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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Osnabrücker im Hinterhaus mit Anne Frank
 
Auf den Spuren der Familie van Pels
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Das Tagebuch der Anne Frank gilt als Werk der Weltliteratur. Vor den Nationalsozialisten versteckte sich das jüdische Mädchen mit seiner Familie in einem Amsterdamer Hinterhaus. Was kaum bekannt ist: Auch eine Familie aus Osnabrück tauchte dort unter bis das Hinterhaus entdeckt wurde. Weil Anne Frank in ihrem Tagebuch Decknamen verwendete, erfuhr man in der norddeutschen Heimat erst spät vom Schicksal der Familie van Pels. Im Tagebuch heißt sie van Daan″. Hermann, Auguste und Peter van Pels lebten in Osnabrück in einem Haus an der Martinistraße, bevor sie 1937 in die Niederlande flüchteten. Heute erinnern Stolpersteine im Bürgersteig an ihre Ermordung. Über das Leben der Familie ist nicht viel bekannt, aber es lassen sich Spuren finden in Osnabrück und Amsterdam.

An der Martinistraße 67a blieb die Zeit nicht stehen. So wie überall in Deutschland, wo jüdisches Leben aus dem Stadtbild verschwand, drehten sich auch in dem Osnabrücker Eckhaus die Uhren weiter.

Der Krieg ging vorbei. Menschen zogen aus und ein. Aus den Wohnungen wurden Hotelzimmer und dann wieder Wohnungen. Im Erdgeschoss schloss die Trinkstube, auch die Spielhalle hielt sich nicht lange. Ein Geschäft für Motorradbekleidung eröffnete und machte dicht, danach schenkte wieder eine Kneipe aus. 1988 zerstörte ein Großbrand den Dachstuhl des Gebäudes, 24 Mieter mussten ausziehen.

Lange stand auf der Kippe, ob das Haus zu retten ist. In einem Leserbrief warnte ein Bürger vor dem Abriss. Er erinnerte an die historische Bedeutung″ des Hauses: In der ersten Etage des teilweise ausgebrannten Hauses wohnte bis zu ihrer Flucht in die Niederlande die Familie van Pels.″

Sein Brief an die Zeitung stammt vom 10. August 1988. Er findet sich sorgsam abgeheftet in einer grünen Kladde im Bauarchiv der Stadt Osnabrück. Der angestaubte Hefter enthält die Bauakte des Hauses Martinistraße 67a. Wer das vergilbte Papier in den Händen hält, muss Angst haben, es könnte reißen. Die ältesten Dokumente in der Mappe sind die Architektenpläne von 1927.

In den Neubau zog 1930 ein jüdisches Ehepaar mit seinem kleinen Sohn. Ein Vater, eine Mutter und ihr Kind. Heute erinnern drei Stolpersteine im Bürgersteig daran, dass Hermann, Auguste und Peter van Pels diese Stadt, diese Straße und dieses Haus einst ihre Heimat nannten.

15 Jahre nach ihrem Einzug sind sie tot, ermordet von den Nazis. Es gibt kein Grab für sie. Es ist unmöglich herauszufinden, wann genau sie gestorben sind″, sagt Gertjan Broek. Der leitende Historiker des Anne-Frank-Hauses erforscht das Leben und Sterben der Familie van Pels. Ihr Tod ist nicht registriert worden ein tragischer Umstand, der leider für Tausende in der Zeit gilt.″

Warum interessiert sich der niederländische Anne-Frank-Experte ausgerechnet für diese Osnabrücker Familie? Warum durchforstet er Amsterdamer Schullisten nach dem Namen Peter van Pels? Warum sucht er nach Dokumenten, die den Berufsalltag des Großhandelsvertreters Hermann van Pels beleuchten? Eines jungen Mannes, der für die Firma seines aus den Niederlanden stammenden Vaters Fleischereibedarfsartikel vertrieb.

Weil es sich bei der Familie van Pels um die von Anne Frank in ihrem Tagebuch beschriebene Familie van Daan handelt. Die Familie, die gemeinsam mit Anne und ihrer Familie in einem Amsterdamer Hinterhaus untertauchte, um den Nazis zu entkommen. Die Familie, mit deren Marotten sich die junge Anne während zweier entbehrungsreicher Jahre ohne Tageslicht und frische Luft herumschlagen musste. Weil Peter van Pels Peter van Daan ist: ein schüchterner Junge, den Anne Frank über lange Zeit langweilig findet, bis sie sich in ihn verliebt. Von Peter bekommt Anne ihren ersten Kuss.

Die jüdische Tagebuchschreiberin wählte in ihren Aufzeichnungen Pseudonyme, um die Versteckten zu schützen. Anne erwähnt, dass die van Daans aus Deutschland kommen, nicht aber, aus welcher Stadt. Bis heute haben die Decknamen so eine bemerkenswerte Folge: Das Schicksal der jüdischen Familie van Pels erfährt durch das literarische Vermächtnis der Anne Frank auf der ganzen Welt Beachtung, ist aber zugleich in der alten Heimat kaum jemandem bewusst. Lediglich eine geschichtsinteressierte Minderheit scheint zu wissen, dass die Wurzeln der van Daans in dem Eckhaus an der Martinistraße 67a liegen.

Zwei Wohnungen gibt es im ersten Stock des Gebäudes. Man weiß nicht, welche von beiden die Familie van Pels mietete. Es mag eine banale Detailfrage sein, aber es ist eine von unendlich vielen Lücken, die sich auftun, wenn man die deutsche Vergangenheit der Familie beleuchten will.

Hermann und Auguste heirateten 1925 in Wuppertal-Elberfeld. Aber wo, wann und wie hatten sie sich zuvor kennengelernt? Fühlten sie sich wohl in ihrer Wahlheimat Osnabrück zumindest zu Beginn? Wann wurden sie zum ersten Mal ausgegrenzt? Wie viele Gängelungen mussten sie ertragen, bis sie 1937 entschieden, mit dem zehnjährigen Peter das Land zu verlassen?

Es existieren kaum Zeugnisse, die all diese Fragen beantworten könnten. Vor zwei Jahren warf eine Ausstellung im Kulturhistorischen Museum in Osnabrück ein Schlaglicht auf das Schicksal der Osnabrücker Familie. Die gezeigten Exponate wählte Menno Metselaar vom Anne-Frank-Haus aus wobei der Projektleiter von einer echten Auswahl gar nicht sprechen mag. Wir haben das wenige genommen, was wir haben. Die Quellenlage ist sehr dürftig, es gibt nur eine Handvoll Bilder. Dennoch wollten wir der Familie ein Gesicht geben.″

Eine der Aufnahmen, die die Besucher der Ausstellung sahen, zeigt Peter van Pels im Kreise seiner Schulfreunde. Sieben jüdische Jungs, die sich die Arme um die Schultern gelegt haben und lächelnd, verschmitzt oder ernst in die Kamera blicken. Nur vier von ihnen überlebten den Holocaust. Peter van Pels steht in der Mitte und überragt seine Freunde um einen halben Kopf. Der zweite Junge von rechts ist Fritz Löwenstein. 1937 floh er mit seiner Familie aus Osnabrück in die USA. Nur wenige Monate vor seinem Tod führte der pensionierte Arzt Löwenstein 2012 ein Videointerview mit einer Dokumentarin des Anne-Frank-Hauses. Er sprach über seine Kindheit in Osnabrück und seine Freundschaft zu Peter. Da waren Jungen, die mich bedrohten und die mich sogar angreifen wollten, weil ich jüdisch war. Die machten nach, was ihre Eltern vorlebten. Ich bin weggerannt. Peter van Pels war stärker und größer als wir und hat uns meist beschützt.″ Was für ein Typ war dieser Peter, der so viel kräftiger war als seine Klassenkameraden? Er war eher schüchtern″, sagt Löwenstein in dem Interview. Er hat nicht viel geredet und viel mit sich selbst ausgemacht. Ich denke, das lag an seiner Schüchternheit.″

Auch Anne beschrieb Peter in ihrem Tagebuch als still und schüchtern. Als die Familie van Pels im Juli 1942 eine Woche nach den Franks ins Hinterhaus zog, wusste das forsche Mädchen nur wenig mit dem zurückhaltenden Jugendlichen anzufangen.

Das Versteck im Hinterhaus war der letzte Ausweg für Hermann, Auguste und Peter. Die Nazis, denen sie mit ihrer Flucht in die Niederlande hatten entkommen wollen, waren auch ins deutsche Nachbarland eingefallen. Ursprünglich hatte die Familie weiter in die USA emigrieren wollen, doch ihr Antrag beim Konsulat war chancenlos. Die USA hatten damals keine Flüchtlingspolitik, die Immigration wurde quotiert. Die Antragsnummer von Hermann van Pels ist nicht gezogen worden″, erklärt Historiker Broek vom Anne-Frank-Haus.

Annes Vater, Otto Frank, hatte den geheimen Unterschlupf im Hinterhaus seiner Firma gemeinsam mit Hermann van Pels vorbereitet. Die jüdischen Familien Frank und van Pels waren befreundet, seit Hermann van Pels in der Amsterdamer Gewürzfirma von Otto Frank angeheuert hatte. Sie lebten im selben Teil der Stadt.

In das versteckte Hinterhaus gelangten die Bewohner durch einen schmalen Eingang im zweiten Stock der Firma. Kurz nachdem die Untergetauchten eingezogen waren, baute ein eingeweihter Angestellter ein schwenkbares Bücherregal vor den Zugang. Für Unwissende war nicht zu erkennen, dass sich hinter dem Regal eine Geheimtür verbarg.

Im Hinterhaus lebten die Untergeschlüpften wochentags im Takt der Firma. Die Arbeitszeiten der Angestellten gaben vor, wann sie im Versteck die Klospülung betätigen, sich im Zuber waschen und gemeinsam essen durften, wann sie flüstern und auf Zehenspitzen durch die Zimmer schleichen mussten. Wenn sie sich still beschäftigen mussten, lernten und lasen die drei Jugendlichen. Otto Frank und Hermann van Pels übernahmen weiterhin geschäftliche Aufgaben für die Firma.

Sechs Angestellte und Freunde der Familie Frank wussten über die Hinterhausbewohner Bescheid. Sie füllten den Lebensmittelvorrat auf, überbrachten wichtige Nachrichten und sorgten mit ihren Besuchen für Abwechslung vom tristen Hinterhausalltag.

Der Nachtschlaf wurde immer wieder von Bombenangriffen auf Amsterdam unterbrochen. Je näher die Einschläge kamen, desto aufgewühlter reagierten die Untergetauchten. Anne schlüpfte regelmäßig zu ihren Eltern ins Bett. Auch Auguste van Pels ließ sich einmal in einem fremden Bett beschützen, wie in Annes Tagebuch nachzulesen ist:

Hermann und Auguste schliefen im Wohnzimmer des Hinterhauses. Hier wurde tagsüber gekocht, gemeinsam gegessen, gespielt, gelesen und gelernt. In Peters schmale Kammer passte nicht viel mehr als ein Bett. Das Anne-Frank-Haus ließ die Räume 1999 für Fotoaufnahmen so einrichten, wie sie zwischen 1942 und 1944 ausgesehen haben mussten. In der Schlussphase des Krieges und in der Nachkriegszeit waren viele Möbel und Einrichtungsgegenstände zerstört oder geklaut worden.

Seit 1960 macht das Anne-Frank-Haus als Museum die Geschichte der Untergetauchten für Besucher erfahrbar. 1, 2 Millionen Menschen besichtigten die versteckten Räume im vergangenen Jahr. Sie sahen eine kahle Version von Peters Kammer. An der Wand hängt hinter einem Glaskasten das Börsenspiel, das Peter zu seinem 16. Geburtstag geschenkt bekam, mehr nicht. Die Untergeschlüpften feierten den Tag gemeinsam im Hinterhaus.

Von Peters Raum führte eine Treppe hoch zum Dachboden. Hier schmuste Peter mit seiner Katze, hackte Brennholz und entzog sich nach Streits mit seinen Eltern der Strafe. Als Anne und er sich nach anderthalb Jahren im Unterschlupf annäherten, führten sie viele Gespräche auf dem Dachboden.

Nicht nur Annes Gefühle für Peter waren einem steten Wandel unterworfen. Auch ihr Verhältnis zu Hermann und Auguste veränderte sich. Besonders Auguste van Pels kam in Annes Briefen an die imaginäre Tagebuch-Adressatin Kitty″ schlecht weg. Anne beschrieb Peters Mutter als fleißig im Haushalt und als gute Köchin. Gleichzeitig beschuldigte Anne Auguste van Pels, Lebensmittel für die eigene Familie zu bunkern und den anderen im Haus nichts zu gönnen. Sie sei launisch und argwöhnisch. Anne geriet immer wieder mit ihr aneinander, wie sie schildert.

Annes Wutausbrüche in Tintenschrift können auch durch den einsetzenden Lagerkoller erklärt werden. Wer gezwungen ist, 24 Stunden am Tag über Wochen, Monate und schließlich Jahre aufeinanderzuhocken, sieht besonders die negativen Angewohnheiten des anderen. Ein Cousin von Auguste, der den Holocaust überlebt hatte, versuchte sich in den 1950er-Jahren an einer Ehrenrettung. Sein Zitat aus der Jüdischen Allgemeinen war in der Ausstellung zu lesen, die das Anne-Frank-Haus vor zwei Jahren in Osnabrück zeigte:

Meine Cousine Gusti, die ja etwas gerupft′ in dem Tagebuch wegkommt, war in Wirklichkeit ein kreuzbraver etwas hausbackener bürgerlicher Mensch, der keinem anderen etwas zu leide tat. Wenn während der Untertauchzeit sich gewisse Züge bei ihr entwickelten, so ist das nur auf das enge Zusammensein und Eingeschlossensein über Jahre hinaus mit den gleichen Menschen zu verstehen. Es war eine gewisse Haftpsychose, die sich bei all diesen Eingeschlossenen, deren Nerven zum Zerreißen angespannt waren, gebildet hatte.″

Im Gegensatz zu Auguste genoss Hermann Annes Respekt. Das Mädchen beschrieb den Kettenraucher als aufbrausenden, aber humorvollen Zeitgenossen, der viel von Politik versteht.

Otto Frank und Herman van Pels waren ursprünglich mit einer optimistischeren Vorstellung des Kriegsverlaufs ins Hinterhaus gezogen. Sie gingen davon aus, dass der Krieg in sechs Monaten vorbei sein und sie das Ende als Untergetauchte aussitzen würden″, glaubt Forscher Gertjan Broek.

Annes Eintrag vom 2. Mai 1943 liest sich rückblickend nun wie eine dunkle Vorahnung. Ihr Tagebuch endete abrupt mit einem Brief vom 1. August 1944. Bis heute wissen Historiker nicht sicher, ob die Versteckten verraten wurden, ob Ermittlungen der Polizei zu ihrer Entdeckung führten oder ob gar einfach nur ein böser Zufall den Ausschlag gab.

Der Nazijäger″ Simon Wiesenthal machte den SS-Oberscharführer ausfindig, der die Hinterhaus-Bewohner verhaftet hatte. Einer hat angerufen″, soll der österreichische Nationalsozialist ausgesagt haben.

Broek allerdings glaubt, dass dessen Erinnerung verfälscht gewesen sein könnte. Ein Dokument, das ohne Zweifel belegt, wie die Versteckten aufflogen, fehlt aber es wird gesucht. Ich halte es für möglich, dass wir diese smoking gun′, einen eindeutigen Beleg, noch finden″, sagt der Wissenschaftler. Im vergangenen Jahr nahm ein internationales Ermittlerteam um einen FBI-Experten die Fahndung danach als cold case″ auf.

Was ohne Zweifel feststeht: Am 4. August 1944 hielt ein Auto vor der Prinsengracht 263. Polizisten stiegen aus und drangen ins Hinterhaus ein. Die Untergetauchten wurden nach 25 Monaten im Versteck festgenommen. Annes Vater, Otto Frank, war der einzige von ihnen, der nicht ermordet wurde. Er sorgte dafür, dass das Vermächtnis seiner Tochter Anne überlebte.

Hermann, Auguste und Peter van Pels kamen nach einigen Tagen im Amsterdamer Gefängnis ins niederländische Durchgangslager Westerbork. Tagsüber wurden sie getrennt, aber abends konnten sie beisammen sein. Am 3. September 1944 pferchte man sie in einen Viehwaggon, dessen Türen sich erst drei Tage später wieder öffneten: im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Auf der Rampe sahen Hermann und sein Sohn Peter Mutter Auguste zum letzten Mal. Für Hermann van Pels bedeutete das Lager die Endstation. Nach einer Verletzung ermordeten ihn die Nazis Aussagen von Mitgefangenen zufolge in der Gaskammer, wahrscheinlich am 3. Oktober 1944.

Von Mann und Sohn getrennt, durchlebte Auguste eine Odyssee durch drei weitere Konzentrationslager. Am 1. November wurde sie mit Anne und Margot Frank nach Bergen-Belsen verlegt. Im selben Monat, in dem Anne und ihre Schwester an Fleckfieber starben, ging es für Auguste weiter nach Raguhn, wo sie in einer Metallfabrik arbeiten musste. Mitte April wurde sie erneut für einen Transport eingeteilt. In Theresienstadt kam sie aber nie an. Sie starb auf der Reise.

Peter gelangte mit einem der sogenannten Todesmärsche″ von Auschwitz nach Mauthausen, wo ihn die Zwangsarbeit körperlich zugrunde richtete. Broek und andere Forscher gehen davon aus, dass Peter am 10. Mai 1945 starb. Fünf Tage nach der Befreiung des Camps.

Erst Jahrzehnte später begann man in der Heimatstadt Osnabrück, die Schicksale der verfolgten und vernichteten jüdischen Einwohner aufzuarbeiten. Pionierarbeit leisteten Martina Sellmeyer und Peter Jung mit ihrem Buch Stationen auf dem Weg nach Auschwitz″, das 1989 erstmals erschien.

Damals organisierte die Stadt Besuche von emigrierten Juden, die den Herkunftsort ihrer Familien kennenlernen wollten. Eine der Besucherinnen war Trude Heymann, eine Cousine von Peter van Pels. Sie hatte einen Leidensweg durch etliche Konzentrationslager durchgemacht und war nach Kriegsende über Schweden nach Brasilien emigriert. Wir fielen aus allen Wolken, als sie uns sagte, ihr Cousin sei Peter van Daan aus Annes Tagebuch, und seine Familie stamme aus Osnabrück″, erinnert sich Sellmeyer.

Auch wenn die Osnabrücker Herkunft der Familie van Pels im Amsterdamer Anne-Frank-Haus längst bekannt war, hatte offenbar niemand die Information nach Osnabrück weitergereicht. Für Martina Sellmeyer wurden die Buchrecherchen zu einer Art Detektivarbeit. Wir haben in den Archiven gestöbert und nach Zeitzeugen gesucht.″ In einem Zeitungsartikel baten die Buchautoren 1983 um Hinweise auf das Osnabrücker Leben von Hermann, Auguste und Peter.

Trude Heymann, die mit ihrem Hinweis den Stein ins Rollen gebracht hatte, war die Einzige ihrer Generation, die aus der kinderreichen Familie van Pels überlebt hatte. Ihre Mutter, eine Schwester von Hermann, und eine zweite Schwester kamen in Konzentrationslagern um. Drei weitere Geschwister von Hermann waren in die USA, nach Chile und Brasilien ausgewandert. Sie blieben jeweils kinderlos, wie es die Autorin Maria von Borries in ihrem 1997 erschienenen Buch Euer Name lebt Zur Geschichte der Juden in der Region Bersenbrück″ aufzeigt.

Nach Recherchen von van Borries heiratete Trude Heymann in Brasilien und bekam eine Tochter. Das Mädchen sei Tierärztin geworden. Die Tochter spreche Deutsch, kenne aber Deutschland nicht, heißt es in dem Buch. Sie ist die letzte bekannte Überlebende der Familie van Pels.

Und das Haus an der Martinistraße 67a? Dort kamen in den 1980er- und 1990er-Jahren wohnungslose Frauen unter. Hedwighaus nannte sich die Übergangsbleibe vom Katholischen Verband sozialer Dienste (SKM). „ Das waren Frauen am Rande der Gesellschaft″, sagt der damalige Leiter des Hedwighauses Bernhard Lienesch. Später wurden auch ganze Familien aufgenommen, die ihre Wohnung verloren hatten.

Von der Geschichte des Hauses und seinen jüdischen Bewohnern habe er damals keinen blassen Schimmer gehabt, berichtet Lienesch. Erst seit 2007 stolpern Passanten über ein sichtbares Zeichen auf die Historie des Gebäudes. In den Bürgersteig vor dem Haus wurden gravierte Messingplatten für Hermann, Auguste und Peter eingelassen. Es waren die ersten Stolpersteine in ganz Osnabrück.

Heute befindet sich im Erdgeschoss des Eckhauses eine beliebte Pizzeria. In den beiden Wohnungen im ersten Stock haben sich Studenten-WGs eingerichtet. Das Leben geht weiter.

Bildtexte:
Decknamen im Tagebuch: Anne Frank verwendete Pseudonyme für die Untergetauchten im Hinterhaus. In Osnabrück blieb ide wahre Identität der Familie van Daan deshalb lange unentdeckt.
Verliebt: Peter van Pels war der erste und einzige Junge, den Anne Frank küsste.
Briefe an Kitty: In ihrem Tagebuch beschrieb Anne Frank das Leben im versteckten Hinterhaus.
Ehepaar: Auguste und Hermann van Pels heirateten 1925. Es gibt kein Foto mit Sohn Peter.
ECKHAUS: Bis 1937 wohnte die Familie van Pels an der Martinistraße in Osnabrück. Dann floh sie nach Amsterdam. Heute liegen Stolpersteine vor dem Haus.
BETT, TISCH, TREPPE: So könnte Peters Kammer im Hinterhaus ausgesehen haben. Das Anne-Frank-Haus ließ alle Zimmer 1999 für Fotos einrichten.
Repro:
Tagebuch der Anne Frank/ Meike Baars
Fotos:
Sammlung Anne-Frank-Haus, dpa, Allard Bovenberg
Autor:
Meike Baars


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