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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Der Hauptbahnhof als Wohnung
Zwischenüberschrift:
Irmgard Themann lebte von 1940 bis 1944 neben dem Bahnsteig
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Weil ihr Vater als Bahnbeamter Residenzpflicht hatte, wohnte Irmgard Themann von 1934 bis 1936 und dann noch einmal von 1940 bis 1944 in einer Dienstwohnung im Hauptbahnhof. Das anregend-geschäftige Umfeld prägte ihre Kindheit. Es gab allerdings kein Happy End.

Osnabrück Viele lärmgeplagte Nachbarn von Bahnstrecken fordern heutzutage Schallschutzwände und leisere Güterwaggons. Auf die Idee wäre im NS-Staat wohl niemand gekommen. So empfindlich war man damals nicht, man war doch froh, wenn man überhaupt eine passable Wohnung hatte″, sagt die heute 87-jährige Irmgard Themann.

Sie hat als Kind mit der Familie im zweiten Obergeschoss des westlichen Bahnhofsflügels auf der Seite zu den Bahnsteigen hin gewohnt. Direkt unter ihrem Schlafzimmerfenster rauschten tags und insbesondere nachts die Güterzüge durch. Gleich daneben war das (heutige) Gleis 11, wo die Züge auf der Ost-West-Strecke quietschend zum Stillstand kamen, angesagt wurden („ Zum Zug nach Rheine und Bentheim, bitte einsteigen!″) und kurze Zeit später geräuschvoll wieder anfuhren.

Die Lautsprecherdurchsagen liefen wie der Zugverkehr rund um die Uhr. Themann hat unter der Geräuschkulisse des Bahnbetriebs nie gelitten: Die haben wir so in uns aufgenommen, dass sie uns gar nicht mehr auffiel und schon gar nicht gestört hat.″

Der Hund kam immer mit

Irmgard durfte sich auf dem Bahnhof frei bewegen, eine Bahnsteigkarte brauchte sie nicht. Alle Beamten an den Sperren kannten sie als die Tochter des Reichsbahnbetriebswarts und ließen sie so durchschlüpfen. Freundin Anne musste allerdings für zehn Pfennig eine Bahnsteigkarte lösen. Die Mädchen machten sich einen Spaß daraus, die angestrengt hastenden Reisenden zu beobachten.

Wenn ein Truppentransportzug einen Halt einlegte, halfen sie den Schwestern von der Bahnhofsmission und dem Roten Kreuz, die Landser mit heißem Kaffee zu versorgen. Manchmal ging sie mit ihrem jüngeren Bruder auf die Humboldtbrücke, die über die Gleisanlagen des unteren Personenbahnhofs führt. Sie wussten, über welche Gleise die Züge ein- und ausfuhren, und stellten sich dann genau darüber in den Dampf. Für einige Sekunden konnten wir dann nichts mehr sehen. Wir trieben das manchmal so lange, bis wir pitschenass waren″, erinnert sich Themann.

Auf dem Bahnhofsvorplatz stand auch schon damals die Platane, jener markante Baum, der heute durch das ovale Dach des Bussteigs ragt. Früher war er von einer im Achteck umlaufenden Bank umringt. Dort spielte Irmgard häufig mit ihrer Freundin Anne. Mit dem Puppenwagen schleppten sie ihre Puppenkinder, die ganzen Puppenkleider und das Puppengeschirr an. Eine Hälfte der Bank war Irmgards Puppenwohnung, die andere Hälfte Annes.

Als eine Vierlings-Flak auf dem Eckturm des Bahnhofsflügels installiert wurde, musste die Familie ein Zimmer an das Luftkommando abgeben. Es wurde als Zugangszimmer benötigt. Von dort aus führte eine Holztreppe aufs Dach zu dem Geschütz und zur Baracke der Bedienmannschaft.

Der Leutnant war ein feiner Kerl, der mochte uns. Wenn kein Alarm zu erwarten war und die keinen Stress hatten, ließen sie uns auf dem Geschütz Karussell fahren″, schildert Themann. Die Flaksoldaten hatten einen Foxterrier als Maskottchen. Der durfte mit aufs Dach, hatte aber auch einen Narren an Irmgards Familie gefressen, besonders am Vater. Sobald er den Vater sah, folgte er ihm auf Schritt und Tritt, hüpfte sogar mit in die Straßenbahn.

Zu Weihnachten gab es Roggenplätzchen beim Bäcker Meyer am Pottgraben eine begehrte Rarität. Alles strömte dorthin. Auch der Vater reihte sich in die lange Warteschlange ein. Der Hund natürlich dabei. Als der Vater an die Reihe kam, lief der Hund auf einmal hinter den Tresen und sprang von einem geöffneten Plätzchenkarton in den nächsten. Die Verkäuferin stieß einen Schrei aus und rief: Wem gehört der Hund? Daraufhin eisiges Schweigen. Mein Vater hat sich nicht gemeldet, denn es war ja nicht sein Hund″, erzählt Irmgard Themann. Der Flakhund wurde vor die Tür gejagt und bekam Hausverbot.

Später stellte sich heraus, dass die Befestigungsanker der Flakbaracke im Dach nicht wasserdicht ausgeführt waren. Nach jedem Regenschauer lief in der Wohnung das Wasser an den Wänden herunter. Der Vater schrieb Eingabe über Eingabe, dass die Flak da wegmüsse. 1944 hatte er damit Erfolg. Unbewusst wurde er damit zum Lebensretter der Flaksoldaten, denn wenige Monate später erlitt die Plattform einen Bomben-Volltreffer.

Irmgard und ihre Familie waren nicht die einzigen Bahnhofsbewohner. Im anderen, dem südlichen Seitenflügel wohnte über der Turmstube und der Gaststätte der Bahnhofswirt Schorn. Unter Irmgards Familie, im ersten Obergeschoss des Westflügels, befand sich das Domizil des Amtmanns H. Ihn hat Irmgard Themann als strammen Parteigänger in Erinnerung.

Er war zeitweilig zur Bahnverwaltung nach Warschau im besetzten Polen abkommandiert. Wie Frau H. erzählte, bekam er dort eine luxuriös eingerichtete Wohnung mit dicken Teppichen und kostbaren Vorhängen in jedem Zimmer zugeteilt. Auf die Frage, wer denn wohl vorher darin gewohnt habe, soll Herr H. geantwortet haben: Werden wohl Juden gewesen sein, und da haben sie längst Schmierseife draus gemacht.″

Für die Mutter und Irmgard, die das Gespräch belauscht hatte, war dies ein schockierendes Schlüsselerlebnis. Die Mutter wurde in ihrer Anti-Nazi-Haltung bestärkt. Sie hörte den Feindsender″ BBC und ließ sich bisweilen zu leichtsinnig offenen Bemerkungen hinreißen. Wenn sie etwa auf Ämtern gezwungen war, den Deutschen Gruß″ zu entbieten, hob sie den Arm und murmelte dazu nicht etwa Heil Hitler″, sondern So hoch liegt der Schutt.″ Irmgard hatte gelernt, dass das die Mutter leicht Kopf und Kragen kosten konnte, und hatte so manches Mal große Angst um sie.

Irmgard verstand jetzt auch, warum ihre jüdische Freundin Helga Seligmann nicht mehr auf Besuch kommen durfte, nicht mehr Straßenbahn fahren durfte. Ab September 1941 musste sie den Judenstern tragen. Da wurde es noch schlimmer. Die Freundinnen trafen sich nur noch in Grünanlagen hinter Bäumen und Büschen. Wenn doch einmal ein Passant zu nahe kam, legten Irmgard und die andere Freundin Anne den Arm um Helgas Schultern, um den gelben Stern zu verdecken. Helga kam, nachdem die Eltern deportiert worden waren, ins Kinderheim am Schölerberg. Dort starb sie beim verheerenden Bombenangriff vom 21. November 1944, der insgesamt 51 Heimkinder in den Tod riss. Helgas Mutter wurde im KZ Ravensbrück ermordet, der Vater überlebte das KZ Theresienstadt.

Die häufigen Luftalarme bestimmten zunehmend das Leben der Bahnhofsbewohner. Der Bahnhofsbunker lag ja nicht weit entfernt. Aber der offizielle Weg führte über den oberen Bahnsteig und war recht weit. Die Bahnbediensteten hatten einen Schlüssel für die Pforte, durch die man eine Abkürzung über die Gleise des unteren Bahnhofs nehmen konnte. Bei jedem Alarm schnappte sich der Erste den Schlüssel, und dann ging es im Galopp auf kurzem Weg in den Bunker.

Gummiflak″ in der Luft

Fast alle Angriffe auf Osnabrück hatten auch den Hauptbahnhof zum Ziel, weil sich hier im Kreuzungspunkt der beiden Hauptstrecken mit einem gezielten Treffer gleich beide Strecken lahmlegen ließen. Schon bei Voralarm mussten alle Züge den Bahnhof verlassen und weiter draußen auf freier Strecke halten. Doch bald waren sie auch dort nicht mehr sicher. Tiefflieger beschossen sie mit Bordwaffen. Ein Sperrballon stand, von Seilen gehalten, über der Humboldtbrücke am Himmel. Das voluminöse Teil sollte die Zielerfassung der Bomber behindern. Diese allgemein als Gummiflak″ bezeichneten Ballone waren aber wohl nicht besonders wirksam.

Zur Trümmerberäumung nach Bombenangriffen zog man regelmäßig russische Zwangsarbeiter heran. Sie wurden wie eine Herde Vieh″ aus dem Barackenlager Klushügel über die Humboldtbrücke getrieben und mussten zur Kolonneneinteilung auf dem Bahnhofsvorplatz antreten. Irmgard saß im Wohnzimmer und konnte durch das Opernglas der Mutter alles genau beobachten.

Einmal sah sie, wie ein Gefangener sich im Vorbeigehen aus dem Müllbehälter eines Hotels einige Kartoffelschalen angelte. Der Wachmann sah es und schlug ihn mit dem Gewehrkolben nieder. Die Mitgefangenen mussten ihm wieder auf die Beine helfen. Spätestens da wurde Irmgard klar, dass die zerlumpten Gestalten hungerten. So oft es ging, erbettelte sie bei der Mutter Brotreste. Wenn die Männer abends nach dem Arbeitseinsatz sich wieder vor dem Bahnhof sammelten, kroch sie mit ihrem Bruder auf allen vieren zwischen deren Beinen herum und verteilte das Brot an die, die am abgemagertsten aussahen. Der Bruder bekam im Gegenzug einige aus Holz geschnitzte Flugzeuge geschenkt, die die Männer unter ihren Jacken versteckt mitgeführt hatten.

Das schaurige Finale des Wohnens im Bahnhof kam für Familie Themann am 13. September 1944 beim bis dahin schwersten Bombenangriff auf die Stadt.

Als es Entwarnung gab und sie aus dem Bunker traten, sahen sie Flammen aus ihrer Wohnung schlagen. Der Westflügel des Bahnhofs war schwer getroffen. Sie hasteten über den Bahnsteig, vorbei an zahlreichen Toten. Es waren, der Kleidung nach zu urteilen, wohl überwiegend Fremdarbeiter, denen man den Zutritt zu den Bunkern verwehrt hatte. Überlebende bedeckten die Gesichter der Toten, so gut es ging, mit Zeitungen. Ein brennender Zug stand im Gleis. Überall Trümmer. Alles rannte durcheinander: Reisende, Sanitäter, DRK-Schwestern und Bahnpolizei. Dazwischen quiekende Schweine aus einem getroffenen Viehtransport.

Irmgards ältere Schwester versuchte, in die brennende Wohnung zu kommen und Sachen herauszuholen. Dreimal gelang ihr das, sie konnte ein Oberbett, Vaters Anzug, der zufällig gerade an der Flurgarderobe hing, und den Volksempfänger bergen. Das alles lud sie auf der Achteck-Bank bei der Platane ab und befahl Irmgard, darauf aufzupassen, während sie ein viertes Mal in die Wohnung wollte, obwohl der Holzfußboden schon überall brannte.

Die Bahnpolizei verwehrte ihr das jedoch. Denn im Lichtschacht lag unten ein Blindgänger, der jeden Moment hochgehen konnte.

Alle Habseligkeiten, die der Familie geblieben waren, lagerten nun auf der Bank unter der Platane, in Irmgards Wohnung″, die sie so oft für ihre Puppen hergerichtet hatte.

Die Familie übernachtete die nächsten acht Nächte im Bunker und kam dann bei Verwandten unter. Die ganze Stadt war eine einzige Trümmerlandschaft. Irmgard Themanns Fazit: Der Größenwahnsinnige hatte geprahlt: Gebt mir vier Jahre Zeit, und ihr werdet Deutschland nicht wiedererkennen. Wie Recht er doch hatte!

Bildtext:
Der Hauptbahnhof um 1936: Links, vor dem Wasserturm, der Kopfbau des Bahnhofs-Westflügels mit dem Flachdach, auf dem später eine Flak-Batterie errichtet wurde. Ansichtskarte aus der Sammlung Lothar Hülsmann.
Als Kind hat Irmgard Themann schöne und schwere Tage im Bahnhof erlebt.
Foto:
Joachim Dierks.
Autor:
Joachim Dierks


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