug abzuseilen.

Mit Blick auf die Zukunft sind vor allem die Speichermöglichkeiten des Stroms aus erneuerbaren Energien wichtig. Die Energiewende ist noch nicht zu Ende gedacht″ sagt Große-Endebrock. Wenn weder die Sonne scheint noch der Wind weht, müsse man auf gespeicherten Strom zurückgreifen können. Als mögliche Speichermöglichkeit hebt er besonders das sogenannte Power-to-Gas″-Verfahren hervor.

Mit dem Power-to-Gas″-Verfahren wird aus überschüssigem Strom Gas hergestellt. So kann mithilfe der Elektrolyse aus Wasser Wasserstoff gewonnen werden. Diesem wiederum wird Kohlenstoffdioxid zugeführt, sodass Methan entsteht. Das könnte in einem unterirdischen Netz gespeichert werden. Hierfür könnte man das gut ausgebaute Erdgasnetz nutzen″, so Große-Endebrock. Bei Bedarf können Gaskraftwerke das Gas wieder verfeuern und so Strom produzieren. Der Strom würde also in Form von Gas gespeichert. Als weitere Möglichkeit nennt der Bramscher das Power-to-Heat″-Verfahren. Kurz gesagt wird mit dieser Variante Wärme aus überschüssigem Strom erzeugt, die entweder direkt bereitgestellt oder in Fernwärmespeichern gespeichert werden kann. Auch in klassischen Akkus könnte Strom gespeichert werden, sagt Große-Endebrock.

Der Landkreis verfolgt indes das Ziel, bis 2030 den Anteil der erneuerbaren Energien im Stromsektor auf 100 Prozent zu erhöhen. Um das zu erreichen, werden fleißig immer mehr Windkraftanlagen gebaut.

Bildtext:
Knapp 200 Meter hoch sind die Windkraftanlagen von Ralf Große: Endebrock. Um an die Spitz zu gelangen, nimmt er am liebsten die Leiter. Anlagen dieser Größe würden sich aber nicht mehr rechnen, sagt der Landwird. Sie müssten noch höher werden - gegen derartige Pläne aber gibt es Widerstand.
Fotos:
Friedrich Niemeyer

Der Bau neuer Windkraftanlagen ist ein Thema, das die Menschen auf dem Land umtreibt. Kein Wunder wer will schon 200 Meter hohe Windräder vor seinem Haus stehen haben. Trotzdem sind die Anlagen für das Gelingen der Energiewende unersetzlich. Reporter Friedrich Niemeyer fragte sich, wie so eine Windkraftanlage eigentlich von innen aussieht und woran es liegt, dass man immer mal wieder einzelne Anlagen sieht, die sich nicht drehen. Im Laufe der Recherche war er überrascht, wie viel Strom eine einzelne Anlage produziert und wie anstrengend es ist, auf das Dach zu gelangen.
Autor:
Friedrich Niemeyer


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