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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
„Grünkohl statt Braunkohle″
Zwischenüberschrift:
Schule schwänzen für den Klimaschutz: Tausende Jugendliche demonstrieren vor dem Kanzleramt
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Gestern Nachmittag vor dem Bundeskanzleramt, leichter Schneefall, minus 4 Grad. Wir sind mehr als 10000!″, schallt die Stimme von Luisa Neubauer aus den Lautsprechern. Das ist der größte Klimaschutzstreik in der Geschichte!

Berlin Riesenjubel erhebt sich im dichten Gedränge vor dem Zaun der Regierungszentrale. Viele junge, beseelte Gesichter. Schüler und Studenten aus Nürnberg, Kiel oder Lübeck sind in die Hauptstadt gereist, dem Aufruf der Bewegung Fridays for Future″ (Freitags für die Zukunft) und der Grünen-Nachwuchsorganisation Grüne Jugend gefolgt, statt in die Schule oder Uni zu gehen. Laut Polizei liegt die Teilnehmerzahl im mittleren vierstelligen Bereich.

Wir sind hier richtig viele″, ruft Luisa, eine Sprecherin der Bewegung. Es geht richtig los.″ Hopp, hopp, Kohle Stopp!″, schallt es rhythmisch zurück, und die Menge gerät in Wallung. Hüpfen für den Klimaschutz und um sich ein bisschen aufzuwärmen. Kanzlerin Angela Merkel lässt sich allerdings nicht blicken.

Die Schülerdemo ist der bisherige Höhepunkt der noch jungen Bewegung, die die 16-jährige schwedische Aktivisten Greta Thunberg gestartet hat. Sie schwänzt seit Ende August jeden Freitag die Schule und stellt sich mit einem Schild vor den Reichstag in Stockholm, auf dem steht: Schulstreik für das Klima.″ Greta ist inzwischen berühmt, redete vor den UN und gestern auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Die Welle schwappte Ende des Jahres nach Deutschland, vergangenen Freitag waren bundesweit Zehntausende auf die Straßen gegangen, anstatt die Schulbank zu drücken.Trillerpfeifen und Parolen

Gestern kommt es zur ersten zentralen Kundgebung, und der Termin ist gezielt gewählt: Während die jungen Klima-Aktivisten mit Trillerpfeifen, Plakaten und Parolen durchs Regierungsviertel ziehen, verhandelt im Bundeswirtschaftsministerium die Kohlekommission über das Datum für den Braunkohleausstieg und die Milliarden an Strukturhilfe für die betroffenen Regionen.

Das Wirtschaftsministerium ist am Mittag auch der Startpunkt der Demo. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hatte die Verhandlungen kurz unterbrochen und eine Delegation von Fridays for Future″ empfangen, ihnen erklärt, dass auch die Regierung aus der Kohleverstromung aussteigen will, allerdings nicht sofort. Und er kommt raus und spricht mit den Demonstranten, kann sie aber nicht überzeugen. Ein Scheiß″ sei das, schimpft Delegationsmitglied Jakob Blasel ins Mikrofon und heizt die Stimmung auf dem Vorplatz an. Wir wollen raus aus der Kohle, und zwar jetzt! Alle feiern uns, weil wir aussprechen, was alle denken!

Die Schüler feiern sich vor allem selbst, wie Till (12), Dario (12), Moritz (13) und Rosalie (13) vom Heinrich-Schliemann-Gymnasium in Berlin-Prenzlauer Berg. Wir wollen alle gemeinsam etwas gegen den Klimawandel tun″, sagt Rosalie. In einer Whatsapp-Gruppe haben sie sich organisiert, die Lehrerin hat sie ermutigt zu streiken. Die hat gesagt: Das lohnt sich, das hätte ich auch gemacht″, sagt Moritz. Im Unterricht wurden Videos von Greta Thunberg gezeigt, die junge Schwedin wird von den Berlinern als Galionsfigur verehrt. Dass in ihren Zeugnissen der Freitag nun als unentschuldigter Fehltag eingetragen wird, stört sie nicht ebenso wenig wie ihr Eltern.Ai Weiwei lobt Bewegung

Tatsächlich sind viele Eltern gleich mitgekommen. Auch ein berühmter Vater ist unter den Demonstranten: Ai Weiwei, der chinesische Künstler und Dissident, begleitet seinen neunjährigen Sohn Ai Lao. Die Erderwärmung hat die Welt in eine Krise gestürzt. Es ist bitter notwendig, dass die jungen Menschen sich jetzt erheben und die Politik zum Handeln zwingen″, sagt er. Dass die Kinder Verantwortung übernehmen, ist toll und zeigt, dass die Demokratie funktioniert.″ Ai Weiwei hofft, dass Fridays for Future″ zum Startpunkt für eine ganz breite Bewegung wird. Und er freut sich, dass die jungen Leute ganz unbehelligt streiken und protestieren dürfen. Ich habe 2011 in Peking eine Demonstration mit sieben Leuten organisiert. Dafür bin ich für 81 Tage eingesperrt worden.″

Die Jugendlichen in Berlin gehen kein echtes Risiko ein. Die Kundgebung könnte friedlicher und fröhlicher nicht sein, auch vor dem Kanzleramt rückt die Menge sofort vom Zaun zurück, als sie darum gebeten wird. Nicht nur das unterscheidet die jungen Klimaschützer von den Geldwesten-Protesten in Frankreich, die immer wieder in Gewalt umschlagen: Die Schüler sind nicht wütend, weil sie zu wenig Geld oder unsichere Jobs haben, sondern weil sie glauben, dass Politik und Wirtschaft die Umwelt zerstören. Es gibt keinen Planeten B″ und Grünkohl statt Braunkohle″ steht auf ihren Plakaten. Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsere Zukunft klaut″, rufen sie immer wieder.

Dass die Menschen in den Braunkohlegebieten um ihre Arbeit und damit um ihre Zukunft bangen, ist vielen hier bewusst, zählt für sie aber nicht. Auf einem toten Planeten gibt es keine Arbeitsplätze″, sagt Marie (17), die von der Docemus-Privatschule im brandenburgischen Grünheide angereist ist. Opfer seien notwendig. Wir würden auch teureren Strom bezahlen, wenn er grün ist″, sagt sie. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die wenigsten Demonstranten Eltern haben, die in der Industrie arbeiten und vom Kohle-Aus unmittelbar betroffen wären.

Bildtexte:
Bunte Plakate mit Parolen beherrschen gestern das Bild der zentralen Kundgebung der Bewegung Fridays for Future″.
PROMINENTER TEILNEHMER: Ai Weiwei mit seinem Sohn Lao.
Fotos:
AFP/ Odd Andersen, Tobias Schmidt
Autor:
Tobias Schmidt


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