User Online: 2 | Timeout: 13:26Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
„Vielleicht müssen Regeln gebrochen werden″
Zwischenüberschrift:
Lars Biesenthal von der Gesamtschule Schinkel gehört zu den Schülerstreik-Organisatoren
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Auch an gestrigen Freitag haben Osnabrücker Schüler wieder für eine konsequentere Klimapolitik gestreikt. Lars Biesenthal geht in die zehnte Klasse und ist Schülersprecher der Gesamtschule Schinkel. Der 16-Jährige ist Mitorganisator bei der Osnabrücker Fridays for Future″-Bewegung und berichtet von seinen Erfahrungen.

Woher kommt dein Interesse an Klimaschutz?

Das ist selbst mir ein kleines Rätsel. Schon als Kind habe ich irgendwie auf Mülltrennung geachtet. Aber auch meine Grundschullehrerin hat uns viel in der Natur unterrichtet und gezeigt, welche Folgen das Handeln der Menschen auf die Umwelt hat. Später habe ich dann viele Dokus zu dem Thema gesehen.

Wie ist es dann dazu gekommen, dass du die Streiks und Demonstrationen mitorganisierst?

Den ersten Streik in Osnabrück habe ich noch gar nicht mitbekommen. Vor dem zweiten hat mich dann ein Freund und Mitorganisator gefragt, ob ich nicht mitkommen will, da er wusste, dass ich mich schon mit dem Klimawandel auseinandergesetzt habe. Dann habe ich einmal mitgestreikt und angefangen, bei der Planung mitzuhelfen.

Und woher kommt gerade jetzt die Motivation für einen verbesserten Klimaschutz?

Sehr viele finden einfach, dass nicht genug gemacht wird, und in Deutschland war es bis jetzt so, dass sich die Jugend in der Politik sehr wenig gemeldet hat oder wenn, nur in kleinen Aktionen. Für Jugendliche ist es aber ein wichtiger Punkt geworden, dass ihre Zukunft geschützt wird. Aus unserer Sicht wird in der Politik der Schwerpunkt nicht ausreichend darauf gelegt. Deshalb melden sich jetzt viele Jugendliche, die wollen, dass Klimaschutz aktiver in der Politik verfolgt wird. Wichtig war da auch die große Geschichte um den Hambacher Forst. Da haben viele mitbekommen, dass politische Entscheidungen nicht innerhalb unserer Interessen liegen. Die meisten von uns können ja auch nicht wählen, weshalb wir anderweitig unsere Meinung kundtun müssen.

Woher kommt die Dynamik bei Fridays for Future?

Jugendliche brauchen oft erst wen, der etwas vormacht. Unter ihnen gab es in Deutschland bisher keinen, der öffentlich vorangegangen ist. Da brauchte es erst einmal ein Zeichen, wie Greta Thunberg aus Schweden, die gezeigt hat: Ihr könnt es doch eigentlich. Probiert es doch mal.″ Wenn mich ein Freund nicht angesprochen hätte, wäre ich auch nicht auf den Gedanken gekommen, streiken zu können. Gerade wegen der möglichen Strafen trauen sich viele nicht. Greta hat uns dann gezeigt, dass wir keine Angst haben müssen und dass es gut ist, die eigene Meinung kundzutun.

Du bist ja wahrscheinlich zum ersten Mal bei einem Streik oder einer Demo. Wie fühlt sich das an?

Bei dem Streik hab ich mich am Anfang schon gefragt, wie ich mich verhalten muss. Und bei so einem Streik denkt man meistens an ein langweiliges Rumgesitze von Leuten. Aber als ich das erste Mal bei den Freitagstreiks war, hab ich gesehen, dass ein Streik nicht trist sein muss, sondern auch Spaß machen kann. Wir streiken mit einem Ziel und haben beispielsweise durch die Workshops Spaß an der Sache.

Wie haben die Leute reagiert, die ihr während der Streiks und Demos in der Stadt angetroffen habt?

Mit ein paar von denen, die gegen uns waren, habe ich mich in ein Gespräch begeben. Einer davon hat mich einfach abgewiesen und wollte nicht darüber reden. Anderen aber konnte ich erklären, warum ich für den Klimaschutz streike. Am Ende kam ich mit einem sogar auf den Nenner, dass der Streik ja von Bedeutung ist.

Was denken eure Schulleiter über ihre streikenden Schüler?

Ich denke, die Schulleiter wissen insgesamt nicht genau, wie sie mit den Schülern umgehen sollen, da das Kultusministerium sich bisher nicht groß dazu geäußert hat. Jeder Schulleiter hat da dann eine eigene Herangehensweise.

Und wie ist das bei euch an der Schule?

Wir können die Fehlstunden entschuldigen lassen, wenn uns die Eltern eine unterschriebene Erklärung mitgeben, dass man bei einer Demonstration war. Unser Schulleiter sagt, dass wir als Schule den Sinn haben, politisch zu bilden, und da die Demonstration eine politische Aktion ist, wird man nicht direkt bestraft, wenn es eine Entschuldigung der Eltern dafür gibt. Wenn vom Ministerium aber eine Vorschrift kommt, würde unser Schulleiter der auch Folge leisten.

Seid ihr euch darüber bewusst, dass mit den Streiks die geltende Schulpflicht gebrochen wird und durchaus auch empfindliche Bußgelder verhängt werden könnten?

Viele sind sich dessen bewusst, dass, wenn man normalerweise die Schule schwänzt, auch Bußgelder kommen können. Ich kann meinen Mitschülern aber sagen, dass sie keine Bestrafung kriegen, solange sie die Entschuldigung ihrer Eltern haben. Wir nehmen ja eigentlich diese Strafen auf uns, um dadurch eine größere Zuhörerschaft zu bekommen. Da wir keine Arbeit haben, die wir für den Streik niederlegen können, legen wir halt die Schule nieder. Da haben wir zwar eigentlich das Gesetz, das uns das untersagt. Aber um ein offenes Ohr zu bekommen, müssen vielleicht Regeln gebrochen werden.

Also wäre es für euch nicht sinnvoll, außerhalb der Schulzeit zu streiken?

Wenn es nicht mit dem Verstoß gegen die Schulpflicht zusammenhängen würde, bekämen wir nicht das nötige Aufsehen. Vor drei Wochen sind wir aber auch streiken gegangen, obwohl wir eigentlich wegen der Zeugnisvergabe freihatten. Wir streiken ja nicht gegen die Schule, sondern nehmen das Schuleschwänzen als Druckmittel, um für ein größeres Anliegen mehr Zuhörer zu bekommen.

Haben viele Schüler Angst, durch den Streik versäumte Inhalte nicht nachholen zu können? Und wie geht ihr dann damit um?

Also bei den Abiturienten ist ja jede Unterrichtsstunde Gold wert, und da merkt man auch, dass es weniger gibt, die regelmäßig zu den Streiks kommen. Sie gewichten das dann für sich. Wir alle sind uns bewusst, dass wir den Unterricht nachholen müssen. Freitags ist aber meist ein kurzer Schultag, an dem man eh nicht so viel verpasst wie an anderen Tagen. Da kommt es dann natürlich auch auf die Fächer an. Viele Themen werden aber auch stundenübergreifend bearbeitet, sodass man sie ganz gut nacharbeiten kann. Es bedeutet natürlich einen zusätzlichen Zeitaufwand. Aber da helfen wir uns dann auch gegenseitig, wenn man in den gleichen Klassen ist.

Was sagen dir die Eltern, die um ihre Kinder besorgt sind, wenn sie die Schule versäumen?

Bei vielen Eltern habe ich mich selber gemeldet, weil Freunde oder gute Bekannte mir gesagt haben, dass ihre Eltern das Streiken verbieten. Ich habe mich natürlich selbst dafür interessiert, wieso sie es untersagten. Viele kommen dann mit dem Argument der Schulpflicht und wollen nicht, dass Inhalte verpasst werden. Manchmal hilft es dann, wenn ich ihnen sage, dass wir die Inhalte zusammen nachholen werden.

Wie kommt dein Engagement bei deinen Mitschülern an?

Am Anfang hatte ich schon die Sorge, wie es in meiner Klasse ankommt. Man will ja nicht als Öko-Freak oder so abgestempelt werden. Meine Mitschüler fanden das aber supertoll, und dadurch sind auch viele von ihnen mittlerweile regelmäßig bei den Streiks.

Bildtext:
Der 16-jährige Lars Biesenthal ist Mitorganisator der Schülerstreiks und Demonstrationen.
Foto:
A. Havergo
Autor:
Felix Westhoff


Anfang der Liste Ende der Liste