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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
„Grenzwert für Feinstaub ist noch zu hoch″
Zwischenüberschrift:
Osnabrücker Umweltmediziner: Auf Kindernasenhöhe begeben
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Sind die Grenzwerte für Feinstaub und Stickstoffdioxid überzogen? Vorige Woche haben wir mit dem Osnabrücker Lungenarzt Hagen Vorwerk gesprochen, der die Grenzwerte skeptisch sieht und fordert, die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Thomas Lob-Corzilius, Kinderarzt und Umweltmediziner aus Osnabrück, widerspricht seinem Kollegen.

Wenn Sie mit Dr. Vorwerk hier säßen, was würden Sie ihm sagen?

Mein Fokus ist ein anderer. Er kommt aus der klinischen Praxis als Lungenfacharzt für Erwachsene, ich betrachte die Problematik als Kinder- und Jugendarzt und Umweltmediziner. Herrn Vorwerk würde ich sagen, dass er wissenschaftlich falsch liegt. Er schließt wie Prof. Köhler und die anderen Ärzte, die die Stellungnahme unterzeichnet haben, aus seiner klinischen Erfahrung auf Gesundheitslasten der gesamten Bevölkerung. Das ist eine falsche Schlussfolgerung.

Warum?

Mein Kardinalvorwurf an Herrn Köhler und die anderen Unterzeichner ist: Sie verkennen, dass es mehr als tausend epidemiologische Studien gibt, die glasklar belegen, wie sich Feinstaub und Stickoxide auf die menschliche Gesundheit auswirken.

Herr Köhler sagt, die Studien seien extrem einseitig interpretiert worden.

Sämtliche nationalen und internationalen wissenschaftlichen Gesellschaften, die sich mit Luftschadstoffen befassen, haben diese Behauptung widerlegt, sie stimmt nicht. Es gibt keine einzige Studie, in der Köhler Verzerrungen oder Beeinflussungen nachgewiesen hat. Die Vielzahl der Beiträge und Studien auf diesem Gebiet zeigt eindeutig die Evidenz. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie, der Herr Köhler selbst angehört, hat in ihrem Papier 451 Literaturstellen aufgeführt und bewertet, die Weltgesundheitsorganisation an über 1000 Literaturstellen. Es kann aus meiner Sicht nicht der geringste Zweifel aufkommen, dass Feinstäube und Stickoxide schädlich sind.

Die Grenzwerte-Skeptiker sagen, die Verhältnismäßigkeit stimme nicht mehr. Auf der Straße gilt beim Stickstoffdioxid beispielsweise ein Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, an Industriearbeitsplätzen sind bis zu 950 Mikrogramm zugelassen. Wie passt das zusammen?

Die Grenzwerte sind Schutzwerte für alle. Sie sollen die Schwächsten unter uns schützen, Kinder, Alte und Kranke. Der Arbeitsplatzgrenzwert gilt nur bei besonderen Tätigkeiten und nicht für Büroarbeitsplätze. So ist zum Beispiel ein Schweißer erwachsen, in der Regel gesund und darf in einer Achtstundenschicht an 40 Stunden pro Woche dieser Belastung von bis zu 950 Mikrogramm im Mittel ausgesetzt sein. Die strengen Grenzwerte dienen dem vorbeugenden Gesundheitsschutz und sollen verhindern, dass Kinder über ihre ganze Lebenszeit 365 Tage im Jahr einer Luft ausgesetzt sind, die ihre Gesundheit schädigt. Kinder sind die zukünftigen Erwachsenen von morgen, Schädigungen ihrer in Wachstum und Reifung befindlichen Organe können teilweise zeitlebens nicht mehr wettgemacht werden. Ich habe zwei Enkel, ein und vier Jahre alt, die in Frankfurt leben: Ich möchte nicht, dass deren Lungenwachstum beeinträchtigt wird, wie es die WHO in ihrer Veröffentlichung zur Kindergesundheit im Herbst 2018 beschrieben hat.

Würden Sie mit Ihren Enkeln am Schlosswall in Osnabrück entlanggehen?

Kurze Wege sind kein Problem, aber täglich dort mit ihnen auf dem Fahrrad mit Kindersitz vorbeifahren? Das würde ich vermeiden und einen Umweg in Kauf nehmen.

Also getrennte Verkehrsbereiche: die Straßen den Autos, Alternativrouten für Fußgänger und Radler?

Wo es möglich ist, ja. Aber man kann persönlich das eine tun, darf das andere aber nicht lassen, nämlich sich für saubere Atemluft einzusetzen. Denn an vielen Stellen ist so eine Trennung ja auch schwierig. Beispiel Neumarkt mit dem jetzigen Autoverkehr: Da sind viele Menschen unterwegs, Kinder und Erwachsene. Der Jahresmittelwert beim Stickstoffdioxid lag dort im vergangenen Jahr bei 50 Mikrogramm. Das sind 25 Prozent über dem Grenzwert.

Der Grenzwert von 40 Mikrogramm ist umstritten. Professor Köhler meint, der Wert sei willkürlich festgelegt.

Die Grenzwerte sind nicht vom Himmel gefallen oder willkürlich festgelegt worden. Sie gründen sich auf die Erkenntnisse der Weltgesundheitsorganisation. Die WHO hat, wie ich schon sagte, das gesamte epidemiologische Wissen zusammengetragen und auf dieser Grundlage Richtwerte empfohlen. Diese Richtwerte sind in einem langen und intensiven Prozess vor mehr als zehn Jahren in europäisches und deutsches Recht umgesetzt worden. Dabei mussten sich die verantwortlichen Politiker fragen: Akzeptieren wir diese Werte, und können wir sie technisch, politisch, gesellschaftlich, sozial umsetzen? Dass es diesen schwierigen Prozess gegeben hat, wird von den Kritikern offenbar überhaupt nicht wahrgenommen. Auch Verkehrsminister Scheuer diskreditiert mit seinen Äußerungen das politische Handeln und die Notwendigkeit einer Konsensfindung.

Sie gehen noch weiter und fordern einen Grenzwert von 20 Mikrogramm für Feinstaub. Warum?

Nicht ich gehe noch weiter, sondern dies wird ab dem 1. 1. 2020 geltendes EU-Recht für Feinstaub kleiner als 2, 5 Mikrogramm sein. Laut dem Umweltbundesamt liegen die 2018 gemessenen Werte bundesweit in städtischen Gebieten zwischen 11 und 17. Die WHO empfiehlt schon jetzt 10 Mikrogramm, denn neuere Studien mit Kindern belegen, dass schon Konzentrationen von 20 Mikrogramm in der Außenluft zu vermehrten Krankenhausaufhalten wegen schwerer Atemwegsinfektionen führen. Eine kürzlich in Südengland veröffentlichte Studie erfasste die Belastung mit Luftschadstoffen wie Feinstäuben und Stickoxide bei Babys, die in Kinderwagen an viel befahrenen Straßen entlanggeschoben wurden. Das Ergebnis: Die Kinder haben bis zu 60 Prozent mehr Schadstoffe inhaliert als die Erwachsenen. Wir müssen uns in der Diskussion auf Kindernasenhöhe begeben.

Noch einmal zurück zur Verhältnismäßigkeit. Die Grenzwert-Skeptiker verweisen darauf, dass Kinder in der Wohnung viel höheren Konzentrationen ausgesetzt sind.

Ja, wir wissen schon lange, dass gasbetriebene Kochherde erhöhte Stickoxidkonzentrationen verursachen. Eltern berichten öfter davon, dass ihr Kind Atemnot entwickelt, wenn mit Gas gekocht wird. Deshalb sollte bei asthmakranken Kindern immer gefragt werden, womit zu Hause gekocht wird. Auch brennende Kerzen können Asthmakindern Probleme machen. Am schlimmsten ist es aber für alle Kinder, wenn sie zu Hause oder im Auto durch Eltern oder andere Erwachsene beraucht″ werden. Das ist Feinstaubbelastung pur. Dann muss der wichtigste Ansatzpunkt in der ärztlichen Betreuung sein, diese Eltern zu motivieren, in der Wohnung nicht zu rauchen. Das alles schließt aber nicht aus, die Kinder auch draußen auf der Straße vor Luftschadstoffen zu schützen.

Die WHO sagt dies, die Grenzwert-Skeptiker behaupten das Gegenteil. Wem soll ich als Laie glauben?

Die WHO und andere Gremien versammeln 99 Prozent des weltweiten Expertenwissens. Auf der anderen Seite steht hier in Deutschland eine kleine Minderheit von Lungenfachärzten. Wer die Begründungen beider Seiten gehört hat, kann dann auch als Laie entscheiden, wer überzeugender ist. Sie können das mit der Diskussion über den Klimawandel vergleichen: Weit über 95 Prozent der Forschung ist sich sicher, dass er menschengemacht ist. Sie finden trotzdem immer einen Forscher, Skeptiker oder Leugner, der anderer Meinung ist. Professor Köhler ist der deutsche Trump der Grenzwertdebatte bei Luftschadstoffen.

Bildtext:
Dr. Thomas Lob-Corzilius, Kinder- und Jugendarzt mit den Fachgebieten Allergologie, Kinderpneumologie und Umweltmedizin, fordert, in der Schadstoffdebatte die Perspektive von Kindern einzunehmen.
Foto:
Jörn Martens

Das ist der Hintergrund
Prof. Dr. Dieter Köhler, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, hält die Grenzwerte für Feinstaub und Stickstoffdioxid für überzogen. Die wissenschaftlichen Daten seien extrem einseitig interpretiert″ worden, immer mit der Zielvorstellung, dass Feinstaub und NOx schädlich sein müssen″, schreibt Köhler in seiner Stellungnahme, die 132 Mediziner unterschrieben haben. Gefährlichere Faktoren wie das Rauchen oder Alkoholmissbrauch würden nicht berücksichtigt.
Autor:
Wilfried Hinrichs


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