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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Ein Suchbild und seine Auflösung
Zwischenüberschrift:
Der Martinstein erinnerte bis in die 1950er-Jahre an die Martinianer Laischaft
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Der kleine Dötz rechts auf dem historischen Foto ist Günter Wüstefeld. Beim Aufräumen stieß der heute 88-Jährige auf das Bild und rätselte, vor welches Denkmal er denn da wohl an der Hand seiner großen Schwester Helga gestellt worden sei.

Osnabrück Wen er auch fragte, er erntete nur Schulterzucken. Die Suche wurde erschwert dadurch, dass Wüstefeld in Herzlake lebt, seitdem die Familie 1942 in der Osnabrücker Weststadt ausgebombt und ins sichere Umland übersiedelt worden war. Aber auch wenn gegenwärtige Osnabrücker ihn besuchten, konnten sie nicht weiterhelfen. Keiner hatte das Denkmal oder das Brunnenhäuschen oder was auch immer es gewesen sein mochte, je gesehen.

Ein anderer Buten-Osnabrücker″ mit engeren Verbindungen in seine alte Heimatstadt, Karl Hahnenkamp, stellte schließlich den Kontakt zu unserer Redaktion her. Was tut der Lokalredakteur, wenn er nicht weiterweiß? Er greift auf sein Netzwerk stadtgeschichtlich beschlagener Mitbürger zurück. Mit Erfolg. Der heute in Belm lebende Helmut Meyer ist im Katharinenviertel groß geworden. Er hatte den richtigen Riecher und befragte den Autor des Standardwerks über die Osnabrücker Straßenbahnen, Alfred Spühr. Und siehe da, in dessen Archiv fand sich ein Foto, das eigentlich einem Straßenbahnzug an der Endhaltestelle Martiniplatz, dem heutigen Heinrich-Lübke-Platz, galt. Aber am rechten Bildrand ist auch das Denkmal mit dem charakteristischen Bogen aus Werksteinen zu erkennen. Damit war der Standort schon mal klar: in der kleinen Parkanlage an der Einmündung der Straße Am Kirchenkamp in die Martinistraße.

Parallel dazu war der Osnabrücker Ansichtskartensammler Helmut Riecken hilfreich. Aus seinem Bestand kommt die Ansichtskarte, die die Einweihung des Martinsteins anlässlich des letzten Schnatgangs der Martinianer Laischaft im Jahr 1907 zeigt. Da hatten wir nun also auch seinen Namen: Es handelt sich um den Martinstein. Der sollte an die 1907 aufgelöste Laischaft erinnern.

Sechs Laischaften gab es im spätmittelalterlichen Osnabrück, die nach den Stadttoren benannt waren, vor denen ihre Weidegründe lagen. So gab es die Heger Laischaft, die Natruper, die Hase-, die Herrenteichs-, die Johannis- und eben die Martinianer Laischaft. Diese Weidegenossenschaften hatten die ummauerte Innenstadt und die umliegende Stadtfeldmark wie Tortenstücke untereinander aufgeteilt.

Mit dem Fall des Festungsgebots 1843 und Siedlungsmöglichkeiten außerhalb der Stadtmauern verloren die Laischaften nach und nach ihre Daseinsberechtigung. Das bisherige Garten- und Weideland wurde zum Bauerwartungsland und bekam dadurch einen bedeutend höheren Wert. Der Laischafts-Buchhalter musste als Vorsitzender des Zusammenschlusses zwischen den häufig gegenläufigen Interessen der Noch-Viehhalter, der Gartenbesitzer und der Bauwilligen vermitteln. Schließlich wurde die Abwicklung zu seiner Hauptaufgabe, also die Aufteilung des Laischaftsbesitzes unter den Mitgliedern („ Interessenten″) und der Verkauf an Nicht-Laischaftsmitglieder. Lediglich die Herrenteichslaischaft mit ihrem Immobilienbesitz in der Stadt und die Heger Laischaft mit ihrem Waldbesitz in Gestalt des Heger Holzes widerstanden der Abwicklung und existieren bis heute.

Im Falle der Martinianer Laischaft ging es um 145 Hektar zwischen Rheiner Landstraße und Martinistraße, die nun der städtebaulichen Entwicklung der Weststadt zur Verfügung standen. Allerdings nicht in Gänze: Der Bibliothekar und Journalist Christian Geis( s) ler (1846– 1901), Künstlername Illo″, war in der Martinianer Laischaft sehr aktiv.

Als heimatverbundenem Stadthistoriker gefiel es ihm nicht, den alten Laischaftsbesitz ganz und gar zersplittert und zerstreut zu sehen. Er wollte einen Teil des Geländes der alten Gemeinschaft für alle Zeit″ erhalten. Geisler pachtete deshalb 1891 die Hochlage der Oberen Lehmkuhle″, errichtete dort eine Festhalle und, ganz wichtig, einen Fahnenmast für die schwarz-weiß-rote Flagge. Die Martinianer versammelten sich dort regelmäßig, feierten und genossen den herrlichen Rundblick über die Stadt. Der Flurname Illo′s Höhe″ setzte sich bis ins Grundbuch durch. Daraus wurde nach 1945 die Zentrale Sportanlage der Stadt.

Als weitere Gemeinschaftsfläche rettete man die kleine Grünanlage am Martiniplatz über die Zeiten. Hier errichtete die in Auflösung begriffene Laischaft das steinerne Denkmal, den Martinstein. Er trug ursprünglich eine Steinplatte mit einem eingemeißelten Gedicht über zwölf Zeilen, das in schwärmerischer Sprache die Schönheit des Ortes beschrieb. Zur feierlichen Einweihung und Übergabe an die Stadt im August 1907 erklang ein eigens zum Anlass getextetes Lied: Erinnern soll der Martinstein, einst an unser Walten, spätre Zeiten solln sich freun, an dem Tun der Alten.″

Doch daraus wurde nichts. Nach dem letzten Krieg stand der Stein der Straßenverbreiterung im Wege. Da er gleichzeitig verwittert und beschädigt war, verzichtete man auf eine Restaurierung und Umsetzung und räumte ihn ersatzlos ab.

Bildtexte:
Wo stand dieses Denkmal? Der damals vier- und heute 88-jährige Günter Wüstefeld (rechts neben seiner älteren Schwester Helga) bat um Aufklärung. Es handelt sich um den Martinsstein, der zwischen 1907 und etwa 1950 am Martinsplatz stand.
Ein Straßenbahnzug an der Endhaltestelle Martiniplatz, um 1950. Am rechten Bildrand ist der Martinstein zu erkennen.
Der mit Girlanden geschmückte Martinstein bei der Einweihung 1907 auf einer Ansichtskarte aus der Sammlung Helmut Riecken.
Die kleine Grünanlage am heutigen Heinrich-Lübke-Platz gibt es noch, allerdings ohne Denkmal.
Fotos:
Archiv/ Wüstefeld, Archiv Alfred Spühr/ W. Stock, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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