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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Für eine Handvoll Brot
Zwischenüberschrift:
In Stuttgart entdeckt: Was Lebensmittelmarken über die Not der Osnabrücker erzählen
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Der Erste Weltkrieg war vorbei, der Hunger nicht. Wie groß die Not vor 100 Jahren in Osnabrück war, zeigen Lebensmittelkarten, die heute in Stuttgart aufbewahrt werden. Welche Geschichte steckt hinter diesen Marken?

Osnabrück/ Stuttgart Eier, Mager- oder Buttermilch, 600 Gramm Weiß-, Grau- oder Schwarzbrot: Das konnten die Einwohner von Osnabrück im Frühjahr 1919 erwerben, wenn sie nicht nur das notwendige Geld, sondern auch die entsprechenden Lebensmittelkarten über die Ladentheke reichten. Einige Rationierungsmarken haben die Zeit überdauert und können so auch noch 100 Jahre später Auskunft über die schwere Zeit geben, die Osnabrück während und nach dem Ersten Weltkrieg erlebte. Sie zeigen nicht nur, zu welcher Zeit an welchen Gütern Knappheit herrschte, sondern auch, mit welch geringen Mengen die Haushalte auskommen mussten.

Trotz des allgemeinen Mangels wurden nicht alle Marken eingelöst. Schon während des Krieges entwickelten sich Lebensmittelkarten und Rationierungsmarken zu Sammelobjekten. Die zahlreichen Kriegssammlungen, die in dieser Zeit in Deutschland entstanden, setzten sich zum Ziel, den Großen Krieg″ möglichst umfassend zu dokumentieren. Aus diesem Anspruch heraus wurden nicht nur Bücher und Zeitschriften, sondern auch zahlreiche andere Materialien gesammelt. So kommt es, dass die Bibliothek für Zeitgeschichte in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart heute eine umfangreiche Sammlung aus der Zeit der Weltkriege besitzt. Unter den mehr als 6000 Marken aus ganz Deutschland, die vollständig digitalisiert wurden und online einsehbar sind (http:// avanti.wlb-stuttgart.de/ bfz/ lmkart/), befinden sich auch drei Marken der Stadt Osnabrück aus dem Jahr 1919. Welche Geschichte steckt hinter diesen Marken?

Während des Ersten Weltkriegs war Deutschland aufgrund einer britischen Seeblockade seit Kriegsbeginn zunehmend vom Überseehandel abgeschnitten. Da das Deutsche Reich bei Lebensmitteln und wichtigen Rohstoffen auf Importe angewiesen war, begann eine harte Zeit des Mangels, der immer größer wurde, je länger der Krieg dauerte. Bei Kriegsende litten große Teile der Bevölkerung an Unterernährung, etwa 800 000 Menschen starben während des Ersten Weltkriegs in Deutschland an Hunger.

Bessere Lage im Umland

Die Versorgungslage wurde zwar auch auf dem Lande schlechter, da die Ernteerträge schon aufgrund der fehlenden Arbeitskräfte geringer ausfielen, doch besonders hart traf die Lebensmittelknappheit die städtische Bevölkerung wie in Osnabrück. Dies lag daran, dass es in den Städten wesentlich weniger Selbstversorger gab als auf dem Lande. Während im Landkreis Osnabrück 17 635 Selbstversorger auf 12 700 Versorgungsberechtigte kamen, betrug das Verhältnis in der Stadt 616 zu 75 600.

Der angespannten Versorgungslage versuchten die Kommunalverwaltungen seit 1915 mithilfe von Beschlagnahmungen, festgesetzten Höchstpreisen, dem Ausweichen auf Ersatzstoffe und Rationierungen entgegenzuwirken. Die Grundnahrungsmittel, aber auch andere Mangelwaren wie Seife, Textilien, Leder oder Brennstoffe, waren fortan nur noch über Marken zu beziehen.

Das für die Zwangsbewirtschaftung in Osnabrück zuständige Einwohnermeldeamt gab zeitweilig 36 verschiedene Bezugskarten aus. Besonders groß war der Mangel an Fleisch und Fett. Nach einer immer weitergehenden Reduzierung der Fleischzuteilungen wurden 1918 schließlich fleischlose Wochen eingeführt. Die Rationierung sollte für eine gerechte Verteilung sorgen, konnte Mangel und Schwarzhandel jedoch nicht beseitigen und wirkte daher vielfach hilflos. Für die meisten Menschen an der Heimatfront wurden die Marken bald zu einem Synonym für die immer schwerer zu ertragende Mangelversorgung.

Musküchen in Osnabrück

Bereits kurz nach Kriegsbeginn 1914 hatte die Stadt Osnabrück erste Kriegsküchen mit günstigen Preisen zur Versorgung der Not leidenden Menschen eingerichtet. Der zunehmend stärkere Andrang war ein untrügliches Zeichen für die Not immer breiterer Bevölkerungsschichten. 1916 wurde außerdem die kostenlose Speisung unterernährter Schüler eingeführt. Eine Musküche″, die bis März 1916 über 16 000 Kilogramm Äpfel sowie 23 000 Kilogramm weiteres Obst verarbeitete, versorgte die Osnabrücker Lazarette mit Marmelade, musste aber wegen Zuckermangels im April 1917 ihre Arbeit einstellen. Das städtische Krankenhaus stieg sogar in die Schweinemast ein und legte einen Hühnerstall an, um die Versorgung des Personals und der Kranken sicherzustellen. Derweil versuchten viele Osnabrücker durch illegale Hamsterfahrten ins Umland, ihren mageren Speiseplan aufzufüllen.

Die Kartoffelfrage

Unzulängliche behördliche Maßnahmen, der Mangel sowie die ungleiche und als ungerecht empfundene Verteilung führten dazu, dass sich die Stimmung in der Heimat″ verschlechterte. Immer größere Teile der Bevölkerung forderten einen Friedensschluss, um nicht nur den Kampfhandlungen, sondern auch dem Hunger ein Ende zu setzen.

Staatssekretär Philipp Scheidemann (SPD) wies die Oberste Heeresleitung am 17. Oktober 1918 darauf hin, dass Stimmung und Moral der Bevölkerung eine Kartoffelfrage″ seien: Angesichts der großen Nahrungsmittelknappheit sei die Moral der Deutschen so schlecht, dass er von einer Verlegung neuer Truppen an die Front abrate. Und Vizekanzler Friedrich von Payer (Fortschrittliche Volkspartei) erklärte den Militärs, die darauf beharrten, die Kampfhandlungen der Ehre wegen weiterzuführen: Ich kenne keine Soldatenehre, ich bin einfacher schlichter Bürger und Zivilist. Ich sehe nur das hungernde Volk.″ Die Reichsleitung sah sich gezwungen, aus einer schlechten Verhandlungsposition heraus die Alliierten um einen möglichst baldigen Waffenstillstand zu bitten. Das am 11. November 1918 in Compiègne unterzeichnete Abkommen beendete die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs.

100 000 Hungertote

Doch warum gab es auch 1919 noch Lebensmittelmarken? Die Waffenstillstandsbedingungen sahen keine Aufhebung der alliierten Seeblockade vor, obwohl die deutsche Delegation gefordert hatte, den Schiffsverkehr derart zu gestalten, dass eine genügende Versorgung der deutschen Zivilbevölkerung″ mit Lebensmitteln gesichert sei. Dies wurde zwar formal zugesagt, doch drängte insbesondere Frankreich bis zum April 1919 darauf, die Blockade nahezu gänzlich aufrechtzuerhalten. Die französische Regierung wollte ein Druckmittel in der Hand halten, um Deutschland zum Abschluss eines Friedensvertrags zu zwingen.

Nach seriösen Berechnungen forderte diese Politik nach dem Waffenstillstand etwa 100 000 weitere Hungertote unter der deutschen Zivilbevölkerung. Erst im Brüsseler Abkommen vom 14. März 1919 über die Bezahlung der nach Deutschland einzuführenden Lebensmittel wurde die Blockade abgeschwächt, im April 1919 schließlich aufgehoben. Doch auch in der Folgezeit besserte sich die Lage nur langsam. Die Zwangsbewirtschaftung zahlreicher Produkte blieb noch bis 1920 bestehen.

Bildtexte:
In der Musküche an der Süsterstraße in Osnabrück verarbeiteten Frauen Früchte zu Brotaufstrich.
Die Bilder zeigen Rationierungsmarken der Stadt Osnabrück für Eier, Milch und Brot aus dem Jahr 1919.
Fotos:
Niedersächsisches Landesarchiv, Württembergische Landesbibliothek
Autor:
Christian Westerhoff


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