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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Stadtwerke lehnen die Gaskralle ab
 
Keine Gaskralle: Stadtwerke bauen Zähler aus
Zwischenüberschrift:
Sicherheitsroutine wird säumigen Zahlern zum Verhängnis / Teure Wiederinbetriebnahme
Artikel:
Kleinbild
 
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Originaltext:
Osnabrück Wenn ein Kunde trotz mehrfacher Mahnung seine Gasrechnung nicht bezahlt, drehen ihm die Stadtwerke Osnabrück nicht nur den Hahn zu, sie bauen gleich den Zähler aus. Die Wiederinbetriebnahme kostet bis zu 600 Euro ein harter Schlag für Menschen, die ihre Finanzen nicht im Griff haben und womöglich von Sozialleistungen leben. Deshalb bauen andere Versorgungsunternehmen nicht den Zähler aus, sondern sperren den Hahn mit einer Gaskralle ab. Die lässt sich leicht entfernen, wenn der Kunde wieder bei Kasse ist. Aber die Stadtwerke Osnabrück berufen sich auf die Sicherheit und pochen auf eine Dichtigkeitsprüfung. So sollen mögliche Manipulationen an den Leitungen aufgespürt werden.

Wer seine Gasrechnung nicht bezahlt, muss in Osnabrück mit harten Konsequenzen rechnen. Im Zweifel bauen die Stadtwerke den Zähler aus; die Wiederinbetriebnahme kostet bis zu 600 Euro. Ob diese Praxis legal ist, wird demnächst wohl ein Gericht prüfen.

Osnabrück Bei Christopher Cheeseman ist die Wohnung schon seit Monaten kalt. Der frühere Ratsherr der Linken hat es im Sommer schleifen lassen, als ihm die Stadtwerke wegen ausbleibender Zahlungen Mahnungen ins Haus schickten. Erst im Herbst bekam er die Kurve und wollte mit Unterstützung des Jobcenters seine Schulden begleichen. Doch da war es schon zu spät. Die Stadtwerke hatten ihm den Gaszähler ausgebaut.

Vorhängeschloss

In Osnabrück ist das so üblich, wenn jemand seine Rechnungen nicht bezahlt. Die Stadtwerke Netz GmbH (SWO Netz) begründet diesen rigiden Schritt mit Sicherheitserwägungen. Es gibt aber auch andere Möglichkeiten, wie Stefanie Schwarz vom Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) berichtet. So könne der Gashahn abgesperrt und verplombt werden, sagt die Sprecherin der Technisch-wissenschaftlichen Vereinigung. Zudem ließen sich Scheiben in die Zählerverschraubung einsetzen, die den Durchfluss stoppten. Für viele Versorger sei die Verwendung einer sogenannten Gaskralle gängige Praxis. Dabei wird der Gashahn mit einem Vorhängeschloss vor unbefugter Nutzung gesichert.

Falls ein Versorger den säumigen Kunden auch mit Elektrizität beliefere, biete es sich an, zunächst den Strom abzustellen, teilt Schwarz mit. Das ist einfacher zu handhaben. Und eine zusätzliche Unterbrechung der Gasversorgung sei dann meist gar nicht mehr erforderlich, heißt es dazu.

Der DVGW listet eine weitere technische Möglichkeit auf, um dem Grundsatz Ware gegen Geld″ Rechnung zu tragen. In Großbritannien installieren die Versorger Zähler mit Münzeinwurf, um an ihr Geld zu kommen. Solche Prepayment-Zähler hätten allerdings einen gravierenden Nachteil, meint die Sprecherin der Vereinigung. Der ungleich höhere Aufwand für die Hard- und Software, die Abrechnung und die Kundenbetreuung mache dieses System erheblich teurer.

Die Stadtwerke Osnabrück weisen darauf hin, dass ihnen der Gesetzgeber keine Vorgaben mache, durch welche Maßnahme eine Gasversorgungsunterbrechung zu erfolgen hat″, wie Sprecher Marco Hörmeyer für die SWO Netz erklärt. Es liege im Ermessen des Netzbetreibers, ob der Zähler nur gesperrt oder gleich ausgebaut werde. Bei der Abwägung müsse aber darauf geachtet werden, dass während der Versorgungsunterbrechung nicht an der Gaszufuhr herummanipuliert werde. Denn dann, so haben die Stadtwerke mehrfach betont, könnte daraus eine lebensgefährliche Angelegenheit werden.

Wir haben uns bei einer Versorgungsunterbrechung daher ganz bewusst für den Zählerausbau entschieden″, sagt Hörmeyer. Nur so könne sichergestellt werden, dass die Kundenanlage vor der Wiederinbetriebnahme durch einen Fachinstallateur auf ihre Dichtheit überprüft werde, so wie es der DVGW in seinem Regelwerk fordere.

Dass andere Energieversorger zur Gaskralle greifen und auf die Sicherheitsüberprüfung verzichten, ficht die Stadtwerke Osnabrück nicht an. Man wolle ja nichts unterstellen, beteuert Pressesprecher Hörmeyer, aber wenn auch nur einer der gesperrten Kunden an seinem Zähler herumschraube, dann könne das tödliche Folgen haben. Gasexplosionen habe es in Osnabrück ja schon gegeben. Deshalb gelte es, jedes Risiko zu minimieren.

460 Euro neue Schulden

Diese Risikovermeidungsstrategie führt dazu, dass ein Sozialhilfeempfänger, der einmal in die Abwärtsspirale geraten ist, mehrere Hundert Euro für den Wiederanschluss berappen muss. Für Christopher Cheeseman werden es rund 400 Euro für den Installateur und 66, 28 Euro für die Stadtwerke. Das Geld musste er sich leihen, das Jobcenter zeigte sich gnädig. In monatlichen Raten von 40 Euro wird es ihm nun von seiner ALG-II-Unterstützung abgezogen.

Cheeseman hofft, dass er seine Wohnung bald wieder beheizen kann. Wenn er nicht bald eine Arbeit findet, wird er seine neuen Schulden noch eine Weile abstottern müssen. Der frühere Ratsherr hält die Stadtwerke-Praxis mit dem Zählerausbau für eine Attacke gegen sozial Schwache. Deshalb erwägt er eine Klage gegen die SWO Netz. Cheeseman will durchsetzen, dass in Osnabrück nachsichtiger mit Menschen umgegangen wird, die in Geldsorgen geraten sind.

Bildtext:
Was hier fehlt, ist der Gaszähler. Für den Wiedereinbau muss sich Christopher Cheeseman mehrere Hundert Euro vom Jobcenter leihen.
Foto:
Thomas Osterfeld

Kommentar
Hier fehlt es an Augenmaß

Es gibt viele Möglichkeiten, säumigen Kunden das Gas abzudrehen. Die Stadtwerke haben sich für die teuerste entschieden. Wer trotz mehrfacher Mahnung nicht zahlt, bekommt einen Schlag verpasst, der ihm den Boden unter den Füßen wegzieht. Mit dem Zähler schwindet für manchen Menschen auch die Aussicht, dass er seine persönlichen Verhältnisse ordnen und die Gasrechnung wieder bezahlen kann. Denn für die Wiederinbetriebnahme geht mehr drauf als ein Hartz-IV-Monatssatz. Das ist in höchstem Maße unsozial.

Andere Gasversorger sperren den Anschluss mit der Gaskralle. Die ist zwar kaum zu knacken, aber den Stadtwerken reicht das nicht. Sie berufen sich auf die Sicherheit. Ein Argument, das nicht auf die leichte Schulter genommen werden darf. Aber das sich auch umdrehen lässt. Wer sagt denn, dass nicht an Gasleitungen herummanipuliert wird, wo regelmäßig gezahlt wird? Mit dem obligatorischen Zählerausbau werden alle Kunden unter Generalverdacht gestellt, die ihre Rechnung nicht beglichen haben. Das zeugt von fehlendem Augenmaß. Die Dichtigkeitsprüfung ist sinnvoll, aber nur, wenn es Anlass zu Zweifeln gibt.
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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